Wer frei sein will…

Eine Melodie gespielt für die Freiheit, eine Hymne für Herz, Geist und Seele.

Keiner weiß woher sie kam, doch wissen wir wohin sie gehört.

Ein musikalisches Branding der Seele, wie ein Leuchtturm erinnert es uns an das Licht.

Das Licht, dass aus der unbekannten Dunkelheit brach.

Der Wolf jault in der schwarzen Nacht den Mond an, den Spiegel des Lichts.

Sachte schimmerte es durch die Risse aus der Ferne, so unglaublich weit weg

und doch wärmt jeder ihrer kostbaren Strahlen. Das Licht ist da.

Unaufhörlich, macht es sich stärker nur Mut und Hoffnung befreien es aus dem Schatten, der das Licht beständig begleitet.

Licht ist Leben, Leben heißt fühlen, Unvernunft ist Gefühl.

Rassismus

Auf Basis zweier sehr interessanter Beiträge von Maureen Maisha Auma und Christian Koller für die bpb entstand diese Zusammenfassung, mit Aspekten, die ich für essentiell halte. Jeder sollte sich der Natur von Rassismus bewusst sein, gerade, wenn wir seit Jahren erleben, wie Rechtsextreme versuchen sich ihren Raum zu erobern, indem sie uns manipulativer Rhetorik aussetzen. Dabei sollte uns Demokraten bewusst sein, dass es unser Raum ist, den sie einnehmen wollen.

Was ist Rassismus?

Rassismus kann als ein Wahrnehmungssystem verstanden werden und ist mehr als bloße individuelle Einstellungen, Handlungen oder Ideologie. Ein Wahrnehmungssystem besteht aus Wahrnehmungshilfen, Filtern, mit denen wir unsere sozialen Gehalte und Situationen einschätzen und strukturieren. Basis für Rassismus ist somit soziales Wissen über gesellschaftliche Gruppen, das durch Zuschreibungen von gewissen positiven oder negativen Eigenschaften entsteht. Die dominante Gruppe sichert sich dabei Eigenschaften, die ihre Dominanzposition unterstreicht und die problematischen Eigenschaften werden der dominierten Gruppe zugewiesen. Zeigt ein Angehöriger der dominierten Gruppe eine negative Eigenschaft, wird dies als Bestätigung für die Unterlegenheit der gesamten Gruppe interpretiert und dargestellt. Beständige negative Darstellungen bringt diese Gruppe in Folge in eine exponierte Position. Die Gruppe fühlt sich genötigt sich für das Verhalten Einzelner zu rechtfertigen „nicht alle sind Terroristen“ etc. In dieser Funktion legitimiert Rassismus eine systematische Besserbehandlung (soziale Hierarchie), so erscheinen Handlungen von rassistisch unmarkierten Akteurinnen als neutral, harmlos oder fortschrittlich und Handlungen von rassistisch markierten Akteurinnen als suspekt, zwielichtig, ungerechtfertigt. Die Wahrnehmung ist davon geprägt, dass weißen Personen grundsätzlich positive Eigenschafen zugesprochen werden und nicht weißen negative, diese Deutungsmuster sind bereits im Kindesalter verinnerlicht. Weißsein ist somit eine unsichtbar herrschende Normalität, da die Handlungen der rassistisch markierten Anderen systematisch rassistisch bewertet werden, handelt es sich hier um ein Diskriminierungsmuster. 

Short History of Racism 

Ausgangspunkt ist das koloniale Projekt, der Imperialismus und Wettlauf der europäischen Länder und somit die Annexion und Ausbeutung der Länder und Bevölkerung. Eine zunehmende Erforschung der Kolonien/Fauna/Tiere und Menschen brachte neue naturwissenschaftliche Klassifizierung (Wer ist Teil der Menschheit? Gibt es eine Hierarchie der unterschiedlich aussehenden Menschen?). In diese wissenschaftliche Debatte fand das Konzept „Rasse“ Einzug durch den frz. Arzt und Forschungsreisenden Francois Bernier im 17. Jhr., der diesen Begriff zur Einteilung der Menschheit verwendete. Der Begriff wurde schnell im 18. Jhr. In die anthropologische (parallel in das zoologische) Schrifttum Europas übernommen und wurde von namhaften Intellektuellen der Zeit genutzt (z.B. Kant, Comte de Buffon). Mit deren Abhandlungen wurden 4-5 Rassen und bald deren Farbzugehörigkeiten „weiß“, „gelb“, „rot“ und „braun“ eingebürgert. Diesen Rassen wurden dann spezifische physische, intellektuelle, charakterliche und ästhetische Kollektiveigenschaften zugesprochen. Die Folge daraus war eine Hierarchie der menschlichen „Rasse“, die im europäischen und nordamerikanischen Imperialismus die Kolonisierung und Ausbeutung legitimierten (zweck-rationale Nutzung). Verbreitung fand das „Rassenkonzept“ aus der Naturwissenschaft heraus in historisch-politischen Abhandlungen und in Form des Sozialdarwinismus auch in der Elite des 19. Jahrhunderts. Unter Sozialdarwinismus versteht man Übertragung der Evolutionsmechanismen von Charles Darwin auf die menschliche Gesellschaft, so dass Überlebenskämpfe zwischen Individuen, Nationen und „Rassen“ als notwenig und als Voraussetzung für jeglichen Fortschritt angesehen werden. Die „arische“ Rasse (frühes 19. Jhr) kam auf den Plan als Sprachwissenschaftler eine Verwandtschaft der modernen europäischen Sprachen mit der altindischen Sprache „Sanskrit“ fanden. Sanskrit-Sprecher bezeichneten sich selbst als „Arier“ und wurden nun aufgrund einer irrtümlichen Verknüpfung von Anthropologie und Linguistik zu Begründern einer modernen europäischen „Herrenrasse“. Gleichzeitig wächst die Ideologie des Nationalismus, die mit dem Rassismus effektiv flankiert wird, „Rasse“, „Volk“ und „Nation“ (Nation nicht mehr im frz. Sinne eine durch Willen gebildeter politischer Verband, sondern ein Gebilde einer Abstammungsgemeinschaft) werden vermischt.

