Die moderne Öffentlichkeit: Kommunizieren wir noch frei?

Da es in den letzten Tagen aufgrund dessen, dass Elon Musk Twitter einkauft, wieder vermehrt um „free speech“ und soziale Netzwerke ging, möchte ich gerne eine kleine Zusammenfassung wesentlicher Elemente von Öffentlichkeit und Social Media mit euch teilen. Die Arbeit habe ich 2019/2020 verfasst. Da gerade dieses Feld einem stetigen Prozess unterliegt und sich damit verändert, kann man manche Punkte heute sicher umfassender und variierter diskutieren. Dennoch meine ich, ist der Kern nach wie vor aktuell.

Inhalt

I. Öffentlichkeit eine Hinführung
II. Öffentlichkeit nach Habermas
a. Diskursive Öffentlichkeit
b. Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit
III. Massenmedien und der politische Meinungsbildungsprozess
IV. Internet – Social Media und die politische Meinungsbildung
a. Mythos Internet
b. Social Media

  • Aufbau sozialer Netzwerke und deren Kommunikation
  • Soziale Netzwerke als Werkzeug für Kampagnen politischer Akteure
  • Effekte sozialer Netzwerke auf politisches Verhalten
  • Informationsintermediäre und Meinungsbildung/Facebook
  • Die Schweigespirale

V. Fazit

I. Öffentlichkeit eine Hinführung

Der Begriff Öffentlichkeit ist zunächst recht abstrakt und er lässt viele Interpretationen zu. Im politikwissenschaftlichen Sinne lässt sich Öffentlichkeit als Raum zur gegenseitigen Aushandlung von Interessen definieren. Im Kern geht es um die Vermittlung und Kommunikation zwischen Staat und Bürgern, wobei das Allgemeinwohl und nicht die Partikularinteressen im Vordergrund stehen.[1]Mit der Entstehung des Bürgertums trennte sich Öffentlichkeit und Privatheit und es entstand die Vorstellung eines privaten Raumes. Die Intimität der Kleinfamilie, die sich jeder staatlichen Kontrolle entzieht.[2]Daran wesentlich beteiligt war der technologische Fortschritt, Buchdruck, industrielle Revolution, Zeitungen, Romane. Hierbei  stellt Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und der Theorie von der deliberativen Demokratie durch einen herrschaftsfreien Diskurs das grundlegendste Werk dar.[3]Im weiteren Verlauf der Entwicklungen entstanden die Massenmedien, die die Struktur der Öffentlichkeit geprägt haben und nach Schmidt und Luhmann den Kern der Öffentlichkeit darstellen. Darauf basierend entstanden Öffentlichkeitsmodelle wie von Gerhards/Neidhardt, wonach Öffentlichkeit eine Transparenzfunktion, Validierungsfunktion und Orientierungsfunktion aufweisen sollte.[4]Mit der massenhaften Verfügbarkeit von Internet, der heutigen unverzichtbar gewordenen mobilen Nutzung und der Verbreitung von Sozialen Netzwerken ist eine weitere Entwicklungsstufe entstanden, die Auswirkungen darauf hat, wie wir kommunizieren. Mit dem Thema der Internetöffentlichkeit beschäftigen sich zahlreiche Veröffentlichungen. Dabei kommen die Publikationen aus unterschiedlichen Disziplinen zu einer unstrittigen Ansicht, dass das Web 2.0 die Öffentlichkeit grundlegend ändert. Daher soll in dieser Arbeit herausgearbeitet werden, wie sich diese technologischen Entwicklungen auf die Kommunikation auswirken und damit die Struktur der Öffentlichkeit verändert. Dabei wird zunächst auf die Öffentlichkeit in Abgrenzung zu Privatheit eingegangen. Im Weiteren wird auf das Verhältnis von Massenmedien im Verhältnis zum Web 2.0 eingegangen und es soll herausgearbeitet werden, wie sich Soziale Netzwerke auf das politische Verhalten und die politische Meinungsbildung auswirken.


[1] Vgl. Wimmer 2007: 23 f.

[2] Vgl. Habermas 1990: 115.

[3] Vgl. Habermas 1990.

[4] Vgl. Gerhards/Neidhardt 1990: 1-60.

II. Öffentlichkeit nach Habermas

a. Diskursive Öffentlichkeit

Nach Habermas soll Demokratie deliberativ ausgestaltet sein, die dem Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses nahekommt. Herrschaftsfrei meint, bestehende Asymmetrien eines Diskurses sollen möglichst aufgelöst werden. Er plädiert für einen gesellschaftlichen Diskurs, der von der größtmöglichen Offenheit bestimmt ist. Strukturen, die diese Offenheit behindern z. B. Wertedominanz, autoritäre Herrschaft oder auch dominierende, manipulierende Partikularinteressen, sollen durchbrochen werden.[1]

Dieser Diskursbegriff der Demokratie, im Sinne einer politischen Öffentlichkeit, baut aber auf die politische Nutzung und Mobilisierung der Produktivkraft Kommunikation und muss sich damit auch den Fragen stellen, ob konfliktträchtige gesellschaftliche Inhalte überhaupt rational, also im gemeinsamen Interesse der Betroffenen regelbar sind und worin die Geeignetheit dieses Mediums der öffentlichen Argumentation und Meinungsbildung für eine vernünftige Willensbildung liegt.[2]

Zusammen mit K. O. Apel hat Habermas den diskursethischen Ansatz entwickelt, womit Argumentationen als das geeignete Verfahren für die Lösung moralisch-praktischer Fragen dargestellt werden.[3] Die Diskursethik als Prinzip basiert darauf, dass normative Geltungsansprüche diskursiv behandelt werden. Danach soll die Gültigkeit von Normen an die Möglichkeit einer begründeten Zustimmung gebunden sein, vonseiten aller möglicherweise Betroffenen, soweit diese die Rolle von Argumentationsteilnehmern übernehmen. Die diskursive Meinungs- und Willensbildung unter Bedingungen sozialstaatlicher Massendemokratien bleibt ein Spannungsfeld, da das Gefälle zwischen aufgeklärtem Selbstinteresse und Gemeinwohlorientierung, zwischen den Rollen des Klienten und des Staatsbürgers überbrückt werden muss.[4]


[1] Vgl. Habermas, 1994: 438.

