Ein Experiment: Mit Phasen von Poesie & Prosa, Politisches & Philosophisches & Persönliches… Nach der Fiktion ist es Zeit für Realität … Ein Versuch für mehr Traum in der Realität.
Es ist der erste Tag nach dem Frühlingsanfang. Was ich hier genau mache? Es ist DDAesk, also Dies Das Ananas. Ich sitze an meinem Schreibtisch, vor mir die große Terrassentür, mein Blick fällt auf das trockene Grün draußen. Nicht das sie jetzt irgendwelche falschen Vorstellungen bekommen. Es ist eher keine Terrasse als mehr ein kleiner Austritt nach draußen. Insofern konsequent, als dass er sich an die Größe des Appartements anpasst. Und auch draußen wartet keine grüne Gartenoase. Meine Aussicht das Gebäude der Rentenversicherung direkt gegenüber, wenn man sich an die eine Ecke des Raumes stellt, ist es das Bauamt, was man sehen kann. Behördendistrikt hier wohne ich. Es riecht wenigstens nicht nach Pisse.
Es ist Ende März und nachts noch verdammt kalt, daher läuft die Heizung. Eigentlich sollte ich das lassen, seitdem die Gaspreise explodiert sind aufgrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine.
So jetzt habe ich es Ihnen doch gesagt, ja es ist Krieg. Eigentlich wollte ich Ihnen davon nicht erzählen, also zumindest nicht so lange, bis ich nicht ausreichend über meine Befindlichkeiten geredet habe. Wer hört mir denn sonst zu. Und man muss auch dazu sagen, es ist akuter Krieg in der Ukraine, dort fallen Bomben, hier nicht. Hier gehen alle zur Arbeit. Nein das ist nicht ganz richtig. Hier fahren alle zur Arbeit. Vor allem in Autos. Mir gefällt die Vorstellung, dass Sie diesen Text hier in einer so weiten Zukunft-Zukunft lesen, dass Sie sich jetzt fragen, was Autos eigentlich sind. Neben der Arbeit steht auch der Frühjahrsputz an und man überlegt sich, ob man nicht doch eine neue Übergangsjacke brauchen könnte.
Vor mir liegt die Tafel Schokolade, Virunga 70 % Kakaoanteil, seit ein paar Wochen nur dunkle Schokolade, davon kann man immer nur maximal 2 Rippen essen, danach ist man es satt. Aber es hilft gegen den Süßhunger, da es wie gesagt seit ein paar Wochen kein Zucker mehr gibt, ist nur noch das geblieben. Also freiwilliger Zuckerverzicht. Das ich darauf noch explizit hinweise hat den Grund, dass Zucker der Tage in Russland durchaus knapp wird. Es gab schon Berichte von Hamsterkäufen. Die kennen wir hier in Deutschland auch. Wir haben mal Klopapier gehamstert, das ist unsere Art der Welt zu sagen, dass wir echt in allen Situationen immer ein trockenes und sauberes Höschen haben.
In der Buchhandlung war ich heute auch und habe mir “New York und der Rest der Welt” gekauft. Fran Lebowitz so viel Ehrlichkeit vor sich selbst und zu allen anderen muss man erstmal können. Ich habe vorhin die ersten zwei Kapitel gelesen. Blättere nochmal in den ersten Seiten, um ein bestimmtes Zitat zu finden. Dabei überfliege ich noch ein paar weitere Sätze der Passage des Buches und finde folgendes “Wenn Sie das brennende, nicht zu unterdrückende Bedürfnis zu schreiben oder zu malen überkommt, essen Sie einfach etwas Süßes, und die Aufwallung gibt sich.” Oh nein, ich glaube es ist zu spät Frau Lebowitz, ich habe schon angefangen zu schreiben und das auch noch über was Süßes.
Ausschnitte aus der Kurzgeschichte „Der Revolver“, die in Kooperation mit einem weiteren Autor entstanden ist.
Kapitel 1
Er stellte die Kaffeetasse wieder in den Schrank, ohne sie benutzt zu haben. Er sah sich um und dachte an die Zeit, in der es in der Küche nicht so einsam gewesen war. Damals hatten sie immer rund um den Tisch gesessen und sich beim Essen unterhalten und viel gelacht. Damals. Er schaute auf den Hof und es fiel ihm auf, dass sein Blick nach dem Auto suchte, das dort immer gestanden hatte. Sein Entschluss stand fest. Nachdem er den Müll rausgebracht hatte, ging er in den Keller und suchte sich seine Outdoorsachen zusammen. Er hatte noch eine alte Armeejacke, die würde er anziehen. Seine Wanderschuhe waren noch gut in Form und auch erst ein Jahr alt. Ein Auto würde er nie wieder benutzen, das stand für ihn fest. Nach dem Vorfall war er fast jeden Tag stundenlang durch die Gegend gelaufen und hatte über das nachgedacht, was geschehen war. Er zog sich seine Armeejacke über und schlüpfte in die Wanderschuhe, während er sich die Schnürsenkel zuband, fällt sein Blick auf den alten Steinboden, er dachte sich dabei wieviel Zeit hat dieser Stein schon erlebt, aber dennoch ist er kalt und hart. Deshalb wurde er wohl ausgewählt der hält was aus. Der Steinboden war das Gegenteil von ihm. Er war in der Zeit danach innerlich immer mehr mürbe geworden. Bevor er aus dem Haus ging, öffnete er den Schrank und suchte nach seinem Revolver.
