Ein Experiment: Mit Phasen von Poesie & Prosa, Politisches & Philosophisches & Persönliches… Nach der Fiktion ist es Zeit für Realität … Ein Versuch für mehr Traum in der Realität.
Ausschnitte aus der Kurzgeschichte „Der Revolver“, die in Kooperation mit einem weiteren Autor entstanden ist.
Kapitel 1
Er stellte die Kaffeetasse wieder in den Schrank, ohne sie benutzt zu haben. Er sah sich um und dachte an die Zeit, in der es in der Küche nicht so einsam gewesen war. Damals hatten sie immer rund um den Tisch gesessen und sich beim Essen unterhalten und viel gelacht. Damals. Er schaute auf den Hof und es fiel ihm auf, dass sein Blick nach dem Auto suchte, das dort immer gestanden hatte. Sein Entschluss stand fest. Nachdem er den Müll rausgebracht hatte, ging er in den Keller und suchte sich seine Outdoorsachen zusammen. Er hatte noch eine alte Armeejacke, die würde er anziehen. Seine Wanderschuhe waren noch gut in Form und auch erst ein Jahr alt. Ein Auto würde er nie wieder benutzen, das stand für ihn fest. Nach dem Vorfall war er fast jeden Tag stundenlang durch die Gegend gelaufen und hatte über das nachgedacht, was geschehen war. Er zog sich seine Armeejacke über und schlüpfte in die Wanderschuhe, während er sich die Schnürsenkel zuband, fällt sein Blick auf den alten Steinboden, er dachte sich dabei wieviel Zeit hat dieser Stein schon erlebt, aber dennoch ist er kalt und hart. Deshalb wurde er wohl ausgewählt der hält was aus. Der Steinboden war das Gegenteil von ihm. Er war in der Zeit danach innerlich immer mehr mürbe geworden. Bevor er aus dem Haus ging, öffnete er den Schrank und suchte nach seinem Revolver.
Der alte Revolver seines Onkels mit der alten Gravur in einer Sprache, die er nicht kannte. Er öffnete den Schrank tastete auf der obersten Schublade danach, doch er fand ihn nicht. Hatte er ihn woanders abgelegt, er liegt schon so lange da oder hat ihn jemand anderes weggeräumt. Sein Onkel, der damals in der Fremdenlegion gedient hatte. Nach dem Krieg kam er nicht mehr mit der Gesellschaft klar und er fuhr nach Marseille, um sich mustern zu lassen. Sein erster Einsatz war in Algerien und von dort musste er die Waffe auch mitgebracht haben. Er hatte nie von der Zeit erzählt.
Er überlegte, ob er ihn nicht doch irgendwann woanders hin geräumt hatte, er ging zum Sekretär, drehte den Schlüssel und öffnete ihn bis auf das alte Schreibpapier und die Füller lag nichts darin was einem Revolver glich. Beim Anblick des Briefpapiers wurde ihm etwas schwer ums Herz die Tiefe vergrößert sich. Er sieht sich, wie er liebevolle Worte auf das Papier schrieb, damals. Er dreht den Kopf und schlug den Sekretär wieder zu. Wo ist der Revolver, an den Schrank geht doch sonst keiner ran oder wusste jemand von dem Revolver? Er hat es niemandem erzählt, dass er überhaupt da war. Das hätte nur für Eklat gesorgt eine Waffe im Haus, nein das geht mal überhaupt nicht, schallen die Worte in seinem Kopf wieder.
Noch einmal kamen ihm die Gedanken an das Briefpapier, sein Blick verschwamm etwas und er merkte, dass er weinte. Er schaute sich reliefartig um, aber es war ja keiner da der seine Tränen sehen konnte. Die Briefe, die er damals geschrieben hatte, er hatte sie alle noch im Kopf. Unten am Sekretär, da war eine Stelle. Er konnte nicht erkennen, was es sein sollte. Er bückte sich und sah eine Art Verschluss. Augenblicklich raste sein Puls und er griff mit der rechten Hand danach. Die Tränen in den Augen verwischten seine Sicht, er kniete sich hin, um besser an den Verschluss zu kommen und für eine bessere Balance. Nicht das er noch mit dem Kopf gegen den Sekretär stößt. Er fingerte nach dem Verschluss. Sein Puls war merklich am Hals zu spüren, jedes Tier hätte dies erkannt. Seine Finger zitterten etwas, was das Öffnen nicht gerade erleichterte, doch er fasste das Lederband und löste es vom Knauf eine kleine Holzklappe öffnete sich und etwas viel zu Boden. Er erschrak aber, sein Blick folgte auf den Boden.
Ein zugeschnürtes kleines Bündel lag da vor ihm auf dem Steinboden. Das Band hatte die Farben Rot-Blau-Weiß. Es war etwa 30 cm lang und etwas unförmig. „Der Revolver“ dachte er. Er nahm das Bündel hoch und ging damit an den alten Küchentisch. Er zog die Vorhänge zu, obwohl niemand vor dem Haus zu sehen war. Das Band war sogfältig verknotet, wie bei einem Schnürsenkel. Er wischte sich die schweißnassen Hände an der Hose trocken und zog an dem Band. Das Band löste sich. Nach und nach zog er es zu einer Seite gänzlich durch, dann legte er es sanft zur Seite. Ein schönes Band dachte er in seinen Lieblingsfarben Rot und Blau. Ein kurzer Hauch eines Lächelns war zu erahnen. Das Bündel lag nun vor ihm, den Inhalt gab es noch nicht preis, durch die Vorhänge drängen sanfte Sonnenstrahlen durch und trafen auf den hölzernen Küchentisch freundlich und anschmiegsam das Holz und wie es die wunderbaren Geschichten aufgenommen hat, dachte er sich. Etwas Licht erhellte das Bündel, er starrte darauf und wie das Licht die Konturen veränderte.