[2] Vgl. Habermas, 1990: 39.

[3] Vgl. Habermas, 1990: 39.

   Vgl. K. O. Apel, Diskurs und Verantwortung, Ffm. 1988. 53 J. Habermas, Legitimationsprobleme im          Spätkapitalismus, Ffm. 1973, 140ff.; ders., Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Ffm. 1983.

[4] Vgl. Habermas, 1990: 41.

b. Zerfall der bürgerlichen Öffentlichkeit

Die Bürger verstanden sich zunehmend als Individuen und zeigten Interesse an Kunst und Kultur. In Salons, Kaffeehäusern und Lesezirkeln traf sich das Bürgertum und diskutierte nun  auch über politische Themen und bestand auf politische Teilhabe. Das Publikum wurde zu einem „Publikum räsonierender Privatleute“.[1] Die öffentliche Meinung wurde gebildet, indem die Gesellschaft öffentlich diskutierte und so Meinungen aggregierte. Während der Feudalismus noch nicht zwischen Gesellschaft und Staat oder öffentlich und privat unterschied, entfernten sich die Bürger zunehmend vom Staat und bildeten mit ihren Meinungen eine kritische Öffentlichkeit.

Nach Habermas beruhte die bürgerliche Öffentlichkeit darauf, dass der private Bereich und die Öffentlichkeit strikt getrennt waren. Privat waren hierbei auch die zu einem Publikum versammelten Privatleute, die dem Staat die gesellschaftlichen Bedürfnisse vermittelten. Er geht weiter davon aus, dass heute keine klare Trennung mehr zwischen diesen beiden Bereichen besteht, sondern eine repolitisierte Sozialsphäre entstanden ist. In diesem Zwischenbereich sind die verstaatlichten Bereiche der Gesellschaft und die vergesellschafteten Bereiche des Staates miteinander verwoben, ohne dass räsonierende Privatleute dabei vermitteln würden. Habermas meint ebenfalls, dass ein Interesse daran besteht, auf die Verbrauchsentscheidungen und die Wahlentscheidungen einzuwirken, da diese die gesellschaftliche Reproduktion und den politischen Machtvollzug gewährleisten. Dieser Einfluss wird dadurch ermöglicht, indem sich ”das ursprüngliche Verhältnis von Intimsphäre und literarischer Öffentlichkeit umgekehrt und eine publizistische Aushöhlung der Privatsphäre ermöglicht hat.” Was wiederum zur Folge hat, dass der Kulturkonsum die Funktion ökonomischer und politischer Werbung übernimmt.[2] ”Die Öffentlichkeit übernimmt Funktionen der Werbung. Je mehr sie als Medium politischer und ökonomischer Beeinflussung eingesetzt werden kann, um so unpolitischer wird sie im Ganzen und dem Schein nach privatisiert.”[3] Das Publikum wird von einem kulturräsonierenden zu einem kulturkonsumierenden. Mit dieser wechselseitigen Durchdringung von Staat und Gesellschaft wird die Privatsphäre aufgelöst und ein relativ homogenes räsonierendes Publikum von Privatleuten geschwächt. An ihre Stelle tritt die Konkurrenz organisierter Privatinteressen, aus der öffentlichen Diskussion ist eine Demonstration konkurrierender Interessen geworden, der durch öffentliches Räsonnement ermittelte Konsensus wird durch nicht öffentlich erstrittenen oder einfach durchgesetzten Kompromiss ersetzt.[4]


[1] Vgl. Habermas, 1990: 96.

[2] Vgl. Habermas, 1990: 269.

[3] Vgl. W. Thomssen, Zum Problem der Scheinöffentlichkeit, inhaltsanalytisch dargestellt an der Bildzeitung, Frankfurt 1960, Manuskript. Vgl. Habermas, 1990: 267.

[4] Ebenda Habermas, 1990: 272-273.

III. Massenmedien und der politische Meinungsbildungsprozess

Unter Massenmedien werden vor allem Fernsehen, Rundfunk, Printmedien als eine „one-to-many“ Kommunikation verstanden, die keine Anschlusskommunikation erlaubt. Der Sender (Massenmedien) und Empfänger (Publikum) sind klar festgelegt. Aufgrund dessen, dass sich die politische Kommunikation zwischen Politik und Bürgern vor allem innerhalb dieser Medien bewegt, wird mit ihrer Hilfe der Inhalt sowie die Art und Weise wie Politik gemacht wird, dargestellt.[1] Indem Massenmedien Politik bewerten und als „Gatekeeper“ agieren, wirken diese massiv auf die Informationsausstattung der Bürger ein und beeinflussen damit den öffentlichen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess.[2] Massenmedien unterliegen einem technologisch getriebenen Medienwandel, der neue kommunikative Phänomene hervorbringt wie z. B. die direkte Kommunikation politischer Akteure mit den Wählern auf Twitter. Mit der Nutzung neuer Kommunikationskanäle können Politiker die klassischen Medienorganisationen umgehen und direkt das Massenpublikum oder spezifische Zielgruppen erreichen. Diese Verschiebung eines Teils der öffentlichen Kommunikation führt zu einer “Politik-Rhythmus-Störungen”. Die Kommunikation über politische Themen ist in diesen Kanälen als “Echtzeitjournalismus” sehr kurzlebig, wohingegen Prozesse der politischen Entscheidungsfindung sich nicht in gleicher Weise beschleunigen. Folgen einer digitalisierten öffentlichen Kommunikation sind einerseits eine vergrößerte Selektionsmöglichkeit des Publikums wodurch viele Teilpublika entstehen.[3] Durch diese Fragmentierung des Medienpublikums, so die Annahme, steige die Desintegrationsgefahr, weil viele unterschiedliche Medieninhalte genutzt werden und die Teilpublika immer seltener zu einem „großen Publikum“ zusammenkämen.[4]


[1] Vgl. Schmidt 2016: 127 f. als auch Luhmann 2009: 9.