Der alte Revolver seines Onkels mit der alten Gravur in einer Sprache, die er nicht kannte. Er öffnete den Schrank tastete auf der obersten Schublade danach, doch er fand ihn nicht. Hatte er ihn woanders abgelegt, er liegt schon so lange da oder hat ihn jemand anderes weggeräumt. Sein Onkel, der damals in der Fremdenlegion gedient hatte. Nach dem Krieg kam er nicht mehr mit der Gesellschaft klar und er fuhr nach Marseille, um sich mustern zu lassen. Sein erster Einsatz war in Algerien und von dort musste er die Waffe auch mitgebracht haben. Er hatte nie von der Zeit erzählt.
Er überlegte, ob er ihn nicht doch irgendwann woanders hin geräumt hatte, er ging zum Sekretär, drehte den Schlüssel und öffnete ihn bis auf das alte Schreibpapier und die Füller lag nichts darin was einem Revolver glich. Beim Anblick des Briefpapiers wurde ihm etwas schwer ums Herz die Tiefe vergrößert sich. Er sieht sich, wie er liebevolle Worte auf das Papier schrieb, damals. Er dreht den Kopf und schlug den Sekretär wieder zu. Wo ist der Revolver, an den Schrank geht doch sonst keiner ran oder wusste jemand von dem Revolver? Er hat es niemandem erzählt, dass er überhaupt da war. Das hätte nur für Eklat gesorgt eine Waffe im Haus, nein das geht mal überhaupt nicht, schallen die Worte in seinem Kopf wieder.
Noch einmal kamen ihm die Gedanken an das Briefpapier, sein Blick verschwamm etwas und er merkte, dass er weinte. Er schaute sich reliefartig um, aber es war ja keiner da der seine Tränen sehen konnte. Die Briefe, die er damals geschrieben hatte, er hatte sie alle noch im Kopf. Unten am Sekretär, da war eine Stelle. Er konnte nicht erkennen, was es sein sollte. Er bückte sich und sah eine Art Verschluss. Augenblicklich raste sein Puls und er griff mit der rechten Hand danach. Die Tränen in den Augen verwischten seine Sicht, er kniete sich hin, um besser an den Verschluss zu kommen und für eine bessere Balance. Nicht das er noch mit dem Kopf gegen den Sekretär stößt. Er fingerte nach dem Verschluss. Sein Puls war merklich am Hals zu spüren, jedes Tier hätte dies erkannt. Seine Finger zitterten etwas, was das Öffnen nicht gerade erleichterte, doch er fasste das Lederband und löste es vom Knauf eine kleine Holzklappe öffnete sich und etwas viel zu Boden. Er erschrak aber, sein Blick folgte auf den Boden.
Ein zugeschnürtes kleines Bündel lag da vor ihm auf dem Steinboden. Das Band hatte die Farben Rot-Blau-Weiß. Es war etwa 30 cm lang und etwas unförmig. „Der Revolver“ dachte er. Er nahm das Bündel hoch und ging damit an den alten Küchentisch. Er zog die Vorhänge zu, obwohl niemand vor dem Haus zu sehen war. Das Band war sogfältig verknotet, wie bei einem Schnürsenkel. Er wischte sich die schweißnassen Hände an der Hose trocken und zog an dem Band. Das Band löste sich. Nach und nach zog er es zu einer Seite gänzlich durch, dann legte er es sanft zur Seite. Ein schönes Band dachte er in seinen Lieblingsfarben Rot und Blau. Ein kurzer Hauch eines Lächelns war zu erahnen. Das Bündel lag nun vor ihm, den Inhalt gab es noch nicht preis, durch die Vorhänge drängen sanfte Sonnenstrahlen durch und trafen auf den hölzernen Küchentisch freundlich und anschmiegsam das Holz und wie es die wunderbaren Geschichten aufgenommen hat, dachte er sich. Etwas Licht erhellte das Bündel, er starrte darauf und wie das Licht die Konturen veränderte.