Traurige Auswirkungen des Rassismus waren und sind

  • Rechtfertigung für Unterwerfung, Ausbeutung, Abwertung und Versklavung.
  • Religiös motivierte Judenfeindschaft (christlicher Antijudaismus) wurde verstärkt und transformierte sich im 19. Jhr. zum modernen Rassen-Antisemitismus.
  • Alte Vorurteile gegen „barbarische“ „heidnische“ Nicht-Europäer wurden durch die „Rassen-Hierarchie“ gestützt.
  • Negative Wahrnehmung der Mittel-, Ost- und Südeuropäer wurde rassistisch aufgeladen.
  • Entstehung einer Pseudo-Wissenschaft, die versuchte die Existenz menschlicher „Rassen“ empirisch zu belegen (vorzugsweise durch anatomische Messungen und Klassifizierung von Menschen) – falsifizierende Ergebnisse wurden verworfen und neue Messmethoden entwickelt, die die eigenen Annahmen stützten. 
  • Eugenik und „Rassenhygiene“ (Deutschland) basierten auf den biologischen Annahmen des „Rassenkonzepts“ und erweiterten diese mit gesellschaftlichen Problemen wie Kriminalität, Alkoholismus, Prostitution und Nomadismus, sodass auch diese auf genetische Veranlagung zurückgeführt wurden (Folgen: Eheverbote und Zwangssterilisation) 
  • Rassische Hierarchie in Kombination mit nationalistischen Vorstellungen führte zur Idee eines „reinen“ Nationalstaates und hatte zahlreiche Vertreibungen und Völkermord zur Folge: in den kolonisierten Gebieten der Spanier, Briten, Amerikaner und Deutschen wurden große Teile der Bevölkerung deportiert, in Konzentrationslager gefangen gehalten und ermordet (z. B. Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika wurde als Rassenkampf betrachtet und forderte 100.000 Tote = heute Anerkennung eines Völkermords)
  • Der absolute Schreckenshöhepunkt dieser Gewaltpraktiken wurde im Nationalsozialismus erreicht, dieser basierte primär auf Rassen-Antisemitismus, Ariermythos und Ultranationalismus schloss aber Antislawismus, Antiziganismus, Kolonialrassismus und „Rassenhygiene“ mit ein. Erschreckendes Resultat: 6 Mio. tote Juden und Jüdinnen, zwischen 220.000 und 500.000 ermordete Sinti und Roma, 100.000 Opfer der Eugenik, Millionen Opfer des NS-Antislawismus im besetzten Osteuropa sowie Kriegsgefangener.

Und dann, war es das Ende vom Rassismus oder?

Rassismus war nach dem Schreckensszenario des Nationalsozialismus diskreditiert, obwohl die Rassentrennung in den Südstaaten der USA bis in die 1960er Jahre weiter existieren sollte. 

Es wurde entkolonialisiert und es startete die UNESCO-Kampagne gegen Rassenvorurteile. Doch rechtsextreme Zirkel hielten an dem klassischen Rassenkonzept fest. Es entstand kein globaler Universalismus, sondern Debatten über unterschiedlich betrachtete Menschengruppen verlagern sich von biologischen hinzu kulturellen Erklärungsfaktoren (sog. „Kultureller Rassismus“, „Neo-Rassismus“, Rassismus ohne Rassen“). Die Kultur von Menschen gilt nun als Wesensmerkmal und Aspekte kultureller Identität, so werden Sprache, Kleidung, Auftreten als Differenzmarkierung in den Fokus genommen. 

Initiiert wurde dieses neue Erklärungsmodell in den 1960ern von den „Neuen Rechten“.

Ethnopluralismus“ (nach dem Rechtsintellektuellen Henning Eichberg) Ethnie kann sich nur im Kontext eines Territoriums und einer spezifischen kulturellen Prägung entwickeln/erhalten. Daraus folgt die Forderung, dass Ethnien räumlich getrennt werden müssen, um ihre kulturelle Eigenarten beibehalten zu können -> Abgrenzung gegen kulturelle Einflüsse von „außen“. 

Kultur als Differenzmerkmal soll bestehende soziale Hierarchien wirksam machen (keine Koexistenz von Kulturen), sondern kulturelle Praxisformen (Religion, Erziehung) werden als unvereinbare Gegensätze konzipiert. Dies fördert eine kulturelle Hegemonie der dominanten Kultur und schützt das positive Selbstbild der der Angehörigen der Dominanzkultur. Rassistisch markierte Akteurinnen werden hingegen als nicht-integrationsfähige Belastung angesehen. Multikulturalität wird mit diesem Konzept unmöglich und Kultur als etwas starres verstanden. 

Es lässt die rasanten kulturellen Entwicklungen der Moderne außer acht und sieht keine Möglichkeiten der Erweiterung und Vermischung kultureller Praktiken und Werte sog. Kulturtransfers. Seit den 1960er Jahren finden Anti-Immigrationsbewegungen und damit klassisch rassistisches Gedankengut wieder Halt in rechtspopulistischen Bewegungen wie der FPÖ in Österreich, dem Rassemblement National in Frankreich oder der AfD in Deutschland. 

In den USA waren es nach 1945 insbesondere Publikationen, die einen Zusammenhang zwischen Kultur, Ethnie und Intelligenz feststellen wollten, die sich vor allem in rechtsextremen Zirkeln Nordamerikas verbreiteten und funktionierten zunehmend ab den 1960er Jahren auch in einer breiteren konservativen Bevölkerungsschicht als Reaktion auf das Ende der „Rassentrennung“ und wirtschaftlicher Probleme. Abermals beschäftigte sich die „Forschung“ mit diesem Thema und so behaupteten zwei Harvard Professoren Mitte der 1990er Jahre, dass der Intelligenzquotient der Afroamerikaner niedriger als der der Weißen sei. Dies führe zu einer sinkenden Intelligenz der amerikanischen Bevölkerung und begünstige Kriminalität, Verarmung, Arbeitslosigkeit, uneheliche Geburten etc. Sozialprogramme seien daher kontraproduktiv, da sie zur weiteren Ausbreitung intellektuell defizitärer Unterschichten führe. 