[2] Vgl.  Schmidt, 2016: 129-132.

[3] Vgl. Schemer/Geiß, 2020: 159.

O’Hara, K. und D. Stevens, 2015: Echo chambers and online radicalism. Assessing the Internet’s complicity in violent extremism. In: Policy & Internet 7: 401-422.

[4] Stark/Margin/Jürgens, 2017:  25.

IV. Internet – Social Media und die Politische Meinungsbildung

a. Mythos Internet

Der technolibertäre Mythos über das Internet, das als Medium der Selbstkonstitution in Gestalt von spielerischen Identitätsentwürfen in virtuellen Räumen verstanden wird. So erscheint es heute noch vielen als konstruktive und postmoderne Selbstverwirklichung.[1]

Ein weiterer Mythos beinhaltet das demokratische, dialogische und partizipatorische Potenzial des Internets.[2] ”Das Internet wird als Sphäre „einer ungehinderten gesellschaftlichen Kommunikation“ gesehen und endlich als realisierte „many-to-many“ Öffentlichkeit:

„Grassroots journalists are dismantling Big Media‘s monopoly on the news, transforming it from a lecture to a conversation“,

mit der sich zuerst das Wissen demokratisiert habe, in dem sich nun das Handeln in einer weltumspannenden „Participatory Culture“ demokratisieren würde”[3] und zum Ende der vielkritisierten Massenkommunikation führen sollte.[4]

Demokratisierungshoffnungen für neue Medieninnovationen wurden häufig als Vorboten bzw. Auslöser eines Verfalls der politischen Kultur erklärt. Die Argumente dafür sind eine zunehmende Unterhaltungsorientierung und Ökonomisierung der Medien (vgl. Habermas) als auch eine Fragmentierung der Öffentlichkeit.[5] In diesem Zusammenhang spielen Medien eine wichtige Rolle und mit der Etablierung der Social Media haben sich erneut die Rahmenbedingungen verändert.[6] Ein wichtiger Punkt stellt sicher die neue Form der bipolaren Transparenz der öffentlichen Kommunikation dar. So bietet das Internet und Social Media verbesserte Möglichkeiten die Präferenzen des Publikums zu beobachten und für die politische Relevanz auszuwerten.[7] Dadurch entsteht ein Beobachtungsverhältnis der Politik, was dazu führen kann, dass sich die Politik an diesen Präferenzen orientiert. Darin liegt wiederum die Gefahr, dass die Politik populistischer agiert und sich die politischen Themen und Meinungen nach dem Mainstream ausrichtet oder aktiv personalisierte Wahlkampagnen mittels ”micro-targeting” schaltet. Daneben könnten sich auch internetaffine Intellektuelle als Elite herausbilden, die als ”wortgewaltige Minderheit das politische Geschehen beeinflussen” als sog. Meinungsführer.[8]


[1] Vgl. Imhof, 2015: 15.

[2] Ebenda Imhof, 2015: 15

[3] Ebenda Imhof, 2015: 16.

[4] Vgl. Schrape, 2015: 196 f.

[5] Vgl. Wendelin, 2015: 99.

[6] Ebenda Wendelin 2015: 99.

[7] Vgl. auch Jungherr, 2020: 189.

[8] Ebenda Wendelin, 2015: 100.

b. Social Media

Unter Social Media werden Soziale Netzwerke gefasst, wie Facebook, YouTube, Google, Twitter & Co. daneben aber auch die Blogosphäre, die ab der zweiten Hälfte der 00er Jahre von einer Umschichtung betroffen war. So wurden private Blogs zunehmend von den umzäunten Gärten “walled gardens” der großen Sozialen Netzwerke eingegliedert. Daneben werden journalistisch angelegte Blogs von Onlineangeboten großer Medienunternehmen aufgenommen und folgen damit der Social-Media-Strategie des Unternehmens. Ebenfalls entstehen auch pseudojournalistische Werbeplattformen wie die Huffington Post, deren Beiträge vor allem der Ich-PR oder der PR ökonomischer bzw. politischer Akteure dient. Daraus resultiert, dass privat geführte Blogs an Bedeutung verlieren und das Internet in kontrollierte Räume weniger Anbieter umgewandelt wird, die ihre Plattform beliebig gestalten können.[1]


[1] Vgl. Imhof, 2015: 16-17.