Eindeutig, dachte er, das muss der Revolver sein. Doch wenn, ob er noch funktionierte? Und bekam man dafür noch Munition und woher. Seine Frau war, was Waffen anging, eine Furie. Er musste sein Leben lang seine Begeisterung für Waffen, speziell für Revolver, an Tagen ausleben, von denen sie nichts wusste. Er wischte den Gedanken zur Seite und fühlte die Konturen. Langsam wickelte er das Bündel aus. Ein silberfarbener Lauf kam zum Vorschein. Er löste das Bündel weiter und er sah das da noch etwas war. Papier, ein Umschlag, vergilbt und auch etwas dunkel gefärbt. Er erkannte ein Wappen. Die Umrisse dünn und teilweise durchbrochen, aber er erkannte es sofort, das war das alte Familienwappen, das ihm seine Mutter mal zeigte. Neugierig und vorsichtig öffnete er den Umschlag, behutsam wie einen Schatz nahm er das darin liegende Papier heraus. Die Art des Papiers glich eher einem Pergamentpapier. Er bemerkte, dass es gar nicht ausländisch war, sondern in Spiegelschrift geschrieben war. Daraufhin lief er schnell ins Bad und kramte einen kleinen Spiegel raus. Dann eilte er zum Tisch zurück und hielt die Waffe davor. In der einen Hand den Revolver in der anderen die Lupe, es war eine Botschaft.
Er konnte es kaum erkennen, der Graveur musste ein Meister gewesen sein “N’est pas cet étranger devenu fils de France; Non par le sang reçu mais par le sang verse”. Er erinnert sich an die Worte aus seiner Kindheit, seine Oma sprach manchmal so zu ihm. Die Verse sollen erhalten was dir irgendwann mal fremd geworden ist. Seine Oma war im Elsässischen geboren und konnte somit leidlich Französisch. Er hatte es nie gelernt. Nun, er nahm sein IPhone und gab den Text ein. Noch bevor das Ergebnis kam, ahnte er es: Es hatte was mit der Legion zu tun. “Franzose wirst du, wenn du dein Blut für Frankreich vergossen hast”, so verstand er es. Sein Onkel müsste mehr als nur einfacher Korporal gewesen sein. Er öffnete nun das Pergament. Es waren zwei Zeilen darauf zu lesen -175.198242 -21.178986, was bedeuten diese Zahlen? Er überlegte, es könnten vielleicht Koordinaten sein. Er tippte auch diese in sein Smartphone ein drückte Enter und da war es, Tonga!
Tonga, damit assoziierte er erstmal die Südsee, aber er erinnerte sich an Erzählungen seines Onkels über Männer unterschiedlicher Nationen kämpfend für Frankreich. Er erinnerte sich auch, dass sein Onkel bei manchen Geschichten immer innehielt und sein Blick weit weg zu sein schien, mal traurig mal ängstlich aber auch manchmal sehnsüchtig. Auch sein Blick gleitet in die Ferne.
Er dachte zurück, wie sein Onkel erzählte, von fremden Welten er war damals noch klein. Nun fragte er sich, ob sein Onkel ihm alles erzählte, waren es doch Kämpfe und nicht umsonst liegt jetzt vor ihm dieser Revolver, gefertigt, um zu töten. Hat sein Onkel auch getötet? Sein Onkel war Legionär so viel steht für ihn fest. Doch warum befindet sich beim Revolver ein Zettel mit Koordinaten von Tonga? Den Revolver mit der Signatur hat sein Onkel sicher nicht für Schreibarbeit bekommen. Er hat es immer geahnt. Da ist mehr, da ist etwas Bedeutendes in Algerien passiert? Und was hat das mit Tonga zu tun?
Er überlegt. Sein bisheriger Plan. Was soll er machen? Ist der Zettel so etwas wie eine Art Schatzkarte. Er lacht laut auf. Hirngespinste, sagt er sich. Was soll er machen? Er wusste von seinem Onkel das er viel Schlechtes in Algerien erlebt und gemacht hat. Aber über eins konnte er immer etwas leichter reden, als wenn es eine Art Entschuldigung war. Wie er dafür sorgte, dass einige junge Männer wieder nach Hause kamen. Unerkannt von der Legion. Er konnte sich auch daran erinnern, dass dies wohl der Grund war, warum er dann nach Tonga ging. Weit weg von Frankreich. Dort hatte er einige Jahre verbracht, versucht die Befehle nur geringfügig auszuführen, bis er eine Frau kennengelernt hatte. Diese Frau gab ihm Zuspruch und Hoffnung, doch er musste Tonga wieder verlassen, die Legion, doch er hatte immer das Pergament mit den Koordinaten ’seiner‘ Insel dabei. In der Hoffnung sie irgendwann wieder besuchen zu können.
Die Grauen des zweiten Weltkrieges, die Grauen des Algerienkrieges. Sein Onkel war Soldat, doch in Algerien erkannte er, dass nur das Töten keinen inneren Frieden erzeugt. Nach seinen 10 Jahren konnte er die Legion verlassen, niemand hatte mitbekommen, dass er viele zur Desertation verholfen hatte. Der Revolver erinnerte ihn immer daran, an die grausamen Bilder des Krieges. Gutes und Schlechtes symbolisch vereint in einem Bündel. Eines Abends kam er mit einem zwielichtigen Typen in einer Spelunke von Algier ins Gespräch. Er meinte, dass auf Tonga Männer gesucht werden, die eine Art Polizei darstellen sollten. Die Überfahrt auf einem alten deutschen Schooner sollte 10.000 Franc kosten. Er willigte ein. Unterschrieb und heuerte auf dem Schooner an, um die Passage zu bezahlen. Das Geld was er sich zusammengespart hatte, Blutgeld, das hatte er sicher in seinem Rucksack verstaut.