Eindeutig, dachte er, das muss der Revolver sein. Doch wenn, ob er noch funktionierte? Und bekam man dafür noch Munition und woher. Seine Frau war, was Waffen anging, eine Furie. Er musste sein Leben lang seine Begeisterung für Waffen, speziell für Revolver, an Tagen ausleben, von denen sie nichts wusste. Er wischte den Gedanken zur Seite und fühlte die Konturen. Langsam wickelte er das Bündel aus. Ein silberfarbener Lauf kam zum Vorschein. Er löste das Bündel weiter und er sah das da noch etwas war. Papier, ein Umschlag, vergilbt und auch etwas dunkel gefärbt. Er erkannte ein Wappen. Die Umrisse dünn und teilweise durchbrochen, aber er erkannte es sofort, das war das alte Familienwappen, das ihm seine Mutter mal zeigte. Neugierig und vorsichtig öffnete er den Umschlag, behutsam wie einen Schatz nahm er das darin liegende Papier heraus. Die Art des Papiers glich eher einem Pergamentpapier. Er bemerkte, dass es gar nicht ausländisch war, sondern in Spiegelschrift geschrieben war. Daraufhin lief er schnell ins Bad und kramte einen kleinen Spiegel raus. Dann eilte er zum Tisch zurück und hielt die Waffe davor. In der einen Hand den Revolver in der anderen die Lupe, es war eine Botschaft.
Er konnte es kaum erkennen, der Graveur musste ein Meister gewesen sein “N’est pas cet étranger devenu fils de France; Non par le sang reçu mais par le sang verse”. Er erinnert sich an die Worte aus seiner Kindheit, seine Oma sprach manchmal so zu ihm. Die Verse sollen erhalten was dir irgendwann mal fremd geworden ist. Seine Oma war im Elsässischen geboren und konnte somit leidlich Französisch. Er hatte es nie gelernt. Nun, er nahm sein IPhone und gab den Text ein. Noch bevor das Ergebnis kam, ahnte er es: Es hatte was mit der Legion zu tun. “Franzose wirst du, wenn du dein Blut für Frankreich vergossen hast”, so verstand er es. Sein Onkel müsste mehr als nur einfacher Korporal gewesen sein. Er öffnete nun das Pergament. Es waren zwei Zeilen darauf zu lesen -175.198242 -21.178986, was bedeuten diese Zahlen? Er überlegte, es könnten vielleicht Koordinaten sein. Er tippte auch diese in sein Smartphone ein drückte Enter und da war es, Tonga!
Tonga, damit assoziierte er erstmal die Südsee, aber er erinnerte sich an Erzählungen seines Onkels über Männer unterschiedlicher Nationen kämpfend für Frankreich. Er erinnerte sich auch, dass sein Onkel bei manchen Geschichten immer innehielt und sein Blick weit weg zu sein schien, mal traurig mal ängstlich aber auch manchmal sehnsüchtig. Auch sein Blick gleitet in die Ferne.
Er dachte zurück, wie sein Onkel erzählte, von fremden Welten er war damals noch klein. Nun fragte er sich, ob sein Onkel ihm alles erzählte, waren es doch Kämpfe und nicht umsonst liegt jetzt vor ihm dieser Revolver, gefertigt, um zu töten. Hat sein Onkel auch getötet? Sein Onkel war Legionär so viel steht für ihn fest. Doch warum befindet sich beim Revolver ein Zettel mit Koordinaten von Tonga? Den Revolver mit der Signatur hat sein Onkel sicher nicht für Schreibarbeit bekommen. Er hat es immer geahnt. Da ist mehr, da ist etwas Bedeutendes in Algerien passiert? Und was hat das mit Tonga zu tun?
Er überlegt. Sein bisheriger Plan. Was soll er machen? Ist der Zettel so etwas wie eine Art Schatzkarte. Er lacht laut auf. Hirngespinste, sagt er sich. Was soll er machen? Er wusste von seinem Onkel das er viel Schlechtes in Algerien erlebt und gemacht hat. Aber über eins konnte er immer etwas leichter reden, als wenn es eine Art Entschuldigung war. Wie er dafür sorgte, dass einige junge Männer wieder nach Hause kamen. Unerkannt von der Legion. Er konnte sich auch daran erinnern, dass dies wohl der Grund war, warum er dann nach Tonga ging. Weit weg von Frankreich. Dort hatte er einige Jahre verbracht, versucht die Befehle nur geringfügig auszuführen, bis er eine Frau kennengelernt hatte. Diese Frau gab ihm Zuspruch und Hoffnung, doch er musste Tonga wieder verlassen, die Legion, doch er hatte immer das Pergament mit den Koordinaten ’seiner‘ Insel dabei. In der Hoffnung sie irgendwann wieder besuchen zu können.