Aufbau sozialer Netzwerke und deren Kommunikationspraxis

Die Netzwerkarchitektur von sozialen Netzwerken basiert auf Data-Mining für zielgruppenorientiertes Marketing. Es ist ein Geschäftsmodell, das auf Grundlage gemeinschaftlicher sozialer Beziehungen fußt. Diese Gemeinschaften regulieren sich durch die Reproduktion emotionaler Bindungen, also In- and Outgroup-Differenzierung, Gruppennormen, Selbstdarstellungen im Wettbewerb um Sozialkapital zwischen mehr oder weniger bekannten Mitgliedern. Daraus folgt, dass die Interaktionsnetze genauso wie Offline-Beziehungen zu Homogenität neigen hinsichtlich Herkunft, sozialem Status und Berufspositionen.[1] Diese digitalen Gemeinschaften beinhalten die Reproduktion von gemeinsam geteilten Lebenswelten, moralischen Einstellungen, Konsumwelten und emotionalen Bindungen. Diese Homogenität ist nicht dazu fähig, die Differenzierung einer Gesellschaft abzubilden und somit kann eine ”gemeinschaftliche“ also moralisch-emotional geführte Kommunikation keine öffentliche Kommunikation sein. Hinzu kommt, dass diese Art der Kommunikation zwar öffentlich zugänglich aber in ökonomischer Hinsicht privatisiert wird und damit Partikularinteressen unterliegt. Durch die kommerzielle Nutzung der Nutzerdaten über das Open Graph Protocol von Facebook oder den Social Plugins wie den Like-Button wird das Internet kolonialisiert und für zielgruppenorientiertes Marketing und flächendeckende Werbung genutzt. Dabei wird dem Nutzer immer ein Mehr des Gleichen angeboten, was wiederum zu einer Homogenität der Lebensstile und Meinungen innerhalb der Freundschaftsnetze führen kann, der sog. „Bubble“.[2] Es geht somit nicht mehr darum Themen zu diskutieren, mit all seinen unterschiedlichen Standpunkten, sondern eher um eine Bestätigung der eigenen Sichtweise.

Unterschiede zwischen gesellschaftlicher und damit öffentlicher Kommunikation zur Binnenkommunikation gemeinschaftlicher Beziehungen sind:

 Gesellschaftliche KommunikationGemeinschaftliche Kommunikation
 Unpersönliche BeziehungenPersönliche Beziehungen
 Soziale RollenBindungen reproduziert
ModusKognitiv-normativ (Habermas/Imhof) [3]Moralisch-emotional
InhaltInteressenkonflikte, weltanschauliche Auseinandersetzungen intermediärer AkteureEpisodische Expressionen alltäglicher Privatheit und Selbstdarstellung

Auf Plattformen wie Facebook lässt sich innerhalb dieser gemeinschaftlichen Kommunikation feststellen, dass vorwiegend Softnews geteilt und geliket werden und somit überwiegen über alle Themengattungen hinweg lebensweltlich gefärbte, moralisch aufgeladene und emotionalisierende Beiträge über kognitiv-normative Sachverhaltsdarstellung.[4] User von Kommunikationswegen der sozialen Netzwerke haben also ein hohes Interesse an Unterhaltung. Dies kann durchaus zu Effekten auf die gesellschaftlichen Massenmedien führen, ohne dabei zwangsläufig eine “Erosion der Massenkommunikation oder einen ubiquitären Relevanzverlust professioneller Content-Anbieter“ auszulösen.[5] Es bleibt ein Bedürfnis, dass „dezentralisierte Botschaften wieder aufgefangen, selektiert und in redigierter Form synthetisiert werden“. Differenzierte Öffentlichkeitsebenen lösen sich nicht durch Onlinetechnologie auf, sondern treten in eine veränderte Wechselbeziehung zueinander.[6]

Neben der Nutzung des metrifizierten Sozial-, Bewegungs- und Konsumverhalten der Mitglieder der Social Networks für zielgruppenorientierte Werbung für Dienstleistungen und Produkte stellt sich die demokratietheoretisch durchaus relevante Frage, inwiefern das für politisches Marketing bzw. für zielgruppenorientierte politische Kampagnen ressourcenstarker Akteure genutzt werden kann sog. “micro-targeting“. Dafür spreche, dass Online-Gemeinschaften einen lokal-regionalen Offline-Bezug haben, sie basieren also auf Freundes- und Bekanntschaftskreisen offline, aus dem Bildungssystem, dem Freizeitverhalten und der Arbeitssphäre. “Diese lokale-regional-nationale Verankerung ist affin zu territorial definierten politischen Geltungsbereichen und muss ressourcenstarke politische Akteure interessieren”.[7]


[1] Ebenda Imhof, 2015: 17-18.

[2] Ebenda Imhof, 2015: 18.

Damit könnten Social Networks gerade das konterkarieren, was die Aufklärung im Kern prägte, ”nämlich die Bürger aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ihrer partikulären Herkunftsbezüge zu befreien, indem sie dieser privaten Partikularität eine universalistische Öffentlichkeit gegenüberstellte, die uns laufend der Heterogenität von Kulturen, Normen, Werten und Ideen aussetzt, um die selbstverschuldete Unmündigkeit zu überwinden (Kant [1784] 1912).”

[3] Vgl. Imhof, 2015: 20.

[4] Vgl. Imhof, 2015:  21.

[5] Vgl. Schrape 2015: 201.

[6] Ebenda Schrape 2015: 201.

[7] Vgl. Imhof, 2015:  21 ff.

Soziale Netzwerke als Werkzeug für Kampagnen politischer Akteure

Das “Social Media Monitoring” wurde in den Parteizentralen mehr oder weniger aktiv ausgebaut. Mit der Folge, dass Öffentlichkeitsdynamiken in der Politik auf inhaltlicher Ebene (Policy-Ebene) zu einer Veränderung der Ereignisdarstellung und der Themenstrukturen führen. Um die meiste Aufmerksamkeit zu akkumulieren und Zustimmung zu erzeugen, werden auf Grundlage der Publikumsbeobachtung, jene Themen kommuniziert und politische Ansichten vertreten, die am prominentesten sind sog. Agenda Setting.[1]