Das Blutgeld unzähliger Opfer des Terrors und er hat sich mit schuldig gemacht. Diese Last wird er nie wieder los. Das weiß er gewiss, sie wird leichter aber nie verschwinden. Aber vielleicht hilft ihm ja die neue Arbeit, ein Stück wieder gut zu machen. Aber große Hoffnung hat er nicht. Während der Überfahrt blickt er über das Meer und stellt fest, wie unsagbar dumm die Menschen sind, sich diese Wunderbare Welt so grausam zu gestalten. All diese Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Sein Onkel hat viel Schuld auf sich geladen. Die Koordinaten von Tonga sind sehr genau. Sie bezeichnen einen kleinen Platz. Er verwirft seine vorherigen Pläne und entschließt sich, nach Tonga zu fahren, auch um die Frau kennen zu lernen, mit der sein Onkel damals zusammengelebt hat.
Er sitzt am Küchentisch, sein Rucksack neben sich. Tonga. Verdammt, wo ist das eigentlich. Und was glaubt er eigentlich dort zu finden? Er wickelt den Revolver wieder zusammen und versteckt ihn in seinen Rucksack. Nun fragt er sich, wie er nach Tonga kommt. Er nimmt sein iPhone und versucht, Informationen für eine Passage zu bekommen, denn fliegen, nein fliegen will er nicht. Er traut den Piloten nicht. Er hat noch keinen verlässlichen Piloten kennen gelernt. Auch weiß er, wird es schwierig eine Waffe mit in den Flieger zu bekommen. Also versucht er, auf einem alten Karren mitzureisen. Er reist nach Hamburg, um dort an Bord zu gehen. Sein Entschluss steht fest, er macht die Jacke zu, schultert den Rucksack und tritt in das Abendlicht vor die Tür, die hinter ihm ins Schloss fällt.
Kapitel 10
Beim Essen versuchte Jack, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Wahrscheinlich war das zu auffällig. Er hatte das Gefühl, dass alle ihn beobachteten. Komisch, dachte er, es ist hier genauso wie überall. Jeder sitzt auf seinem angestammten Platz. Darin gleichen sich die Menschen wohl doch sehr. Nachdem er das Labskaus verdrückt hatte, machte er sich auf den Weg zur Brücke. Es regnete sehr stark und auf dem Deck war er schnell durchnässt. Auf der Brücke traf er den Kapitän, so wie er erhofft hatte. Der Kapitän rauchte eine Pfeife und schaute auf die See. Die Sicht war durch den Regen getrübt, aber die Steuerungssysteme hielten den Kurs. Wann sind wir am Ziel Kapitän, fragte Jack. Planmäßig werden wir in 2 Tagen da sein, antwortete der Kapitän und fuhr fort, schauen Sie mal kurz auf die Instrumente. Nichts anfassen. Solange sich nichts an den Anzeigen ändert, ist alles in Ordnung. Ich gehe mal kurz in meine Kajüte, ich möchte Ihnen etwas zeigen. Jack schaute verdutzt drein. Er hatte keine Ahnung von der Schifffahrt. Nun ja, die Automatik wird es schon richten. Er schaute sich um. Auf einem großen Rundinstrument sah er fünf Punkte, die alle ganz langsam auf einen grünen Fleck zusteuerten. Der grüne Fleck, das muss Tonga sein, dachte er. Einer der fünf Punkte war rot. Wenn das Schiffe sein sollten, wie er vermutete, dann war das wohl die Andrea Doria. Doch wer waren die anderen Schiffe? Klar war, dass sie alle zugleich ankommen mussten. Das Funkgerät! Eine Stimme war zu hören. Die Qualität der Stimme war schlecht aber er hörte, wie sich die anderen Schiffe miteinander unterhielten. Sein Englisch war so gut, dass er es verstehen konnte.
Worüber haben die gesprochen, erzählen Sie Jack, fragte Tim. Er konnte es wohl nicht abwarten, dachte Jack. Nun, sagte Jack, es ging um den genauen Zeitpunkt und dass sie die Dunkelheit ausnutzen wollten.
Ich hörte etwas von einem Angriff. Irgendwie erstaunte mich das nicht mehr. Ich nahm die Zeichnung aus der Tasche und studierte sie. Hin und wieder lauschte ich, ob der Kapitän wieder kam. Auf der Zeichnung konnte man mit viel Fantasie ein Haus erkennen. Darunter standen zwei Zahlenreihen. Sie waren aber so vergilbt, dass sie nicht zu erkennen waren. Zwei Zahlenreihen. Er erinnerte sich an den Zettel. Er hatte sich die Zahlen gemerkt. Wenn diese Zahlen dahin gehörten, dann würde ihm etwas klar. Der Kapitän wusste, dass er die Koordinaten hatte, nur er wollte sie wohl nicht von ihm erzwingen.