Doch nicht nur in den USA finden solche Ideen Anklang auch ein deutsches Pendant Thilo Sarrazin brachte sich 2010 mit „Deutschland schafft sich ab“ prominent und fragwürdig in Stellung. Seitdem die AfD auf der politischen deutschen Bühne aufgetaucht ist, verfolgt sie klar ein Ziel, ihre eigene Machtposition zu stärken. Ihren Rassismus hat sie dabei eigentlich nie versteckt, sondern in neue Erzählungen verpackt. Es sind keine Rassen, sondern Völker, fremde Kulturen, die sich nicht mit einer herbeigeredeten „deutschen“ Nation und Kultur verbinden ließen, bzw. diese gefährden sollen. Alles dient nur der Abgrenzung zu den „anderen“ „fremden“ damit man selbst Zuspruch und Stimmen erhält, dabei ist es ihnen vollkommen egal, ob das was man selber behauptet auch der Wahrheit entspricht, denn Wahrheit ist Wahrnehmung und die lässt sich beeinflussen, denn steter Tropfen höhlt den Stein. 

(Quelle 1: Auma, Maureen, Maisha (2017) in: bpb https://www.bpb.de/themen/migration-integration/dossier-migration/223738/rassismus/, zuletzt aufgerufen am 2.5.25)

(Quelle 2: Koller, Christian (2015): „Was ist eigentlich Rassismus?“ in: bpb https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/213678/was-ist-eigentlich-rassismus/, zuletzt aufgerufen am 2.5.25)

Kick off Smart

smart, smarter am smartesten

Smart Home, Smart Business, Smart, das Auto, damit fing der Untergang der Jetztzeit an.

Eine Aneinanderreihung von sogenannten klugen, schlauen Ideen. Doch versteckt sich dahinter doch nur höher, schneller, weiter und dann kriegen wir eine Welt mit Elon Musk. Eine Welt in der man sich am liebsten auf den Mond schießen will. Äh warte, warte, nee klar doch gleich zum Mars. Musk make it possible! Die eine reisen zum Mond, die anderen zum Mars. Dabei wünsche ich mir doch nur aufgeblähte Hubabuba Blasen anstatt Egos. Und eigentlich auch nur eine Welt ohne Idioten. Also nicht weniger schlau, sondern einfach nicht zu viel Dummheit.

Stabile Grüße, eure Anni 🙂

Let’s talk about Democracy, let’s talk about us!


Multipolarität bildet sich heutzutage in Staaten als auch Gesellschaften ab. Eine immer weiterverzweigte Ausdifferenzierung von Interessen, macht es jedem Diskurs schwer, eine breite öffentliche Meinung herauszubilden und beeinträchtigt eine effiziente Entscheidungsfindung. Damit wirken die demokratischen Prozesse heute langsam und ineffektiv. So scheint es zumindest. Es hat den Eindruck, dass sich die nationalen demokratischen Prozesse nicht mehr dazu eignen, den schnellen globalen Entwicklungen und Herausforderungen gerecht zu werden. Der Wunsch nach sogenannten Entscheidungsmachern wird lauter. Autoritäre Führerfiguren sollen es richten. 

So sollen es vor allem autoritäre Staaten wie Ägypten, Saudi-Aarabien, Ruanda oder China sein, die klare Entwicklungsziele setzen und umsetzen können, da sie sich keiner anderen Partei oder Institutionen gegenüber rechtfertigen müssen. Ihre streng zentralisierte Koordination macht sie effizient und so sorgen sie für nationale Einheit und internationale Anerkennung. Doch gerade am Beispiel China kann man sehen, wie unter der Führung Xi Jinping das System der Einparteienherrschaft zu einer absolutistischen Monokratie wird, in der Loyalität wichtiger als Qualifikation geworden ist. Dadurch werden die politischen Lernstärken des Landes minimiert und es kommt zu politischen Fehlern wie der drakonischen Pandemiepolitik oder dem zögerlichen Eingreifen in der Immobilienkrise. Vergleicht man zudem die Effizienz der staatlichen Ressourcen von den 63 Demokratien mit den 74 Autokratien (lt. BTI) so stellt man fest, dass die Qualität der politischen Koordination und Nutzung der verfügbaren Ressourcen bei den Autokratien deutlich hinter denen der Demokratien zurückfallen und insbesondere die Unterschiede in der Qualität der Antikorruptionspolitik sichtbar werden (Staaten wie Singapur bilden hier die bestätigende Ausnahme). Damit hat eine strenge autoritäre Regierungsführung in Bezug auf die Effizienz nicht zwingend einen klaren Vorteil gegenüber einer Demokratie, obwohl sie schneller und entschlossener handeln kann (BTI Global Report 2024). 

Der Vorteil der Demokratie liegt eben gerade in ihrer Anpassungsfähigkeit und der hohen Legitimität ihrer Entscheidungen. Und so stellt sich die Frage, warum es die demokratischen Systeme im Moment so schwer haben.

Die autoritären Kräfte mancher Staaten haben zum Ergebnis, dass in den letzten zwei Jahren die Wahlen in 25 Ländern weniger frei und fair waren, die Versammlungs- und Vereinigungsrechte in 32 Staaten zunehmend eingeschränkt wurden und die Meinungsfreiheit in 39 Ländern verschärften Kontrollen ausgesetzt war (BTI Report 2024). 