Soziale Netzwerke sind wichtige Elemente des Kommunikationsrepertoires und von Wahlkämpfen westlicher Politiker und Parteien. Der Stand der Forschung, die sich mit der Rolle sozialer Netzwerkplattformen in der Kommunikationsstrategie von Parteien und Politikern auseinandersetzt ist aktuell noch unterentwickelt. Bisher hatte man sich eher auf die Art politischer Kommunikation von politischen Akteuren auf sozialen Netzwerkplattformen konzentriert.[2] Die überwiegende Zahl der Befunde weist darauf hin, dass ”Parteien und Politiker soziale Netzwerkplattformen hauptsächlich zur kontrollierten Verbreitung von Informationen verwenden“. Wohingegen nur eine kleine Gruppe von Parteien und Politikern die sozialen Netzwerke für eine gezielte, interaktive, authentisch gehaltene und provokative Kommunikation nutzen. Meist als bewusster Kontrast zu etablierten Parteien von Herausforderern gewählt.[3] Politische Akteure nehmen neben dieser direkten Kommunikation auch zunehmend die von den Plattformbetreibern bereitgestellte Angebote der gezielten Ansprache spezifischer Nutzergruppen wahr. Bei diesem sog. ”targeting” werden soziodemografische Eigenschaften und das Verhalten von Nutzern genutzt, die die Plattformbetreiber auf Grundlage der ihnen vorliegenden Daten mit statistischen Modellen erstellen. Somit ist es den politischen Akteuren möglich, Anzeigen zu schalten, ”die den Nutzern auf Basis bestimmter soziodemografischer Eigenschaften, geografischer Zuordnung oder auf sozialen Netzwerkplattformen kundgetanen Interessen angezeigt werden.” Daneben bieten die Plattformbetreiber an, Anzeigen auch Kontakten dieser von ihnen primär als interessant ausgewählten Ziele anzuzeigen. Dahinter steht die Vorstellung der Homophilie von Netzwerkverbindungen. Hinzu kommen Targeting-Lösungen von Drittanbietern. Diese reichern gesammelte Daten auf den sozialen Netzwerken mit Analysen an, um auf dessen Basis gezielte Anzeigen auf den Plattformen anzeigen zu können. Zuletzt wurde dieses Targeting prominent im Kontext der Nutzung psychometrischer Profile für die Wähleransprache auf Facebook durch die Präsidentschaftskampagne Donald Trumps diskutiert. ”Für politische Informationen auf Facebook, genau wie für Informationen in anderen Kontexten, lässt sich mit zeitlich begrenzten Effekten in Bezug auf das Lernen von Informationen, Themen und Kandidatenamen rechnen. Wie bereits diskutiert wurde, besteht jedoch die Möglichkeit, dass politische Werbung auf sozialen Netzwerkplattformen stärkere Wirkung entfalten könnte. Grund hierfür könnte der unpolitische Kontext sein, in dem politische Werbung erscheint. Auch könnten die persönlichen Unterstützungssignale von politischen Inhalten oder Akteuren in Form von Likes, Shares oder Kommentaren ihre Kontakte stärker überzeugen als direkte Kontaktversuche politischer Akteure.”[4]


[1] Vgl. Wendlin 2015: 107.

[2] Ebenda Jungherr, 2020: 196.

[3] Vgl. Jungherr, 2020: 197.

Jungherr, A., 2016c: Twitter use in election campaigns. A systematic literature review. In: Journal of Information Technology & Politics 13: 72-91..

[4] Vgl. Jungherr, 2020: S. 197-198.

Jungherr, A., 2016a: Datengestützte Verfahren im Wahlkampf. In: Zeitschrift für Politikberatung 8: 3-14.

Effekte sozialer Netzwerke auf politisches Verhalten

Informierende Mediennutzung scheint das Engagement von Bürgern zu erhöhen, wohingegen unterhaltende Mediennutzung dieses hemmt. Ein Grund dafür liefert die “time-displacement”-These: “Wenn Individuen mehr Zeit mit unterhaltender Mediennutzung verbringen, verbleibt ihnen weniger Zeit für partizipative Tätigkeiten oder soziales Engagement. Auf diese Weise kann nach Putman auch die Ausweitung der individuellen Medienzeit zu einer Verringerung des Sozialkapitals führen.”[1]

In Deutschland sind durch die Digitalisierung, neben die traditionellen Verlage und Sender, neue Akteure im Netz hinzugetreten, exemplarisch das Portal t-online oder Google News, aber auch zivilgesellschaftliche NGOs oder Einzelpersonen, die ihre politischen Informationen direkt an das Publikum senden. Damit geht eine Expansion der Menge an Politikinformation einher.[2]

Die zunehmende Relevanz sozialer Netzwerke für die politische Meinungsbildung liegt darin, dass diese zu einem wichtigen Instrument für die Nutzung und Verbreitung von Nachrichten und politischen Informationen geworden sind. So nutzten nach dem Reuters Digital News Report 2017, 51 Prozent der US-Bevölkerung soziale Netzwerkplattformen zu politischen Informationszwecken. In Deutschland hingegen waren es nur 29 Prozent. Eine Eins-zu-eins-Übertragung sollte also nicht vollzogen werden, sondern viel mehr der Kontext mit einbezogen werden. Aber ein Trend lässt sich auch für Deutschland erkennen. Eine direkte Wirkung der sozialen Netzwerke lässt sich in das Konzept von low-choice-Medienumgebung und high-choice-Medienumgebung einteilen.[3]

Low-choice bedeutet, die Nutzer haben eine geringe Wahlmöglichkeit. Sie können also nur zwischen wenig Angeboten wählen, z. B. das frühe Fernsehen mit nur wenigen Programmen. Damit haben die Nutzer weniger Optionen, die Inhalte gezielt nach ihren Interessen zu wählen. Darin liegt die Chance, zufällig mit politischen Informationen in Kontakt zu kommen “incidental exposure”, und das Lernen würde bei allen Nutzern des Mediums auftreten unabhängig von den vorher bestehenden politischen Interessen.