Der Kapitän kam wie angekündigt nach einer kurzen Weile wieder. Jack steckte das Stück Papier in seine Tasche zurück und blickte aufs Meer. Der Kapitän betrat die Brücke, Jack schaute ihn an. Der Kapitän sagte nichts, aber etwas war in seinem Blick. Jack erschrak etwas innerlich, wusste er von seinem Besuch in der Kajüte, er wendete den Blick ab und fixierte wieder das Meer. Jack sagte, alles ruhig Kapitän. Der Kapitän setzte sich seelenruhig wieder auf den Stuhl und zündete sich erneut die Pfeife an. Süßer Rauch stieg auf, Jack mochte diesen Geruch, er erinnerte ihn immer an seinen Opa. Da durchbrach der Kapitän die Stille und fragte Jack, wissen sie Jack etwas von der Geschichte der Insel Tonga? Und haben sie eine Ahnung, warum sie eigentlich einen Revolver auf diese Reise mitgenommen haben? Jack war etwas vor den Kopf gestoßen, erwiderte aber beinahe beiläufig, was sollte da schon für ein Zusammenhang bestehen, es war nur eine sentimentale Erinnerung an seinen Onkel. Der Kapitän blickte ihn untersuchend und durchdringend an. Schwierig für Jack dem standzuhalten. Nun Jack, sprach der Kapitän weiter, vielleicht haben Sie die Zeichnung aus meiner Kajüte nicht zufällig ausgewählt und mitgenommen. Jacks Augen weiteten sich, er hörte aber weiter zu. Jack, es gibt Dinge, die lassen sich nicht immer mit reinem Sachverstand erklären. Manchmal ergeben viele zunächst unzusammenhängende Stücke, wenn man sie zusammensetzt, ein Bild. Ich meine erst ihr Revolver, die Reise nach Tonga, dieses Schiff, die Zeichnung… Jack atmete schneller, der Kapitän äußerte genau das, was er vermutete. Jack schossen sofort Fragen durch den Kopf, die er gerne an den Kapitän gerichtet hätte, aber er war sich nicht sicher, ob er ihm trauen konnte. Daher musste er jetzt erstmal alleine sein und nachdenken. Er entschuldigte sich beim Kapitän und verließ die Brücke, während er die Treppen runter lief, rief der Kapitän, Jack ob sie es wollen oder nicht, wir bekommen immer was uns zusteht. Der Bund im Leben und im Tode so haben wir es geschworen, Jack. Davon können auch Sie sich nicht frei machen. Was erzählt er da nur, er hatte nie irgendetwas geschworen, Jack erinnert sich an die Taucher, die Legion und die Uhr. Was hat sein Onkel nur getan, was hat er geschworen und für was? Für Geld oder Reichtum kann es wohl kaum gewesen sein, er war immer beinahe mittellos. Aber was konnte es dann sein. Er hatte seinen Onkel immer als einen harten, aber gerechten Mann erlebt, gezeichnet von seinem Leben mit einigen Fehlentscheidungen aber nie böse.
Epilog
Jahre später trafen sich der Kapitän und Jack wieder, die Wege kreuzten sich in Nordafrika, sie verbrachten eine ganze laue Sommernacht auf der Veranda des Kapitäns und unterhielten sich. Zu später Stunde auch über jene Nacht in Tonga. Der Kapitän wollte alles erfahren, was Jack gesehen hat auf dem Meer und was mit den Schiffen und den Söldnern passiert ist. Als Jack ihm davon berichtete wurde der Kapitän ganz still und nachdenklich. Nach einer Weile meinte er: „Glaubst du an eine Welt die parallel zu unserer existiert eine Ebene, die wir nicht sehen können. Eine Welt, die nur sehen kann, wer bereit dafür ist?“ Jack blickte den Kapitän daraufhin lange an, nippte an seinem Glas und blickte dann auf den Horizont. Der Kapitän folgte seinem Blick und das war ihm Antwort genug. Eine Frage brannte dem Kapitän dann doch noch unter den Fingern, was hatte die Konstruktion für eine Aufgabe, sie hat doch nicht als Waffe fungiert, oder? Nachdem sich Jack nochmal etwas nachgeschenkt hatte, antwortete er leise: „Die Konstruktion ist die einzige Waffe gegen solche Mächte, und dafür braucht es keinen einzigen Kanonenschlag oder das folgende Feuer. Sie spiegelt das Dunkle und die Finsternis derer, die sich durch sie bereichern oder erheben wollen. Das allein bringt sie dem Tod näher als jedes Schwert. Die Konstruktion vereint Himmel und Erde so kann sich das Licht mit der Dunkelheit vereinen, und die Zwischenwelt entsteht. Du siehst es ist die mächtigste Waffe des Universums, nur sie kann das unendliche Nichts erschaffen, wo alles beginnt, und alles endet.“ Beide blicken sich an und dann auf den weißlich erleuchteten Horizont der Nordafrikanischen Ebene im Mondlicht.
„Das Erstaunliche daran ist, dass ich bis heute nicht sicher sagen kann, ob diese Geschichte den Richtigen erreicht hat.“
~Episoden~
Der junge Harlekin und das Ticket in eine andere Welt
~5~
Charlie und der Traum von fliegenden Fischen
~10~
Le Bohémien Harlekin
~13~
Charlie und Harlekin, das Schicksal, das Feuer bricht aus
~15~
Das neue Band und das Experiment
~19~
Der Pakt – Wie der Harlekin sein Herz so oder so verlor
~24~
Der Zauberer und der Plan
~27~
Charlie und die Stimme
~32~
Der Weihnachtszirkus „Once upon a time“
~35~
Vom singenden Harlekin, dem bösen Professor, dem gierigen Zirkusdirektor, dem magischen Zauberer und Charlie.
Prolog
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen, es ist vielleicht nicht wirklich eine Geschichte, sondern ein Märchen über einen jungen Mann, der durch einen Pakt mit dem Zirkusdirektor Barnim zu einem Harlekin wurde und dabei sein Herz verlor. Erfahrt von seiner Suche nach dem Herzen, dass ihm seins wiederbringen sollte. Denn ein Herz geht nie verloren, es kann unsichtbar werden oder sich verstecken, aber irgendjemand, dessen Herz im gleichen Takt schlägt, kann es finden und zurückbringen. Nun werden wir sehen, hat der Harlekin Glück bei seiner Suche und sein Pakt mit dem Zirkusdirektor wird gelöst?