Die Grauen des zweiten Weltkrieges, die Grauen des Algerienkrieges. Sein Onkel war Soldat, doch in Algerien erkannte er, dass nur das Töten keinen inneren Frieden erzeugt. Nach seinen 10 Jahren konnte er die Legion verlassen, niemand hatte mitbekommen, dass er viele zur Desertation verholfen hatte. Der Revolver erinnerte ihn immer daran, an die grausamen Bilder des Krieges. Gutes und Schlechtes symbolisch vereint in einem Bündel. Eines Abends kam er mit einem zwielichtigen Typen in einer Spelunke von Algier ins Gespräch. Er meinte, dass auf Tonga Männer gesucht werden, die eine Art Polizei darstellen sollten. Die Überfahrt auf einem alten deutschen Schooner sollte 10.000 Franc kosten. Er willigte ein. Unterschrieb und heuerte auf dem Schooner an, um die Passage zu bezahlen. Das Geld was er sich zusammengespart hatte, Blutgeld, das hatte er sicher in seinem Rucksack verstaut.
Das Blutgeld unzähliger Opfer des Terrors und er hat sich mit schuldig gemacht. Diese Last wird er nie wieder los. Das weiß er gewiss, sie wird leichter aber nie verschwinden. Aber vielleicht hilft ihm ja die neue Arbeit, ein Stück wieder gut zu machen. Aber große Hoffnung hat er nicht. Während der Überfahrt blickt er über das Meer und stellt fest, wie unsagbar dumm die Menschen sind, sich diese Wunderbare Welt so grausam zu gestalten. All diese Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Sein Onkel hat viel Schuld auf sich geladen. Die Koordinaten von Tonga sind sehr genau. Sie bezeichnen einen kleinen Platz. Er verwirft seine vorherigen Pläne und entschließt sich, nach Tonga zu fahren, auch um die Frau kennen zu lernen, mit der sein Onkel damals zusammengelebt hat.
Er sitzt am Küchentisch, sein Rucksack neben sich. Tonga. Verdammt, wo ist das eigentlich. Und was glaubt er eigentlich dort zu finden? Er wickelt den Revolver wieder zusammen und versteckt ihn in seinen Rucksack. Nun fragt er sich, wie er nach Tonga kommt. Er nimmt sein iPhone und versucht, Informationen für eine Passage zu bekommen, denn fliegen, nein fliegen will er nicht. Er traut den Piloten nicht. Er hat noch keinen verlässlichen Piloten kennen gelernt. Auch weiß er, wird es schwierig eine Waffe mit in den Flieger zu bekommen. Also versucht er, auf einem alten Karren mitzureisen. Er reist nach Hamburg, um dort an Bord zu gehen. Sein Entschluss steht fest, er macht die Jacke zu, schultert den Rucksack und tritt in das Abendlicht vor die Tür, die hinter ihm ins Schloss fällt.
Kapitel 10
Beim Essen versuchte Jack, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Wahrscheinlich war das zu auffällig. Er hatte das Gefühl, dass alle ihn beobachteten. Komisch, dachte er, es ist hier genauso wie überall. Jeder sitzt auf seinem angestammten Platz. Darin gleichen sich die Menschen wohl doch sehr. Nachdem er das Labskaus verdrückt hatte, machte er sich auf den Weg zur Brücke. Es regnete sehr stark und auf dem Deck war er schnell durchnässt. Auf der Brücke traf er den Kapitän, so wie er erhofft hatte. Der Kapitän rauchte eine Pfeife und schaute auf die See. Die Sicht war durch den Regen getrübt, aber die Steuerungssysteme hielten den Kurs. Wann sind wir am Ziel Kapitän, fragte Jack. Planmäßig werden wir in 2 Tagen da sein, antwortete der Kapitän und fuhr fort, schauen Sie mal kurz auf die Instrumente. Nichts anfassen. Solange sich nichts an den Anzeigen ändert, ist alles in Ordnung. Ich gehe mal kurz in meine Kajüte, ich möchte Ihnen etwas zeigen. Jack schaute verdutzt drein. Er hatte keine Ahnung von der Schifffahrt. Nun ja, die Automatik wird es schon richten. Er schaute sich um. Auf einem großen Rundinstrument sah er fünf Punkte, die alle ganz langsam auf einen grünen Fleck zusteuerten. Der grüne Fleck, das muss Tonga sein, dachte er. Einer der fünf Punkte war rot. Wenn das Schiffe sein sollten, wie er vermutete, dann war das wohl die Andrea Doria. Doch wer waren die anderen Schiffe? Klar war, dass sie alle zugleich ankommen mussten. Das Funkgerät! Eine Stimme war zu hören. Die Qualität der Stimme war schlecht aber er hörte, wie sich die anderen Schiffe miteinander unterhielten. Sein Englisch war so gut, dass er es verstehen konnte.