Werden solche demokratischen Grundprinzipien schrittweise abgebaut, so kann dies ohne Gegenwehr zu einer Etablierung autoritärer Herrschaft führen. Doch stehen die Demokratien dieser Entwicklung nicht mittellos gegenüber, sondern sie verfügen über demokratische Sicherungsmechanismen in Form von Institutionen und Aufsichtsmechanismen wie die Justiz, Parlamente und die Medien. Allerdings ist mit der entscheidende Faktor für ihre Verteidigung eine widerstandsfähige Zivilgesellschaft. Sie bildet letztendlich die letzte und entschlossenste Verteidigungslinie. Beispielhaft lassen sich hier Brasilien, Kenia und Sambia anführen, hier konnten faire Wahlen und die Aufrechterhaltung ihrer Integrität, oft durch die Zusammenarbeit von Zivilbevölkerung mit Wahlbehörden oder Verfassungsgerichten gewährleistet werden. Auch in Polen und Sri Lanka ist es gelungen, durch erfolgreiche Mobilisierung die Bürger- und Sozialrechte zu schützen. Eine Vereinigung von Aktivismus auf Straßenebene (grassroot-movements) mit institutionellen Kontrollen von Regierungsmacht spielen eine wichtige Rolle dabei, autoritären Trends zu widerstehen (BTI Report 2024). 

Um die Widerstandsfähigkeit der Demokratien zu erhöhen, braucht es also eine Stärkung und Sicherung dieser bürgerlichen Kräfte und der Institutionen. Die Frage, die sich unmittelbar darauf anschließt ist, wie dies konkret ausgestaltet werde kann. Da wir uns in einer demokratischen Gesellschaft vor allem verbal auseinandersetzen und um Positionen kämpfen, wird im Folgenden die sprachliche Interaktion im Fokus stehen.

Ein Problem moderner Demokratien besteht darin, dass vernünftige Argumente und Reden durch populistische Rhetorik an Einfluss und Macht verlieren. Relevante Themen wie wir zum Beispiel in Zukunft unsere Energie sicher und nachhaltig gewinnen und nutzen können, schaffen es nicht, nur mittels wissenschaftlicher Argumente effektiv umgesetzt zu werden. Die Menschen bevorzugen diese Art der Sprache, die sie emotional anspricht, die Sprache der scheinbar einfachen Lösungen. Innerhalb der politischen und elitären Sphären erschwert die populistische Rhetorik die konstruktive Auseinandersetzung und versperrt den Weg für Kompromisse und Erkenntnis. Eine solche Rhetorik verspricht zunächst einen Machtvorteil, da sie sich nicht an die Regeln einer diskursiven Auseinandersetzung gebunden fühlt. 

Daneben werden viele entscheidungsrelevante Themen erstmals in der politischen Struktur diskutiert, anstatt dass sich diese bereits durch die öffentliche Meinungsbildung zu einer gefestigten Position herauskristallisiert haben. Dadurch fehlt manchen politischen Entscheidungen die Legitimität. Dies lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass Debatten im kleinen Kreis (Stammtisch, Verein, Arbeitsplatz) kaum mehr möglich sind, da sich die Interessen und Sichtweisen der Gesellschaft stark ausdifferenziert haben, so wie die Gesellschaft sich selbst durch immer unterschiedlichere Lebensweisen identifiziert und ihr Zusammenleben kennzeichnet. Anschaulich lässt sich diese zunehmende Ausdifferenzierung daran erkennen, wie sich in der Sozialforschung erst die Klassen dann schrittweise folgend die Schichten, Lagen, Milieus und Lebensstile als Untersuchungsgegenstände zur besseren Abbildung der Gesellschaft entwickelt haben. Eine solch starke Vielfalt von Interessen und unterschiedlichen Kommunikationswegen macht es notwendig, die Art und Weise, wie wir uns miteinander auseinandersetzen, zu verstehen und zu optimieren, damit Entscheidungen effizient und allgemeingültig getroffen werden können.

Ein weiteres Legitimationsproblem besteht nach Habermas darin, dass sich die Politik des Spätkapitalismus nicht mehr nur auf das Verwalten und dem Ausgleichen von privat-ökonomischer Interessen beschränkt. Legitimationskrisen entstehen dann, wenn die Ökonomie vom Staat gesteuert wird. So werden Krisen zu Rationalitätskrisen, wenn der Staat nicht rational eingreift. Bei einer Trennung von privater und öffentlicher Sphäre hat der Private auch ein Interesse an der Befriedigung seiner privaten Interessen durch die Verteilung durch die öffentliche Hand. Da es unterschiedliche private Interessen gibt, kann die Verteilung nicht in einer Weise geschehen, die für alle gleichermaßen zufriedenstellend ist, was dann zu schweren oder weniger schweren Legitimationskrisen führt. So wird eine ökonomische Krise zu einer sozialen Krise (Horster, 1991/S. 17-18). 

In Habermas Theorie des kommunikativen Handelns liegt der Begriff der kommunikativen Rationalität zugrunde. Es stellt ein zweistufiges Konzept von Gesellschaft dar, mit den beiden Paradigmen Lebenswelt und System, die miteinander verknüpft sind. Die „Lebenswelt“ beinhaltet eine umfassende Komplexität an Hintergrundüberzeugungen, bestehend aus individuellen Fertigkeiten und kulturellen Erbschaften. An diesen Normen richtet sich alles soziale Handeln aus und werden von allen Beteiligten allgemein anerkannt, intuitiv angewendet und setzen eine Bedeutungsidentität voraus. Diese konstituieren sich laut Habermas in der Sprache (Horster, 1991/S. 3).