An alle Demokraten und die, die es werden wollen, ich möchte mit euch über Freiheit reden.
Freiheit kennt weder Not noch Furcht. Doch wirklich frei ist, wer als Gleicher unter Gleichen am öffentlichen, politischen Leben teilnehmen kann. Nach Kant soll die Freiheit des Einzelnen dort aufhören, wo die des anderen beginnt. Dies ist ein sehr liberaler Freiheitsgedanke des „Nichteinmischens“. Jedoch ist dieser nicht umfassend genug, denn er schließt diejenigen Menschen aus, die die nötigen Ressourcen, um von ihrem tatsächlichen Willen Gebrauch machen zu können, nicht zur Verfügung haben. Wir erleben seit geraumer Zeit, dass sich die Menschen wieder verstärkt unterscheiden. Ganz besonders wird das Kapital immer ungerechter verteilt. Man spricht von Arm und Reich. Von denen in den Stadtbezirken der Innenstadt oder mit tollem Eigenheim. Und auf der anderen Seite die Familien und Alleinerziehenden in den Blocks. Diese Menschen haben meist nicht den Luxus ihre freie Zeit mit politischen Aktionen und Gedanken zu füllen. Da heißt es vornehmlich, die Existenz zu sichern. Doch genau diese Menschen haben nicht weniger Freiheit verdient als alle anderen und müssen teilhaben am politischen Leben. Die wesentliche Voraussetzung dafür aber ist, dass Unterdrückungsverhältnisse jeglicher Art beseitgt werden müssen, damit wir wirklich frei sein können. Genau dies muss ein Wesensmerkmal der Sozialdemokratie sein. Denjenigen eine organisierte Stimme zu geben, die aufgrund ihrer benachteiligten Situation es nicht selbst tun können. Für nicht weniger ist die Sozialdemokratie 23. Mai 1863 angetreten, um diese soziale Frage anzugehen. Die Geschichte zeigt, auch wenn Revolutionen scheitern, bleibt eins doch immer erhalten, die Sehnsucht nach Freiheit und die Überzeugung, dass nur ein Leben ohne Not und Furcht erstrebenswerrt ist; Denn erst dann können wir frei und selbst Handlungsentscheidungen treffen. Dieses Wissen „vergißt sich nicht selbst“. Und auch Sozialdemokraten sollten sich nicht selbst vergessen. Der Mensch als solches ist frei, weil er qua seiner Natalität nicht nur selbst einen Neuanfang in dieser Welt darstellt, sondern auch in der Lage ist, mit jeder seiner Handlungen einen neuen Anfang zu machen. Daher an alle Sozialdemokraten ist jetzt, genau jetzt der richtige Moment für einen Neustart der SPD, aber auch für alle anderen Demokraten. Und das können wir nur gemeinsam schaffen. Wenn man über Politik spricht, fällt auch oft das Wort Macht. Das ist oft negativ besetzt. Aber ich sage zu unrecht. Denn Macht ist nie die Macht des Einzelnen. Erst der Zusammenhalt einer Gruppe, die den Einzelnen unterstützt bzw. ermächtigt, birgt die Macht in sich. Löst sich die Gruppe auf, hat auch der Einzelne keine Macht mehr. Im Vergleich dazu setzt ein Missbrauch dieser Macht durch einen Einzelnen eine Ohnmacht voraus, in der alle erstrebenswerten Ziele missbraucht werden durch Gewalt und Unterdrückung.
2/2Daher lasst uns erkennen welche Macht wir haben, lasst uns unsere Demokratie pushen, damit wir wieder zu einer gelebten und interessierten Demokratie werden, die sich auch entscheidend für ein sozialeres Miteinander einsetzt.
Der Nebel wechselte seine Farbe von grau zu lichtblau. Charlie rieb sich die Augen, während sie in diesem Nebel zu stehen schien. Dann starrte sie nach vorne, ja tatsächlich dachte sie sich, es sind kleine Fische, die hier im Nebel schwimmen. Langsam schwammen sie um sie herum, erst sah man die schattenhaften Umrisse, dann ihre schimmernden blauen Schuppenoberflächen. Es war ein bisschen so als hätten die fliegenden Fische auf Charlie gewartet. Der Strom bewegte sich weiter vorwärts. Charlie meinte, eine leise Musik zu hören, ähnlich die eines Wales. Sie ruderte mit den Armen, um den Fischen folgen zu können, doch ihre Bewegungen verhallten im Nebel, sie kam nicht vom Fleck. Immer weiter mühte sie sich vergebens ab, die glänzenden Fische verschwanden im Nebel.
Charlie bemerkt wie sich ihre Arme noch leicht bewegen, als sie die Augen öffnet und sie das vertraute Sternennacht-Bild vor ihrem Bett sieht. Ihre Gedanken hängen noch in der Welt des Schlafes, als sie sich denkt: “Oh man was für ein konfuser
Traum.” Sie kuschelt sich in die warme Decke und dreht sich nochmal zur Seite. Die Bilder des Traumes hallen vor ihrem inneren Auge nach, bis sie langsam verschwinden wie die Fische im Nebel. Charlie schlägt die Decke zur Seite und schlurft in die Küche. Erstmal einen Kaffee. Stellt den Espressokocher auf den Herd und wartet einen Moment starrend ab. Ein Ruck reißt sie aus der Starre und sie holt die Wochenend-Zeitung rein und setzt sich dann mit einem Bein auf dem Stuhl an den hölzernen dunklen Küchentisch. Der Kocher pfeift und verströmt den wunderbaren Kaffeeduft im Raum. Mit der vollen Lieblings-Tasse blättert sie in der Lokalzeitung. Wahllos überfliegt sie die Schlagzeilen und Teaser über einen Bauträgerskandal, bei der Jagd versehentlich erschossene Menschen, den neuesten Bahnstreik, die besten Reiseziele der Region und über altbekannte und aufstrebende Sternchen.