High-choice bedeutet, die Nutzer haben eine hohe Wahlmöglichkeit. Sie können zwischen zahlreichen Informationsangeboten unterschiedlichster Ausrichtung wählen, was wiederum ein immer tieferes Eintauchen in ein Themenkomplex ermöglicht z. B. das Internet. In dieser High-choice-Umgebung können Nutzer politische Informationen auswählen, die ihren bereits bestehenden Interessen entsprechen. Politisches Wissen und Lernen der Nutzer hängt dann nur mit der Mediennutzung zusammen, wenn sie auch politisches Interesse haben.[4]

Eine neue Rolle der sozialen Netzwerke für die politische Partizipation ist die Interaktion mit Politikern oder NGOs auf der Plattform selbst in Form von Kommentaren oder Likes. Eine Frage ist, ob die Netzwerke ehemals nicht politisch interessierte Nutzer zu politischer Partizipation bewegen oder ob sie als ein weiteres Werkzeug der politischen Teilhabe von bereits anderweitig in diesem Bereich aktiven und interessierten Nutzern gebraucht werden. Ein Erklärungsversuch sind die Mechanismen des “incidental exposure” und “passive learning”. “Nutzer können über Beiträge und Aktivitäten ihrer Kontakte auf politische Nachrichten und Informationen stoßen, ohne diese gezielt zu suchen. Hierdurch bestünde die Möglichkeit, dass politische Nachrichten auch unpolitische Menschen erreichen, die dadurch wiederum politisch aktiviert werden können.” Damit verbunden wird die Chance gesehen, dass gerade junge Erwachsene zu mehr Partizipation und für mehr Interesse in die Politik bewegt werden können. Verschiedene Studien in unterschiedlichen Kontexten zeigen, dass nur eine vergleichsweise geringe Zahl von öffentlichen Beiträgen direkt zur Organisation, Koordination oder Mobilisierung von Protesten beiträgt und dass autokratische Regime in der Lage sind, Kommunikation über politische Proteste erfolgreich zu stören. Allerdings wurde in Bezug auf Wählermobilisierung für Facebook in den USA gezeigt, dass wahlteilnahmebezogene Statusmeldungen von Nutzern zur leichten Mobilisierung ihrer Kontakte führten.[5]


[1] Vgl. Schemer/Geiß, 2020: 157.

Putnam, R. D., 2000: Bowling alone: The collapse and revival of American community. New York: Simon & Schuster.

Shah, D. V., J. M. McLeod und S.-H. Yoon, 2001: Communication, context, and community. An exploration of print, broadcast, and Internet influences. In: Communication Research 28: 464-506.

[2] Vgl. Schemer/Gieß, 2020: 150-151.

Neuberger, C. und F. Lobigs, 2010: Die Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung. Berlin: Vistas.

[3] Vgl. Jungherr, 2020: 191.

[4] Ebenda Jungherr, 2020: 191.

[5] Vgl. Jungherr, 2020: 195-196.

Informationsintermediäre und Meinungsbildung / Facebook

Informationsintermediäre sammeln, strukturieren, aggregieren und gewichten Informationen und haben so eine vor- und nachgelagerte Vermittlerfunktion. Daraus ergibt sich ein großer Einfluss darauf, welche Inhalte für die Nutzer überhaupt auffindbar, sichtbar und damit wahrnehmbar sind. Informationsintermediäre beeinflussen als bewertende, gewichtende und vorselektierende Filter die Vielfalt der genutzten Inhalte. Zunächst ging man davon aus, dass sie nur eine mittelbar-inhaltliche Einflussnahme auf den Prozess der individuellen oder öffentlichen Meinungsbildung haben. Da sie keine Inhalte eigenständig produzieren, sondern lediglich eine steuernde Funktion haben, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine gewisse Information zu finden. Mittlerweile wird die Vermittlerrolle deutlich kritischer betrachtet aufgrund der darin liegenden Manipulationsgefahren. Daneben wird auch darüber diskutiert, inwiefern Informationsintermediäre journalistische Verantwortung tragen können und sollen.[1]

Doch wieviel Relevanz haben Informationsintermediäre insbesondere soziale Netzwerke bei der Informations- bzw. Nachrichtenbeschaffung. Die Vertiefungsstudie des Medienkonvergenzmonitors aus dem Jahr 2016 (TNS Infratest 2016), Daten des Reuters Institute Digital News Survey für Deutschland und die qualitative Studie des Hans-Bredow-Instituts zur Relevanz von Online-Informationsintermediären für die Meinungsbildung, die 2016 im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Medienanstalten erstellt wurde, geben erste Aufschlüsse darüber. So lässt sich feststellen, dass Informationsintermediäre feste Bestandteile unseres Nachrichten- und Informationsrepertoires geworden sind. Die Marktführer Google und Facebook dominieren bei der informierenden Nutzung. Facebook als Nachrichtenlieferant wird von rund ein Drittel der Onliner als regelmäßige Quelle genutzt. Allerdings stellt dies nicht die Hauptnachrichtenquelle dar, als eher eine von vielen. Insbesondere bei den Jüngeren Nutzern ist die Nachrichtennutzung via Social Media stark ausgeprägt. Nutzungsmotive sind, ein permanent aktualisierter Newsfeed der sehr bequem ist und einen Zugriff auf verschiedene Quellen erlaubt, die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung und die Möglichkeit der aktiven Teilnahme.[2]