Diese Theorie der Moderne erklärt die Sozialpathologien mit der These, dass die kommunikativ strukturierten Lebensbereiche immer mehr den verselbständigten, formal organisierten Handlungssystemen unterworfen sind. Dadurch werden Kommunikationsräume verengt oder eliminiert. In einer stetigen Bürokratisierung ersetzen Verwaltungsverfahren mit ihren ganz spezifischen Regeln offene Diskursräume. Bei einer Auslagerung wichtiger politischer Themen auf die Justiz (Politisierung der Justiz) werden ebenfalls relevante repräsentative Stimmen ausgeschlossen bzw. verkürzt und kann so zu einer Verringerung der Legitimität führen. Da die Gerichte keine gewählten Volksvertreter sind, sondern eine juristische Minderheit. 

In seinen Überlegungen kommt er zu dem Schluss, dass jedes sprechende Subjekt etwas aus dem Bereich der äußeren Natur, der Gesellschaft oder seiner inneren Natur thematisiert und sich zugleich davon abgrenzt. Ebenfalls erhebt jedes Subjekt damit einen Wahrheits-, Richtigkeits- und Wahrhaftigkeitsanspruch. Ein universeller Wahrheitsanspruch dem alle Kulturen unterlegen sind, das macht sie vergleichbar und dennoch sollte man ihre Unterschiede anerkennen. Auf Grundlage von Weltbildern der jeweiligen Kultur, bilden ihre Mitglieder den Anspruch, über die Welt wahre Aussagen zu treffen, und zwar immer dann, wenn sie überhaupt eine Aussage machen (Horster, 1991/S. 98). 

Unterschiedliche Wahrheitsansprüche machen es notwendig, sich über Inhalte mit Argumenten auszutauschen, somit Raum und die grundsätzliche Bereitschaft für Diskurs. In der Antike wurden hier bereits die Tugenden der Dialektik angeführt wie Freimütigkeit (sich trauen, gewisse Antworten zu geben), Wohlwollen (zu einem ernsten Gespräch bereit) und Einsichtsfähigkeit (verstehen, worum es geht), um einen Dialog erfolgreich absolvieren zu können. Diese Tugenden sind auch heute noch aktuell, stoßen allerdings an ihre Grenzen, insbesondere in der Politik, die von Machterwerb und Machterhalt geprägt ist, wenn populistische Rhetoriker den Diskurs stören und lediglich für ihre Interessen nutzen wollen, anstatt an einer mehrheitsfähigen Lösung interessiert zu sein. 

Ein weiterer Punkt, der es der diskursiven Auseinandersetzung schwer macht, ist die Tradition. Mit seiner Traditionskritik führt Habermas zentral gegen die Hermeneutik an, sie sei zu traditionsverhaftet und unterschätze die Kraft der Reflexion „Wir können uns unsere Traditionen nicht aussuchen, aber wir können wissen, dass es an uns liegt, wie wir sie fortsetzen. (…) Jede Traditionsfortsetzung ist nämlich selektiv, und genau diese Selektivität muss heute durch den Filter der Kritik, einer willentlichen Aneignung der Geschichte, wenn Sie wollen: des Sündenbewusstseins, hindurch.“ (Horster, 1991/S. 31). 

Als Beispiel dient die technisch-naturwissenschaftliche Entwicklung im Bereich der Gentechnik. Die neue Situation verlangt eine Verständigung über Verantwortung und Sittlichkeit, allerdings bildet der ethisch-moralische Wissensvorrat keine Basis mehr zur Verständigung, da die herkömmlichen Deutungsmuster versagen und weiterentwickelt werden müssten. Damit entsteht ein Gefälle zwischen technisch-naturwissenschaftlichem und ethisch-moralischem Wissen, was dazu führt, dass die Ressource „Sinn“ immer knapper wird. Die Traditionen sind daher nichts naturwüchsiges, sondern müssen geprüft, angeeignet und selektiv fortgesetzt werden in einer Art moralisch-politischer Autonomie, da nur wir selbst über die Normen unseres Zusammenlebens im Lichte strittiger Prinzipien entscheiden (Horster, 1991/S. 33). Ähnliches könnte man auch über die aktuellen Auseinandersetzungen mit KI-Software sagen.

Was ließe sich also gegen eine Reaktivierung konservativen Gedankenguts tun? Es brauche einen Anschluss an die Aufklärung und den Humanismus als auch ein bürgerlich radikales Denken. Deren Repräsentanten sollten bestmöglich verbunden, verstärkt, lauter und sichtbarer gemacht werden. Eine möglichst intakte Wirtschaft, aber regulierte und eine rechtsstaatlich verfasste administrative Macht, die jedoch beide von einer demokratischen Öffentlichkeit kontrolliert werden können. Damit ergibt sich Habermas’ Gewaltenteilung zwischen Geld, Macht und Solidarität (öffentliche Kommunikation). Nur Gesellschaften mit einer ausgeprägten Kommunikationsstruktur, die dogmatischen Verhärtungen entgegenwirkt und die Wirklichkeit nicht fundamentalistischen Ideen unterordnet,  können sich in der Zukunft bewähren. Die Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts können ohne eine interessenverallgemeinernde radikal demokratische Meinungs- und Willensbildung nicht gefunden werden (Horster, 1991/ S. 112-125).

In der Politikwissenschaft und Politik existiert immer die Diskrepanz zwischen Sein und Sollen, Verfassungsidee und Verfassungswirklichkeit. Wie bringt man also Theorie und Praxis zusammen? Wie wird Philosophie politisch-praktisch? Die Philosophie zeichnet ihre subversive Kraft der Reflexion aus, also der Fähigkeit zur aufhellenden, kritischen und zerlegenden Analyse. In der Antike Griechenlands sah Aristoteles keine grundsätzliche Trennung zwischen politisch gesetzter Verfassung und dem Ethos des bürgerlichen Lebens in der Stadt. Erst die Theorien von Machiavelli und Morus trennten Politik und Ethik, sodass die oberste Maxime der neuen Politik wurde „es muss des Fürsten einziger Zweck sein, sein Leben und seine Herrschaft zu erhalten. Man wird alle Mittel, deren er sich hierzu bedient, rechtfertigen“. Habermas diagnostizierte für diese Theoretiker der Politikwissenschaftler, dass diese „die Struktur der Herrschaft aus dem ethischen Zusammenhang lösen“ und sich die Politikwissenschaft „von den normativen Elementen, dem schon vergessenen Erbe der klassischen Politik, ganz gelöst haben“. Diese Loslösung der Politik von der Moral ersetzt die Anleitung zum guten und gerechten Leben durch die Ermöglichung des Wohllebens in einer richtig gestellten Ordnung (Horster, 1991/S. 21-22). 