Doch eine Schlagzeile packt sie. Die Kaffeetasse steht neben der Zeitung auf dem Tisch, als Charlie liest: “Seltsames Verschwinden von Personen rund um einen Wanderzirkus!” Sie liest weiter, vermehrt registriert die Polizei im ganzen Land Vermisstenanzeigen über Personen, die als Mitarbeiter des Zirkus’ angeheuert hatten. Ihre Familien beklagten einen stetig abnehmenden Kontakt, bis sie gar nichts mehr von ihnen hörten und sie auch auf Nachfrage beim Zirkus ihre Familienmitglieder oder Freunde nicht mehr erreichen konnten. Als wären sie vom Erdboden verschluckt worden. Weiter vermerkt die Polizei, dass viele Besucher der Zirkusvorstellungen auf Nachforschungen und Ermittlungen verstört oder gar nicht reagieren wollten. Ebenfalls ungeklärt und offen ist, inwiefern die grausamen Funde von vergoldeten Menschenherzen der letzten Zeit mit dem Verschwinden der Zirkusmitarbeiter in Verbindung steht. Die Polizei bittet
deshalb darum, bei Hinweisen jeglicher Art, die eventuell mit dem Zirkus und/oder den Vorfällen zu tun haben könnten, die örtlichen Dienststellen zu kontaktieren.
Über die Zeitung gebeugt fallen Charlies dunklen langen Haare auf das Papier, sie wickelt sie gespannt um den Finger. Beugt sich zurück und fixiert einzelne Sätze des Artikels. Vergoldete Herzen… wie kommt denn sowas zustande? Und warum macht man sich erst solche Mühe und entsorgt sie dann?, dachte sich Charlie. Und was ist mit dem restlichen Körper geschehen? Ohne Herz kann der Mensch nicht existieren! Charlie dachte kurz an die Frankenstein-Geschichte. Welche Abgründe doch die menschliche Psyche offenbart. Widerlich und faszinierend zugleich. Und was könnte der Zirkus wohl damit zu tun haben? Sie recherchiert die Aufführungsstandorte des letzten Jahres und stellt fest, dass die Fundorte der Menschenherzen alle auf die Route fallen. Aber das beweist ja noch gar nichts. Und auch die aussagescheuen Besucher lassen nur Raum für Spekulationen zu. Gerade heutzutage sind doch so viele verschlossen und haben Angst, was Falsches zu sagen und halten lieber den Mund oder erzählen Lügen. Charlies Gedanken schweifen ab, ihre Fingerspitzen gleiten sanft über den Henkel ihrer Lieblingstasse, sie denkt an den Zirkus. Charlie lächelt während sie sich die Tasse an die Brust drückt.
Sie liebt den Zirkus einfach.
Charlie in der Kurzgeschichte der “CIRCUS”
Das war eine Episode aus der “CIRCUS” geschrieben von Anni.
Eine kleine Gruppe von Menschen geht über die Wiesen und durch Wälder. Sie gehen einfach wie es ihnen angenehm ist. Sie kennen einen Teil des Weges. Wie die Bäume an dieser oder jener Stelle angeordnet sind oder das Wasser des kleinen Bachs an einer weiteren Stelle enger zuläuft. Sie haben keine Eile, es drängt sie nichts, kein Termin, keine Routine. Obschon sie es sehr genießen, wenn sie auf der einen Lichtung wieder kurz anhalten, um dort, wie so oft zu dieser Jahreszeit, die warmen Sonnenstrahlen und das angenehme Licht genießen zu können. Aber sie tun das aus reinem Lebensgenuss, nicht weil es ihnen jemand aufträgt oder sie meinen es tun zu müssen. Die Lichtung eignet sich auch besonders um etwas Beeren, Pilze und ähnliches zu sammeln. So sitzen oder liegen sie vergnügt zusammen. Starren in den blauen Himmel und beobachten wie die Wolkenformationen vorbeiziehen. Wir kennen das auch, als wir in den unendlich lang scheinenden Sommern unserer Kindheit im Gras lagen oder hinten im Auto aus dem Fenster blickten und die Wolkengesichter suchten. Uns dabei kleine Geschichten ausdachten zu den Figuren, die wir sahen, mal war es ein Elefant, mal eine Hexe auf einem Besen reitend oder ein Drache der aus seinem Märchenland in unsere Welt flog, war es auch nur für einen kurzen Augenblick. Oder sie beobachten die Vögel um sich, wie sie fleißig nach Nahrung suchen, immer auf der Hut aber stets, so scheint es, fröhlich. Hüpfen, hopsen durch das leichte Dickicht, über das weiche grüne Moos. Es macht ihnen Spaß die kleinen Lebewesen zu beobachten, ihre teilweise bunten Federn und ihrem schönen Gesang zuzuhören. Dann fliegen die Vögel wieder federleicht davon und der Blick richtet sich gen Himmel dem Vogelflug hinterher. Ganz hinauf in die Baumkronen hinein. Dort ruht das Sonnenlicht und blitzt frech auf die Erde herab. Auch das sehen wir in unserem Alltag, oft belächelt, wie die alten Leute im Park sitzen und sich stundenlang die Enten und Vögel angucken können. Aber auch sie treibt nichts mehr, sie haben erkannt bzw. ihr Alter macht es, dass sie im Moment leben können. Sie haben ihre Arbeit getan, die Kinder sind groß und niemand stellt Erwartungen an sie. Nur noch das Leben bleibt und das Bewusstsein, dass es bald zu Ende sein könnte. Und vielleicht entsteht aus diesem Bewusstsein eine große Dankbarkeit und ein Gefühl für das eigene Ich im Augenblick. Ich glaube, dass die kleine Gruppe von Menschen vom Anfang dieser Geschichte auch bereits diese Fähigkeiten hatten, ohne dass sie für die Erkenntnis ein hohes Alter erreichen mussten. Denn sie taten es einfach, es war da. Es war ein Selbstverständnis, welches wir durch unsere Art der Zivilisation und Gesellschaft Schritt für Schritt ausgetauscht haben. Eingetauscht mit Lebensmodellen, Gesellschaften, Sozialisation. Ansprüche und scheinbare Notwendigkeiten aus den Wechselwirkungen des immer engen verflochtenen Zusammenlebens der Menschen der Welt.