Worüber haben die gesprochen, erzählen Sie Jack, fragte Tim. Er konnte es wohl nicht abwarten, dachte Jack. Nun, sagte Jack, es ging um den genauen Zeitpunkt und dass sie die Dunkelheit ausnutzen wollten.
Ich hörte etwas von einem Angriff. Irgendwie erstaunte mich das nicht mehr. Ich nahm die Zeichnung aus der Tasche und studierte sie. Hin und wieder lauschte ich, ob der Kapitän wieder kam. Auf der Zeichnung konnte man mit viel Fantasie ein Haus erkennen. Darunter standen zwei Zahlenreihen. Sie waren aber so vergilbt, dass sie nicht zu erkennen waren. Zwei Zahlenreihen. Er erinnerte sich an den Zettel. Er hatte sich die Zahlen gemerkt. Wenn diese Zahlen dahin gehörten, dann würde ihm etwas klar. Der Kapitän wusste, dass er die Koordinaten hatte, nur er wollte sie wohl nicht von ihm erzwingen.
Der Kapitän kam wie angekündigt nach einer kurzen Weile wieder. Jack steckte das Stück Papier in seine Tasche zurück und blickte aufs Meer. Der Kapitän betrat die Brücke, Jack schaute ihn an. Der Kapitän sagte nichts, aber etwas war in seinem Blick. Jack erschrak etwas innerlich, wusste er von seinem Besuch in der Kajüte, er wendete den Blick ab und fixierte wieder das Meer. Jack sagte, alles ruhig Kapitän. Der Kapitän setzte sich seelenruhig wieder auf den Stuhl und zündete sich erneut die Pfeife an. Süßer Rauch stieg auf, Jack mochte diesen Geruch, er erinnerte ihn immer an seinen Opa. Da durchbrach der Kapitän die Stille und fragte Jack, wissen sie Jack etwas von der Geschichte der Insel Tonga? Und haben sie eine Ahnung, warum sie eigentlich einen Revolver auf diese Reise mitgenommen haben? Jack war etwas vor den Kopf gestoßen, erwiderte aber beinahe beiläufig, was sollte da schon für ein Zusammenhang bestehen, es war nur eine sentimentale Erinnerung an seinen Onkel. Der Kapitän blickte ihn untersuchend und durchdringend an. Schwierig für Jack dem standzuhalten. Nun Jack, sprach der Kapitän weiter, vielleicht haben Sie die Zeichnung aus meiner Kajüte nicht zufällig ausgewählt und mitgenommen. Jacks Augen weiteten sich, er hörte aber weiter zu. Jack, es gibt Dinge, die lassen sich nicht immer mit reinem Sachverstand erklären. Manchmal ergeben viele zunächst unzusammenhängende Stücke, wenn man sie zusammensetzt, ein Bild. Ich meine erst ihr Revolver, die Reise nach Tonga, dieses Schiff, die Zeichnung… Jack atmete schneller, der Kapitän äußerte genau das, was er vermutete. Jack schossen sofort Fragen durch den Kopf, die er gerne an den Kapitän gerichtet hätte, aber er war sich nicht sicher, ob er ihm trauen konnte. Daher musste er jetzt erstmal alleine sein und nachdenken. Er entschuldigte sich beim Kapitän und verließ die Brücke, während er die Treppen runter lief, rief der Kapitän, Jack ob sie es wollen oder nicht, wir bekommen immer was uns zusteht. Der Bund im Leben und im Tode so haben wir es geschworen, Jack. Davon können auch Sie sich nicht frei machen. Was erzählt er da nur, er hatte nie irgendetwas geschworen, Jack erinnert sich an die Taucher, die Legion und die Uhr. Was hat sein Onkel nur getan, was hat er geschworen und für was? Für Geld oder Reichtum kann es wohl kaum gewesen sein, er war immer beinahe mittellos. Aber was konnte es dann sein. Er hatte seinen Onkel immer als einen harten, aber gerechten Mann erlebt, gezeichnet von seinem Leben mit einigen Fehlentscheidungen aber nie böse.