In Anbetracht dessen, dass die modernen Demokratien stark unter Druck stehen und die autoritären Staaten immer mehr Raum einnehmen, ist es vielleicht an der Zeit, sich der klassischen Politik wieder bewusst zu werden und den damit verbundenen Tugenden und Ethik. In diesem Verständnis ist Staatskunst auch gleich Bürgerkunst, was bedeutet, die Bürger eines Staates nicht nur als Bürger, sondern gleichzeitig auch als Staat selbst zu verstehen. Aufgabe des Staates muss es dann sein, die zivilgesellschaftlichen Elemente auf breiter Basis zu fördern und übergeordnete Staatssysteme insbesondere die Bürokratie zu minimieren und der zivilen Kontrolle zu öffnen. Die Kommunikationswege offen und niedrigschwellig zu gestalten. Am Ende sichern eine größtmögliche Transparenz der Politik und die Kontrolle der Machtorgane die Demokratie.


Literatur:

BTI Global Report (2024): online abrufbar https://bti-project.org/en/reports/global-report (zuletzt am 8.8.24);

BTI Report (2024): online abrufbar https://bti-project.org/en/reports/global-dashboard?&cb=00000 (zuletzt am 8.8.24); 

Horster, Detlef (1991): „Jürgen Habermas“ in: „Sammlung Metzler – Realien zur Philosophie“, Band 266, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart, S. 1-42, 60-69, 92-112;

Feuerzeugrädchen

(Es sollte zu einer Abschiedstour werden, doch es ist zu einer Neuverfestigung gekommen)

Wien. Die Melange der Oper mit dem Kaffee Gerstner. Was verbindet sie, was ist ihre Seele?

Die Szenerie ist klassisch viel dunkles Holz, edler Stein und besondere Artdeco Lichter, die sich geschwungen im Raum bewegen wie die Wiener Tauben im Park. Über Jahrhunderte durchdesigned. Falsifikation der Kunst. Design durchgespielt und doch darf sich jeder immer wieder unter Einsatz seines Blutes, seiner Ehre und körperlichen Gesundheit mal daran versuchen. Unnötig zu erwähnen die meisten sind gescheitert, lediglich der oder die Maestro wurde bejubelt. Wahrscheinlich kommt daher die einsetzende Arroganz. Der Wille, Wunsch und Traum der Folgenden, leckend gierig auf ihre eigenen Chancen, wird unverhohlen ausgekostet, benutzt. Verbraucht.

Die Spitze ebenso süß und verführerisch wie der Pariser Spitz auf meinem königsblauen Porzellan. Mein Gemüt ambivalent, gefunden zwischen zwei Welten, das Café mit dem grünen Samt es strahlt Ruhe aus und Geborgenheit, eine Ansammlung an wohltuender Etiquette. Ach, da schau her, manche habens eilig. Ein Mann sprintet durch den Raum. Überraschend ist er doch schon recht alt. Oder sagen wir in den besten Jahren. Da halten die hohen Lebensjahre wohl doch noch ein paar Überraschung parat. Irgendwie auch sehr beruhigend, wie alles hier in diesem Café. 

Ein Blick aus dem Fenster und die Welt ist laut und überflutet, Ampel rot, Autos stehen, Ampel grün Autos fahren. Körper schieben sich aneinander vorbei. Egal wohin ich gucke, die anderen sind immer schon da. Ich stehe hier im Regen und du bist nicht da. Ich frage mich, ob es sich im Frühjahr besser anfühlen würde. Nun mit Wärme und Licht ist alles schöner. 

Ich bin auf der Suche nach Zeit, Verweilen, Wohligkeit, da sehe ich auch viel bei den Menschen. 

Die Menschen sind international, Wien ein europäisches Drehkreuz aus Traditionen. Sie spiegeln ein sofort das eigene selbst. Bist du nicht nett oder gar bös so red i gar net mit dir. Der Wiener weiß was sich gehört, oder auch eben nicht! Und fordert das auch ein. Aber er ist auch emotional jedoch zurückhaltend, ruhig, keine Explosion von Emotionen. Dafür hat er die Worte und Musik für sich entdeckt. Unzählige Lieder erzählen von der Wiener Sehnsucht. Sehnsucht immer wieder Sehnsucht, der Mensch er vergeht in Sehnsucht. 

Und meine Sehnsucht? Aufgefrischt. Wollte ich nicht eigentlich die Abschiedstour? Offensichtlich nicht, viel zu einfach brannte erneut das Feuerzeug in meiner Hand.

Wien eine menschliche Melange, meine Melange. Bei Gelegenheit komme ich wieder. 

(Winter 2023)

Der Aschevogel

(wir fangen mal sachte an)

Ruht unter der grauen Decke seit so vielen Gezeiten. 
Von viel zu vielen für tot geglaubt.
Doch was passiert hier?
Ich höre zu ich höre hin. Kann es sein?
Leise flüstert dein ewiger Wind, wirbelt erste Ascheflocken in die Luft.
Flocken wie der erste Schnee tragen Verheißung in die Luft.
Komm Leben lass es zu, lass mich zu dir!
Nur langsam sehe ich klar durch die Staubwolke hindurch.
Wie Schatten ihre Kreise ziehen durch die Welt.
Welche Sonne leuchtet dir den Weg?
Ihre Strahlen kämpfen den Kampf mit der Dunkelheit für mich.
Dann, es geschieht.
Dein Feuer flackert auf, fängt wie verzaubert an zu leuchten.
Nun bin ich sicher du bist zurück.
Voller Neugier folge ich dem Weg des Feuers, du faszinierender Vogel.
Auch mit geschlossenen Augen sehe ich dein Licht.
Bebend erhebst du deine Federn.
Die Asche umhüllt dich und vergrößert nur dein Feuer.
Schwebst golden flammend und deine Flügel durchstreifen glühend unsere Welt.
Kleine Funken wie Glühwürmchen schickst du durch die Nacht.
Nichts existiert, nichts irdisches, was dich vom Leben noch zurückhält.