Eventuell muss das nicht so bleiben, wir sind in einem stetig voranschreitenden Prozess der Wandlung, nichts bleibt stehen. Daher müssen auch wir nicht in Mustern verharren. Doch jede Veränderung kann positive wie negative Konsequenzen haben. Jedoch daraus zu schließen, aus Angst es könnte negative Konsequenzen haben, gar in den alten Mustern zu verharren, verkennt die Notwendigkeit des Wandels bzw. des Anpassens an die Bedürfnisse der Menschen und der Welt ausgehend von der hohen Population der Menschen auf dieser Erde und den technologischen Möglichkeiten. In der Verantwortung steht allerdings, die Folgen des eigenen Handelns abzuwägen und im Austausch mit anderen abzustimmen, zu harmonisieren. Vielleicht gelingt es uns, den Konsum, das stetige Anreichern, das immer auf Kosten von etwas anderem geschieht, zu reduzieren und stattdessen wertvolle Lebenszeit zu schaffen, die uns eint und etwas gelassener macht. Diese Utopie, was ist sie, wann ist sie und für wen ist sie. Für uns und jetzt.
Die Legende besagt, dass zum Anbeginn unseres Sonnensystems sich die Sonne umsah und die Planeten beobachtete, die um sie kreisten. Damals war sie noch wild und aufbrausend. Die Venus mochte sie sehr, sie war klein und ähnlich heiß wie sie selbst. Und auch alle anderen Planeten hatten ihren Reiz.
Doch irgendwann wurde die Sonne etwas ruhiger, voller Befriedigung sah sie ins Universum und auf ihre Planeten, dabei bemerkte sie irgendwann die kleine Erde, gar nicht so weit von der Venus entfernt, aber war die Erde so gar nicht heiß, sondern wunderbar blau und weiß, so ganz anders als all die anderen Planeten im System. Als die Sonne das sah und genau hinschaute, war sie vom ersten Moment an verliebt in die kleine Erde.
Von diesem Zeitpunkt an verging kein Augenblick mehr, an dem die Sonne nicht an die Erde dachte. Und auch die Erde bemerkte wie die Sonne auf sie schien und sie wärmte. Die Sonnenstrahlen drangen in das Innere der Erde bis in den Kern ihres Herzens. Und man sagt, dass auf dem Weg durch die Erde die Sonnenstrahlen pures Licht in Form von Liebesenergie freisetzten, was wir heute als Gold kennen. Alles Leben auf dieser Erde wie wir es kennen, wird aus dieser Liebesverbindung geboren und hat das Potential eine ähnliche Energie zur Verwandlung freizusetzen.
Dies ist ein Auszug aus der „CIRCUS“ geschrieben von Anni.
Der alte IC rattert über die Schienen, die durch das spätherbstliche Land führen.
Er
hat die kalte metall-gläserne Welt der grauen Bankenmetropole hinter
sich gelassen. Nur noch die sich auflösenden leblosen Schleier der
Hochhäuser erinnern an eine Welt zwischen Himmel und Erde.
Während
vor mir die Landschaft wieder langsam grüner wird, zieht eine alte,
verfallende Fabrik träge an meinem Fenster vorbei. Neugierig blicke ich
zwischen die dunklen Schluchten der Türme, Maschinen und Stahlgerüste.
Ich überlege, was hier wohl mal produziert wurde. Suche nach einem
Schriftzug, der mir einen Hinweis gibt, kann es aber nicht ausmachen.
Eine Fabrik scheint fast wie jede andere.
Der
Zug zieht weiter und viele Bäume und Sträucher drängen sich in mein
Bild. Dabei fallen mir erst vereinzelt, dann immer mehr unterschiedlich
große Steine auf. Sorgsam angeordnet scheinen sie. Es sind Grabsteine.
Hier in dieser wenig lebensfreundlichen Welt ein Friedhof. Ich fixiere
die einzelnen Grabsteine, es sieht alles gepflegt aus und ich frage
mich, wer hier wohl liegen mag und wer sie besucht.
Ein kurzer Moment rauscht durch meinen Kopf, ein Leben lang in der Fabrik und mit dem Tod gleich auf ewig nebenan begraben.
Die
Fahrt geht weiter, die Landschaft wird immer schöner, entlang des
Rheins von Bingen bis Koblenz. Die Weinhänge erstrahlen zu dieser
Jahreszeit im schimmernden warmen Gelb, Orange, Braun und Rot.
Die
Durchsage, bald bin ich da. Ich schließe die Augen und genieße die
leichten Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die durch das große Fenster
fallen. Es scheint fast so, als könnte ich für einen kurzen Augenblick
in die Zukunft blicken, zeitenlos.
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, fast schon beiläufig, wie ein älterer Mann zwei kleine Figuren aus Ton auf meinen Nebensitz legt. Dazu hinterlässt er eine kleine gelbe Karte. Dann geht er weiter.