Epilog
Jahre später trafen sich der Kapitän und Jack wieder, die Wege kreuzten sich in Nordafrika, sie verbrachten eine ganze laue Sommernacht auf der Veranda des Kapitäns und unterhielten sich. Zu später Stunde auch über jene Nacht in Tonga. Der Kapitän wollte alles erfahren, was Jack gesehen hat auf dem Meer und was mit den Schiffen und den Söldnern passiert ist. Als Jack ihm davon berichtete wurde der Kapitän ganz still und nachdenklich. Nach einer Weile meinte er: „Glaubst du an eine Welt die parallel zu unserer existiert eine Ebene, die wir nicht sehen können. Eine Welt, die nur sehen kann, wer bereit dafür ist?“ Jack blickte den Kapitän daraufhin lange an, nippte an seinem Glas und blickte dann auf den Horizont. Der Kapitän folgte seinem Blick und das war ihm Antwort genug. Eine Frage brannte dem Kapitän dann doch noch unter den Fingern, was hatte die Konstruktion für eine Aufgabe, sie hat doch nicht als Waffe fungiert, oder? Nachdem sich Jack nochmal etwas nachgeschenkt hatte, antwortete er leise: „Die Konstruktion ist die einzige Waffe gegen solche Mächte, und dafür braucht es keinen einzigen Kanonenschlag oder das folgende Feuer. Sie spiegelt das Dunkle und die Finsternis derer, die sich durch sie bereichern oder erheben wollen. Das allein bringt sie dem Tod näher als jedes Schwert. Die Konstruktion vereint Himmel und Erde so kann sich das Licht mit der Dunkelheit vereinen, und die Zwischenwelt entsteht. Du siehst es ist die mächtigste Waffe des Universums, nur sie kann das unendliche Nichts erschaffen, wo alles beginnt, und alles endet.“ Beide blicken sich an und dann auf den weißlich erleuchteten Horizont der Nordafrikanischen Ebene im Mondlicht.
Es ist ruhig geworden in der Domstadt an der Donau, die „Main Season“ ist vorbei, Touristen und Schiffe sind weitergezogen. In den Gassen der Stadt, in den Cafes gibt es sonnige Plätzchen, endlich wieder. Auch die Studenten haben die Stadt verlassen, ziehen von einem Praktikum zum nächsten, arbeiten oder sind im besten Fall auf Reisen. Vielleicht auch alles auf einmal oder einfach nur bei Mum und Dad abhängen. Ausruhen denn das nächste Semester kommt bestimmt.
Doch ein paar wenige Studenten sind dennoch umtriebig. So auch Pia, 23 Jahre alt und Psychologiestudentin. Sie treffe ich in der Notaufnahme des örtlichen Klinikums zum ersten Mal, an einem Samstagabend. Der Tag war bis dahin sonnig und heiter, bis mir Pia ihre Story erzählte.
Sie berichtet mir von ihrem Alltag an der Universität. Wie an vielen deutschen Universitäten werden auch hier in der Domstadt die Ansprüche an die Studenten immer höher und starrer. Immer mehr Lerninhalte sollen in immer kürzerer Zeit in die Köpfe der Studenten, immer auf der Jagd nach dem nächsten Credit-Point. Ach Bologna, wie bist du schön, wie sehn ich mich nach dir! Kein Zufall also, dass sich auch die Universität der Domstadt schon sehr frühzeitig an der Umstrukturierung der Studiengänge im Sinne von Bologna beteiligte. Neben dieser neuen Struktur kommt auch noch der gesellschaftliche Druck hinzu, bloß nicht ohne Studienabschluss und vor allem in Regelstudienzeit die Uni verlassen. Der Start ins Arbeitsleben darf ja nicht verzögert werden, nur angepasst und erwartungskonform, nur so wird das was mit der Traumstelle. Traumstelle? Wissen viele gar nicht was das sein soll. Warum nicht? Na weil kein Freiraum mehr existiert, um zu sehen was wirklich die eigene Flamme entfacht. „Jemand der für eine Sache brennt!“, schöne Illusion und Traumvorstellung. Doch eher hört man „Ihr sollt es doch mal besser haben als wir“, „Altersvorsorge“ oder „Wer soll sonst unsere Leute bezahlen?“ Aber eigentlich sind wir alle so mit Sollen beschäftigt, dass das Wollen irgendwie nicht stattfindet.