Springtime for anyone?

Springtime for someone?

Tausend Gedanken in deinem Kopf
drängen sich aneinander und nach draußen.
Prallen an den Außenwänden ab und verbündeln sich
zu einem Knoten, unentwirrbar.
Deine Hand dabei unfähig, auch nur eine Silbe aus ihnen zu formen.
Das Papier bleibt erdrückend weiß. Strahlend grell wie die am Himmel stehende
Frühlingssonne.
Wie formuliert man Zerbrechlichkeit, Bruchglas der Seele.
Die Suche ohne Finden endet im Nichts. Das Nichts der tausend Träume.
Der Körper er ruht am Boden, während der Geist immer wieder fällt,
der Körper folgt ihm geduldig und erschöpfend stets aufs Neue.
Grausam hilft die blinde Hoffnung ihm dabei.
So erträgst du Tag für Tag, Woche für Woche, Zeit ist bedeutungslos geworden.
Lass dich doch einfach liegen, hier am Boden.
Der Boden haftet, ihn kannst du spüren.
Sonst rauscht jedes Gefühl nur durch dich hindurch wie ein
kurzer Windstoß, kaum bemerkt schon für immer fort.
Er kommt nicht wieder.
Doch die Erinnerung daran ist nun ein Teil von dir.
Vergessen willst du sie, doch wie kann man sich selbst vergessen?
Beständig pocht es aus deinem Inneren hervor,
bum bum, bum bum und spült die Zeit durch deinen Körper,
die du nicht vergessen kannst.
Verschlossen schlägt es weiter Tag um Tag.

Finderlohn

Der Gang über den Kieselweg

Am Ende der Straße beginnt der Kiesweg nur noch wenige Schritte dann setzt mein Fuß das erste Mal auf die unzählige Menge an Steinchen auf. Ich beobachte wie die schwarze Sohle meines Stiefels auf die kleinen Steinchen trifft und spüre dabei wie sie sich unter meinem Gewicht zu bewegen anfangen, sie knarzen. 

Sie knarzen im Rhythmus meiner Schritte. Ein wenig kann ich sie durch die Sohle fühlen. Die kleinen Kiesel manche hell manche dunkel, von Weitem sehen sie alle irgendwie gleich aus, doch wenn ich sie einzeln erkennen kann, sieht kein Steinchen wie das andere aus. Die Muster ihrer Oberfläche sind nie vollkommen gleich. Ihre Farben sind mal eher rötlich, manche grünlich oder weiß. Mein Fuß rollt auf den Kieseln ab immer wieder, beinahe hört es sich so an als würde ich in einer eiskalten Winternacht über den trockenen und sehr kalten Pulverschnee gehen. Alle Geräusche durch die Landschaft gedämpft beinahe kaum etwas anderes hörbar bis auf den Schnee. Die Luft frisch zeigt sich mir bei jedem Atemzug. 

Der Kiesweg knarzt immer, egal welche Jahreszeit es gerade hat. Immer reiben sich die Steinchen aneinander. Vielleicht reiben sie sich auch auf. In Gedanken bleibe ich stehen. Die Steinchen hören auf, Geräusche zu produzieren und doch kann ich sie noch spüren. Sie tragen mich, jeder Kiesel für sich und doch zusammen. Die Reibung der Kiesel, ich denke an die Steine im Wasser an einer Küste oder in einem Fluss und wie sich der Stein dort immer mehr verändert immer runder wird. Das Wasser schleift den Stein geradezu ab über hunderte, tausende von Jahren. Wie lange es wohl dauert bis das Wasser einen Stein geformt hat. Ein Kieselleben reicht dafür wohl nicht aus, denn die Steine unter meinen Sohlen sehen noch recht eckig und kantig aus. Vielleicht braucht ein Kiesweg auch Kieselsteine mit Kanten, um Halt zu geben. Dennoch tun die Kanten und Ecken sicher weh wenn sie aufeinandertreffen. Jeder Schritt von mir reißt kleine Kratzer in die Kieselsteinchen und ich glaube runde Steine können sich nicht gegenseitig wehtun. 

Ich frage mich, was wohl aus einem Kieselstein wird wenn er kein Kiesweg mehr ist. Wo kommt es hin. Wird es durch die Reibung immer kleiner und runder. Vielleicht ist es irgendwann nach vielen vielen Jahren so klein und rund, dass es nur noch ein Sandkorn ist. Sand tut nicht weh, Sand schmiegt sich an. Sand fühlt sich gut an. Und nach dem Sand kommt nur noch Staub. Staub spürt man fast gar nicht mehr, doch Staub kann fliegen. 

Stereotype in der Literatur


Welchen Einfluss kann die stereotype oder nicht-stereotype Darstellung von Geschlecht in der Literatur haben? 

Am Beispiel „Die Freiheit einer Frau“ von Edouard Louis und „Eine Frau“ von Annie Ernaux.