Das gemeinsame Bewusstsein auf der Basis gemeinsam geteilter Wissensbestände einer Gesellschaft wird durch die Fragmentierungstendenzen der Informationsintermediäre stark beeinflusst, wie Filterblasen oder Echokammern. Dass die algorithmische Selektion allein zu einer Entstehung von Filterblasen führt, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Die individuelle Netzwerkbeschaffenheit ist ein ebenso wichtiger Faktor. Es ist das Zusammenwirken von menschlichem Verhalten und der algorithmischen Selektion, was zur Entstehung von Filterblasen führen kann. Der polarisierende Effekt von Echokammern wird dagegen kritischer beschrieben. In einer Echokammer als Kommunikationsumgebung erhält eine Person die eigene Meinung immer wieder als Echo zurück (Cass Sunstein).[3] Bestehende Einstellungen und Interessen werden durch die Wahrnehmung konstanter Meinungen bestätigt und verstärkt. Wenn es in Folge zu keinem Austausch und Auseinandersetzungen mehr mit gegenläufigen Standpunkten kommt, so besteht die Gefahr der Polarisation, da unerwünschte Meinungen aussortiert werden und sich nur den Gleichgesinnten zugewandt wird in sog. ”group polarizations” nach Sunstein.

„If that happens, the society as a whole might become polarized into factions and groups that do know the same things about events in the world. These factions then might develop different opinions, goals, and behaviors.“ (Tewksbury & Rittenberg)[4]

Insofern steht die Befürchtung im Raum, ob durch Echokammern eine Polarisierung der gesamten Bevölkerung möglich wäre und sich die gegenläufige Meinungslager so sehr voneinander entfernen, dass sie sich irgendwann unvereinbar gegenüberstehen. Ein Erklärungsansatz für den Polarisierungseffekt ist der “Looking-glass-Effekt”, der dadurch zustande kommt, dass die eigene Ansicht auf die Bevölkerungsmehrheit projiziert wird. Man glaubt also, die eigene Meinung entspreche der Meinung der Bevölkerungsmehrheit. Mit der bisherigen Studienlage lässt sich noch kein eindeutiges Bild einer polarisierenden Nutzungstendenz feststellen (mit Ausnahme der USA). Einerseits wird ein zunehmender Grad an fragmentierter Mediennutzung dokumentiert, “andererseits aber überlappende Elemente auf der Ebene der Nutzung bestimmter Medienangebote und damit auch in der Themenwahrnehmung identifiziert.” Ein Grund dafür ist, dass der Anteil personalisierter Nachrichtennutzung im Informationsrepertoire zum Teil sehr stark variiert und noch eher gering ist.[5]


[1] Vgl. Stark/Margin/Jürgens, 2017: S. 20.

[2] Vgl. Stark/Margin/Jürgens, 2017: 25.

[3] Vgl. Stark(Margin/Jürgens, 2017: 32.

[4] Vgl. Stark/Margin/Jürgens, 2017: 32.

[5] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 33-34.

Die Schweigespirale

Die Grundannahme von Elisabeth Noelle-Neumann (1980) nimmt an, “dass der Mensch als soziales Wesen Angst vor sozialer Isolation hat und deshalb die Verteilung von Umweltmeinungen ständig beobachtet und das Meinungsklima einschätzt. Die Redebereitschaft des einzelnen Individuums – gemeint ist damit die Bereitschaft, seine eigene Meinung kundzutun – hängt demzufolge von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Sie ist geringer, wenn der Mensch seine Meinung als derzeitige oder zukünftige Minderheitenmeinung wahrnimmt, bzw. größer, wenn er die eigene Meinung als Mehrheitsmeinung wahrnimmt.”[1] Massenmedien nehmen hier eine zentrale Rolle in der Thematisierung und Artikulation ein. Die Redebereitschaft eines Individuums hängt davon ab, wie er die Mehrheitsverteilung wahrnimmt. Sieht er sich in der Minderheit verstummt er aus Furcht vor Isolation. Mit der Folge, dass sie immer schwächer in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Die Fraktion wird als immer kleiner wahrgenommen, wodurch diese immer mehr verstummen. Die Gegner dieser Meinung nehmen sich hingegen als immer stärker als Mehrheit wahr und werden in der Öffentlichkeit kommunikativer. Grundvoraussetzung für diese Spiralprozess ist die moralische Aufgeladenheit eines Themas, es muss als emotionales Reizthema wahrgenommen werden.[2] In ihrer Studie kommen Stark/Magin/Jürgens einerseits zu dem Ergebnis, dass eine Fragmentierung der Publikumsagenda bislang ausbleibt. Unabhängig von ganz spezifischen Nutzungsmustern ist weiterhin eine gemeinsame inhaltliche Themenagenda zu finden, die von den zentralen Informationsintermediären Facebook und Google nicht einschränkend beeinflusst wird.

Andererseits zeigen sich subtile Beeinflussungsmechanismen vor allem auf der letzten Stufe des Meinungsbildungsprozesses, insbesondere bei der Beobachtung des Meinungsklimas auf Facebook, das zu medienspezifischen Wahrnehmungsphänomenen führen kann. So entstehen gruppendynamische Entwicklungsprozesse, die den prägenden Charakteristika der Kommunikationsumgebung auf Facebook geschuldet sind und als Ursache von Wahrnehmungsverzerrungen interpretiert werden müssen, die zugleich den Nährboden für Echokammern-Effekte schaffen. Folgt man der Studie kommen diese aber nur unter bestimmten Bedingungen zum Tragen. Unabhängig von der tatsächlichen Meinungsverteilung in der Bevölkerung kann dies dazu führen, dass die Menschen die Mehrheitsmeinung zu bestimmten Themen in der Gesellschaft falsch einschätzen. So kann es auf Facebook zu einem Spiralprozess kommen, in dessen Verlauf ein Meinungslager vielleicht nicht mehr wahrgenommen werden kann, bedingt durch die höhere Artikulationsbereitschaft des anderen. In diesem Sinne unterliegen Facebook-Nutzer der so genannten „looking-glass perception“, einer Art Spiegel-Wahrnehmung: “Man glaubt, die reale Welt – sprich die tatsächliche Meinungsverteilung – zu sehen. Tatsächlich schaut man aber in einen „Spiegel“ und geht in der Folge unbewusst davon aus, dass die eigene Meinung der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung entspricht.”[3]