Tja, da muss man sich als Student schon was überlegen wie man Traum und Realität zusammenbringen kann. Wie grausam wäre die Vorstellung eines Alt-Hippie-Studisten, der sowieso erst gegen Mittag aus dem Bett kriecht, nur um sich erstmal gemütlich einen durchzuziehen. Easy going! Nein, diese Zeiten sind doch endgültig vorbei. Zeiten von freier Inspiration und Reflexion der Gedanken forget it! Klare Muster, Vorhersehbarkeit, systemkonform und der ewige Run auf „credit points“ nach Macht und Ruhm, das ist der neue Shit. Aber halt, so ganz sind diese psychoaktiven Helferlein noch nicht verschwunden. So ist es doch üblich, also kommt vor, dass viele Studenten mit Ritalin und Co. vom kleinen auf Drogen gesetzten Bruder oder aus der Klinikapotheke oder vom befreundeten Mediziner, ja auch Medizinstudenten kräftig bei der eigenen Leistungskurve nachhelfen. Ob das alles so fair Play ist? Ja keine Ahnung ist es möglich, wird es auch passieren, schließlich will sich kein Student davon die Butter vom Brot nehmen lassen. Wer fair ist verliert. Sie wollen schließlich alle ebenfalls ganz oben mitspielen, aber sie haben auch gelernt „Keine Macht den Drogen“. Daran wird schon was dran sein, soll ja auch nicht so gut für die Gesundheit sein. Und die gilt es unbedingt zu huldigen, Perfektion at it´s best halt. Daher musste eine Lösung für dieses Problem her. Wie lässt sich die Gehirn-Leistung steigern ohne Substanzen? Wir wären ja nicht an einer Universität, dem Lernraum der Genies, wenn sich dort nicht auch eine Lösung dafür finden ließe. Es fügte sich, dass es an der Universität in der Domstadt einen hervorragenden Psychologie-, Chemie- und Physik Forschungsbereich gibt. Immer weiter und stetig klettert der „Rising-Star“ auf der internationalen Rangliste nach oben. Hier tat sich also eine kleine Gruppe von Psychologie-, Chemie- und Physikstudenten vor gut einem Jahr zusammen, um dieses Problem zu lösen. Sie machten sich an die Entwicklung einer Methode, die es ermöglicht, seine Gehirn- insbesondere Gedächtnisleistung zu steigern. Mittels dieser SSdS-Methode ist es möglich, die Synapsenaktivität mittels Schmerzimpulse zu steigern. Der Traum einer unendlichen Leistungsfähigkeit würde wahr, wenn die Forschergruppe es schaffen könnte, die Methode so weiterzuentwicklen, dass sie in jeder Hausarztpraxis umsetzbar wäre. Doch bis dahin sollte es noch zu unzähligen sogenannter Unfälle an freiwilligen Testern kommen. Denn die Parole lautet, wer Erfolg will, muss Schmerz ertragen!
Heute ist Samstag, der 26.02.22 vor gerade einmal zwei Tagen begann die Invasion der russischen Truppen in der Ukraine. Die Gedanken sind überfüllt mit Bildern und Nachrichten, kaum zu verarbeiten. Die Emotionen rasen nur so durch den Körper und das Herz. Und immer wieder diese eine Frage was passiert hier bloß. Es wird klar es wird bewusst, es ist Krieg. Hilflos, ohnmächtig prasselt alles auf einen ein. Ich muss hier raus, was tun irgendwas. Daher sitze ich jetzt im Zug nach Berlin und schriebe diese Zeilen.
Wenn ich heute an die Ukraine denke, sehe ich Menschen, die um ihr Leben fliehen, deren Zuhause, deren Heimat zerstört wird. Ich sehe die tapferen ukrainischen Widerstandskämpfer und Kämpferinnen, die mit allen Mitteln ihre Heimat gegen Goliath zu verteidigen versuchen. Ein Präsident, der mutig jedem sagt, um was es jetzt geht. Männer und Frauen, die um ihr Zuhause kämpfen. Ein Kampf der Ukraine sich gegen die Übermacht Russlands zur Wehr zu setzen, den die Ukraine nicht erst seit dem 24.02.22 führt, sondern seit der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion, indem es versucht, die selbst gewählte freie Demokratie gegen Russland zu verteidigen. Leider ohne besondere Hilfe der westlichen europäischen Staaten. Daneben sehe ich aber auch Menschen in Russland, die sich nicht blenden lassen von Propaganda und Putins Konstruktionen und tiefes Mitgefühl mit den Menschen empfinden, die jetzt in dieser Art Krieg leben müssen, indem man seinen Kindern unter Tränen Lebewohl sagen muss. Ich sehe zwei Völker, die aus ihrer Ursprünglichkeit der Rus eigentlich Brüder und Schwestern sein sollten. Ich sehe einen Angriff von Putin und seinen Befürwortern, die einfach schlechte Menschen sind, machthungrig und rücksichtslos die eigenen Interessen vertreten. Die von einem wiederauflebenden Großrussland träumen und denen weder Menschenleben im Ausland noch der eigenen Bevölkerung was wert sind. Doch Kein Volk sollte durch eine kleine Gruppe oder eine Person beherrscht werden. Es kann nur sich selbst beherrschen, nichts anderes ist Demokratie darum “stand for democracy stand for Ukraine”.