Ich
halte kurz inne, dann lese ich die Karte. Es ist eine Botschaft darauf
zu lesen. Der Mann ist gehörlos und bittet um Geld. Vier Euro und als
Gegenleistung erhält man eine dieser Tonfiguren. Wenn man mehr gibt,
wäre das sehr entgegenkommend. Mir fallen die organisierten
Bettlerbanden aus Rumänien und Bulgarien ein. Ebenfalls fällt mir auf,
wie anders sich der Mann gibt und wie er sich in der Öffentlichkeit
bewegt.
Ich
suche in meinem Geldbeutel, habe nur noch einen 20 Euro-Schein dabei,
mein letztes Bargeld. Daraufhin beschließe ich, den Mann zu fragen, ob
er wechseln kann. Aber mit welcher Geste mache ich das deutlich, frage
ich mich. Er kommt wieder an meinen Platz. Ich halte den Schein hoch und
deute an, dass ich wechseln möchte. Er nickt mir höflich zu und schaut
mich ruhig an, während ich mit meiner linken Hand 5 Euro zeige. Der Mann
beginnt in seiner Tasche zu kramen und überreicht mir das Wechselgeld,
während ich ihm meinen Schein gebe.
Dann
schaut er mich wieder ruhig und fragend an, lässt seinen Blick auf die
beiden Tonfiguren sinken. Beide blicken wir jetzt auf die Figuren herab.
Er fragt mich so, welche ich denn gerne möchte. Ich deute auf die grüne
Schildkröte und er überreicht mir diese, während er die andere flink
wieder in seiner Tasche verschwinden lässt, bevor er sich mit der
Gehörlosengeste für “danke” verabschiedet und im Zug verschwindet.
Ich
halte die grüne Schildkröte in meiner Handfläche und bemerke jetzt
erst, dass auf dem Rücken der großen Schildkröte eine kleinere
Schildkröte sitzt, die wiederum eine noch kleinere Schildkröte trägt.
Wie passend denke ich mir, das Bild für Solidarität.
Wieder ertönt die Stimme des Zugkontrolleurs, nur noch ein paar Augenblicke und ich habe mein Ziel endlich erreicht.
Das Rauschen des Verkehrs verwandelt sich langsam in ein fernes Meeresrauschen und dringt immer näher an mein Ohr. Ganz genau kann ich es nicht sagen, ob es von außen, oder tief aus meinem Inneren kommt.
Das weiße Segel
Ein Hauch von Südsee
„Wo wedeln die immergrünen Blätter im Wind und Sonnenschein ganz nah?“
Südsee…
Sand, so weiß, dass das Auge schmerzt, blauer Himmel, alles Blau in dieser Welt. Eine leichte Brise, Salz hängt in der Luft. Ja, ich kann es sehen… und spüren! Am Horizont, nur vage zu erkennen, ein weißes Segel. Es steuert den Strand an.
Das
Segel wiegt leicht aber straff im Wind, gehört zum Boot mit dem
hölzernen Deck. Darauf das, was das Leben schöner macht. Weiter verfolgen meine Augen neugierig das Boot, auf dessen Weg durch das bewegte Wasser. Die Sonne darauf glitzernd wie Kristall.
Das Segel ist nun besser zu erkennen, jedoch macht dich etwas stutzig… Du erinnerst dich, dass du vor langer Zeit selbst auf einem solchen Boot warst. Du versuchst dich klarer zu erinnern aber… die
Erinnerung ist erst unzusammenhängend und dann verschwommen, ersetzt
durch das stille Leben auf der Insel, begleitet vom gleichmäßigen Fluss
des Wassers, des Meeres am Strand.
Doch diese Erinnerung. Sie öffnet eine verborgene leise Freude, das Herz, es schlägt etwas lauter.
Während
ich versuche die Fetzen der Vergangenheit und die Gedanken zu ordnen,
sitze ich im warmen weißen Sand der Südsee, der gleiche Sand der mich im
Auge schmerzt, das Boot im Blick.
Das
so unfassbar blaue Wasser leitet es näher an den Strand, ich frage mich
ob es wohl hier an meinem Strand anlegen wird oder weiterzieht.
Erinnerungen an die Kindheit steigen beharrlich an die Oberfläche, gleich einem Taucher, der aus großer Tiefe langsam an die Oberfläche zurückkehrt. Nicht zu schnell, weil er weiß, dass es ihm das Leben kosten kann.
Der schwarze Fleck am sonst so weißen Segel, entpuppt sich als Flagge und du denkst an…
Die wunderbaren Dinge aus meiner Kindheit plötzlich wieder da, die immer mehr werdenden Blasen im Wasser, die den tausend
Luftblasen gleichen, die wir damals überschwänglich und freudig tanzend
in den Himmel hoben. Jede einzelne trug die Farben dieser Welt. Die
Flagge schwingt und windet sich dabei im Wind der See und ich versuche
zu erkennen welche Botschaft sie vielleicht trägt… unter welcher Flagge segelt das Boot?
Ich weiß das Piraten schwarze Flaggen hissen. Die schwarze Flagge, du erkennst einen Totenkopf. Doch… nein, es ist kein Piratenboot. Unter dem Totenkopf erkennst du Buchstaben, sie formen das „Peace…“, war klar ein Hippieboot.
Du stehst auf und tanzt durch den warmen Sand am Strand, mit Blumen im Haar… Tip tap ein Fuß nach dem anderen im blauen und anschmiegsamen Wasser des Meeres. Die Blumen ja… jetzt wird alles klar. Der Junge, der dir die Blumen verkauft hat, er sagte du bräuchtest sie bald.