So zeigt sich das Wirkungspotenzial sozialer Netzwerkplattformen wie Facebook am stärksten in der Einschätzung des Meinungsklimas und damit auch bei der Vorstellung von sozialer Realität im Allgemeinen. Die Befunde der Studie verweisen hier auf mögliche affektive Polarisierungseffekte, die themenspezifisch auftreten und durch die Aufmerksamkeitssteuerung klassischer Medien verstärkt werden können. Diese greifen wiederum solche Themen auf, die dadurch in der Öffentlichkeit gewaltige Resonanz erfahren. In kürzester Zeit werden diese moralisch aufgeladenen Themen in die öffentliche Debatte gebracht, verlieren umgekehrt aber genauso rasch wieder an Bedeutung – was in Bezug auf Facebook auf eher kurzfristige Wirkungseffekte schließen lässt. Den Befunden der Studie zufolge ist an dieser Stelle des Meinungsbildungsprozesses das Einfallstor für einen möglichen Missbrauch durch Social Bots und Falschmeldungen auf Facebook am größten. Denn auf diesem Wege kann interessengeleitete Desinformation nicht nur durch bestimmte Themensetzungseffekte die Medienagenda, sondern auch das Meinungsklima in der Bevölkerung im gewünschten Sinne beeinflussen. Das bestätigt auch das aktuelle Whitepaper von Facebook, das die Rolle von Fake-Accounts hervorhebt. Diese können dazu dienen, bestimmte Themen durch viele Likes, Shares und Kommentare zu pushen oder verschiedene Gruppen gegeneinander aufzuhetzen.”[4]


[1] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 40.

[2] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 40-41.

[3] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 186f.

[4] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 188.

V. Fazit

Die Möglichkeiten zur Teilhabe an öffentlichen Diskursen ist mit dem Web 2.0 enorm gestiegen. Ebenfalls auch die Vielfalt der Angebote und Themen ist scheinbar grenzenlos. Doch lässt sich gleichzeitig eine Fragmentierung des Medienpublikums feststellen. Es sind viele Teilpublika entstanden, die unterschiedliche Medieninhalte nutzen und immer seltener zu einen „großen Publikum“ zusammenkommen. Darin liegt ein Potential, die Integration zu gefährden. Geht man davon aus, dass eine demokratische Gesellschaft, um funktionieren zu können, zumindest ein Grundverständnis für Zusammengehörigkeit und gemeinsames Wissen über allgemeinbildende und aktuelle Themen haben sollte, auf deren Basis sie kommunizieren und entscheiden kann, so führen viele kleinere Teilöffentlichkeiten langfristig zu einem Zerfall der Öffentlichkeit. Ohne eine gemeinsam geteiltes Wissen fehlt die Grundlage für gesellschaftliche Integration und die Chance auf Konsens als Grundvoraussetzung für Stabilität in der Gesellschaft (Katz 1996). In der Untersuchung von Stark/Margin/Jürgens wurden Themen dann kontrovers wahrgenommen, wenn die Informationsquelle ein persönliches Gespräch, Online-Rundfunkangebot oder eine generelle politische Einstellung war. Allen Quellen gemein ist, dass sie eine Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten erzwingen. Somit eignen sich alle weiteren Informationsquellen – auch Facebook – weitaus besser dazu, nicht mit fremden Standpunkten in Berührung zu kommen. Folglich sind dort die Voraussetzungen für Echokammern und Filterblasen am ehesten gegeben.[1]

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien verändern auch die gewohnten medialen Vermittlungsstrukturen und den damit verbundenen institutionalisierten Normen und Regeln. Mit deren Nutzung verändert sich das Verständnis für Öffentlichkeit und Privatheit und den damit verbundenen sozialen wie rechtlichen Regelungsvorstellungen.[2] Das Selbstverständnis der Social Media Anbieter ist vor allem dadurch geprägt, dass sie überhöhte ideologische Grundgedanken formulieren und stark Gemeinschaftsinteressen und partizipative Absichten postulieren. Neben den allgemeinen gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Kommunikationszielen, bleiben daneben die eigenen kommerziellen Ziele oft intransparent.[3]  Die gewählten Formulierungen und Adressierungen geben nicht klar an, welches Verhalten explizit erlaubt ist und welches lediglich erwünscht ist bzw. empfohlen wird. Daraus ergibt sich, dass die Voraussetzungen für funktionierende Selbstorganisation nicht vorliegen.[4] Als mögliche Lösung wird ein Governance-Regime vorgeschlagen, was das gesamte Regelspektrum von Selbstorganisation bis zur staatlichen Regulierung umfasst.

”Ziel ist die Institutionalisierung eines gemeinsam geteilten institutionellen Ordnungsrahmens, mit dem eine anhaltend kommunikative Verständigung über Rollen, Normen und Regeln eingefordert werden muss.”[5] Es soll eine gemeinsame Verantwortungskultur entstehen, was nur mit der Einbindung zahlreicher Akteure und einem Anstoß durch ressourcenstarke politische Akteure möglich ist.


[1] Vgl. Stark/Magin/Jürgens, 2017: 186.

[2] Wassmer und Jarren 2015: 77.

[3] Ebenda Wassmer und Jarren, 2015: 78.

[4] Ebenda Wassmer und Jarren, 2015: 88.

[5] Ebenda Wassmer und Jarren, 2015: 91.

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