Das ist nun drei Tage her, zwei Tage nachdem weltweit aber vor allem in Europa die Menschen auf die Straßen gegangen sind Berlin, Amsterdam, Prag, Madrid, Istanbul, Paris aber auch in vielen kleinen Orten, um zu zeigen, dass Krieg niemals eine Lösung sein darf und das sie vor allem bei und mit den Menschen in der Ukraine sind. Diese Solidarität ist das was jeder tun kann, es scheint klein und unbedeutend, ist es aber nicht. Es muss nicht immer jeder Einzelne über sich hinauswachsen, um Großes leisten zu können, es genügt, wenn jeder sein Möglichstes tut, denn erst zusammen, mit der Kraft der vielen, wachsen wir wahrhaftig über uns hinaus. Es ist die gemeinsame Idee, die so zu einer gemeinsamen Geschichte wird. Jeder wird so ein Teil davon, macht sie sich zu eigen. Und dann ist diese Geschichte nicht mehr egal und ganz weit weg, sondern bewusst und beeinflusst unser Handeln, wird weitererzählt und weitergetragen. Schafft Identität.
So zeigt sich Europa in diesen Tagen als ein Kontinent der vielen Länder, die wenn es darauf ankommt, die eigene Freiheit und die Idee der Demokratie zu verteidigen, zusammenrücken. Das was es heißt, in Freiheit leben zu können, freier Zugang zu Informationen, freier Journalismus, freie Nutzung von Internet, freier Zugang zu Arbeit und Markt, größtmögliche Freiheit seinen Weg zu gehen, wie man es möchte und vor allem eine freie und starke Zivilgesellschaft. Sie organisiert Hilfen, sie unterstützt ehrenamtlich, sie entwickelt Ideen für Fortschritt und sie wird laut und kommt zusammen. Sie ist das Gewissen.
Ich sehe heute ein Russland, das hart getroffen wird von den Sanktionen, ich sehe eine russische Bevölkerung, die sich schon auf karge und harte Zeiten vorbereitet, die Eltern und Großeltern erinnern sich noch, wie sowas aussehen kann, es ist Teil des russischen Volksgedächtnis. Ich sehe ein geschlossenes Europa. Ich sehe Menschen, die Spenden und Hilfen organisieren. Menschen, die an die ukrainische Grenze fahren, um dort Hilfsgüter abzugeben und flüchtende Menschen mitzunehmen. Frauen mit ihren Kindern und minderjährige Alleinreisende, die erschöpft und im Ungewissen in Bussen und Bahnen in Polen, Deutschland etc. ankommen. Leider muss ich auch feststellen, dass diese Solidarität anderen Menschen aus Gebieten des Nahen Ostens oder Afrika nicht entgegenkommt. Und frage mich warum.
Ich sehe Putin, der mit seinem Atomwaffenarsenal droht. Ich sehe eine deutsche Regierung, die ihre Jahrzehnte lange Verteidigungspolitik von heute auf morgen um 180 Grad dreht. Ich sehe viele Menschen, die sich Frieden wünschen. Frieden und Freiheit, die heute mit Waffen verteidigt werden müssen wie so oft in unserer Geschichte.
Ich wünsche uns allen Frieden egal wo auf dieser Welt, ich wünsche uns Solidarität unter den Menschen weltweit, egal woher sie kommen und egal wohin sie wollen. Ich wünsche uns Erkenntnis und Besonnenheit. Ich wünsche uns Liebe.
Extra:
Die Pandemie und auch dieser Krieg zeigen eindringlich, wie effektiv und schnell Dinge umgesetzt werden können. So wurde der EU-Beitritts-Antrag der Ukraine unbürokratisch auf den Weg gebracht, was jahrelang von der EU hinausgezögert wurde. Da kann man sich schon fragen, warum ist das jetzt möglich und damals nicht. Das liegt wohl am Wesen des Krieges, es ist ein Ausnahmezustand, der schnelles Handeln einfordert, da mit jedem Tag mehr Menschen sterben und mehr zerstört wird. Krieg stellt die unmittelbare Dringlichkeit in den Raum, die es in Friedenszeiten nicht gibt. Im Frieden wird alles abgewogen, ein Gefühl der ewigen Zeit, und wenn man alles haben kann, möchte man auch das vermeintlich Beste für sich herausholen. Zweifeln wird häufiger nachgegeben und Kompromisse oder Wagnisse haben seltener eine Chance. Das ist der 100 Prozent alles richtig gemacht Fall, der einem maximale Sicherheit verspricht. Und den es eigentlich gar nicht gibt. Bestes Gegenbeispiel, um zu zeigen, wie sich die Unmittelbarkeit einer Bedrohung auf, die daraus zu ziehenden Konsequenzen auswirkt, ist der Klimawandel, der sich nur allmählich steigert, bis wir den “point of no return” überschritten haben und es dann wohl ganz schnell sehr unangenehm werden kann. Spätestens dann haben wir auch die Rückkehr der Dringlichkeit.