Die soziale Identität eines Menschen ist das Produkt fortlaufender Benennungs- und Einprägearbeit (vgl. Bourdieu). Das Hauptidentifikationsmerkmal dabei ist das Geschlecht. Hierbei dient nach wie vor die Bipolarität des biologischen Geschlechts und damit eine Einordnung in männlich und weiblich als Grundlage für die Prägung einer sogenannten Heteronormativität. Da eine Person in aller Regel zunächst den Körper einer anderen Person wahrnimmt, und dann aufgrund von vorher durchlaufenen soziologischen Prozessen daraus konstruiert, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.  Häufig ist es so, dass die Frau dem Mann dabei als Negativbild dient, über das er sich in seiner Bedeutung und Notwendigkeit als Mann definieren kann. Die interpretierten Funktionsweisen der Frau führen zum Fortgang der männlichen Dominanz, Kontrolle der Macht und Wissen an denen Frauen nicht teilhaben sollen. Literarische stereotype Darstellungen einer Figur sind also immer geschlechtsbezogen und zeigen, wie sehr diese sich in die soziale Norm fügt oder daraus ausbricht und warum. Welchen Einfluss kann also die stereotype oder nicht-stereotype Darstellung von Geschlecht in der Literatur haben?

Geschlecht am Beispiel „Freiheit einer Frau“ von Edouard Louis. Der Autor beschreibt die soziale Rolle der Frauen seiner Familie als sehr stereotyp, so war seine Großmutter, die Mutter seiner Mutter eine zurückhaltende, schüchterne und unsichtbare Frau, die leise redete, das Essen und den Haushalt machte. Sie verschwand vom Tisch, um den Abwasch zu erledigen, während die Männer am Tisch blieben und weiter Wein tranken. Auch seine Mutter sollte diese Tradition  fortführen und war nach einer frühen Schwangerschaft noch während ihrer Ausbildung, die sie daraufhin beendete, bald „Mutter und Hausfrau“. Anders als seine Großmutter allerdings, die sich ihrem Schicksal fügte, hat sich seine Mutter ein anderes Leben für sich selbst vorgestellt, ein freieres und selbstbestimmteres, weshalb sie sehr unglücklich in ihrem Leben wurde, als sie feststellte, dass sie ihre eigentlichen Träume nicht verwirklichen kann. Die Mutter fühlt sich an die Care-Arbeit im Haus und für die Familie gebunden und ist damit zu einer Ereignislosigkeit in ihrem Leben gezwungen durch die Abhängigkeit von ihren Mann.  Diese geschilderte stereotype Darstellung von Weiblichkeit macht die gelegentlichen Ausbrüche umso eindrucksvoller, in denen sich die Mutter der ihr auferlegten Rolle widersetzt. Ebenso wird ihr ständiger Kampf gegen die männliche Dominanz untermalt, indem sie sich zweimal von ihren Männern trennt, die ihre herrschende Rolle auf demütigende und gewaltvolle Weise im Beziehungsalltag demonstrieren. Die Gegenüberstellung von seiner Mutter in er Rolle, der sich zu unterwerfenden Frau, wird in den Textstellen glasklar, in denen der Autor die männliche Dominanz der Väter beschreibt. So bestimmt der Vater, dass die Kinder zu gebären sind und nicht abgetrieben werden dürfen, der Mann verdient selbstverständlich das Geld, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um Haus und Familie, vollkommen egal, welche Vorstellungen vom Leben die Frau hat und ob diese Option die beste Alternative für die Familie und die Frau ist. Weiterhin wird die Mutter als Objekt verstanden und nicht als zu respektierende Person, dies wird dann deutlich, wenn der Autor beschreibt, wie der Vater die Mutter im Haus, aber auch im Beisein anderer Personen und der Öffentlichkeit unter anderem als „dumme fette Kuh“ schwer beleidigt und damit abwertet und demütigt. Je deutlicher der Autor macht, wie sehr seine Mutter in der stereotypen Konstruktion einer Frau verhaftet ist und unter der männlichen Machtdominanz des Vaters leidet, umso eindeutiger zeigt sich die Stärke dieser Frau, wenn sie sich am Ende aus ihrer zugeschriebenen und unfreiwilligen Rolle befreit. Die Transformation zu einer freieren Frau offenbart die Leistung und den Mut, den sie dafür aufbringen musste, sich aus der stereotypen sozialen Zuschreibung zu lösen. 

Geschlecht am Beispiel „Eine Frau“ von Annie Ernaux. Auch Ernaux beschreibt die Rollen ihrer Großmutter und Mutter zunächst als stereotyp, da auch diese Frauen dem gesellschaftlichen Bild einer „anständigen Frau“ entsprechen sollten. Also gut verheiratet, sparsam, nett anzusehen und eine gute Hausfrau. Sie stellt dieser Pflicht aber entgegen, dass ihre Mutter als Mädchen all das konnte, was die Jungen auch konnten. Weiter beschreibt die Autorin ihre Mutter als junge Frau so, dass diese als Fabrikmädchen mit ihren kurzen Röcken, dem Bubikopf und frechen Blick, aber vor allem allein durch die Tatsache, dass sie mit Männern zusammenarbeitete nicht als „anständiges“ Mädchen gelten konnte, auch wenn sie regelmäßig zur Messe ging, beichtete und nie mit Jungen alleine in den Wald ging. Daneben verweist Ernaux darauf, wie ihre Mutter, neben der sozialen Pflicht einem gewissen Typ von Frau entsprechen zu wollen, sehr wütend und stolz war. Rebellisch darauf bestand, nicht nur allein auf ihren sozialen Stand reduziert zu werden. In der Beziehung ihrer Eltern stellt die Autorin ihre Mutter als diejenige mit sozialen Ambitionen dar, während ihr Vater diesen Ambitionen folgt, auch führt die Mutter den Familienladen samt Gastwirtschaft allein,  kümmert sich um Bestellungen, Lagerungen, Planungen, Buchführung und verwaltet die Finanzen der Ehe. Das Leben der Familie wird von der Mutter geplant und ausgestaltet, Ernaux hielt ihre Mutter ihrem Vater für überlegen aufgrund ihrer Strenge, Wünsche und ihres Ehrgeizes. Sie beschreibt ihre Mutter als eine Frau die laut ist, teilweise auch aggressiv und anpackend. Also als eine aktive und selbstbewusste Frau.

In stereotypen Beschreibungen werden weibliche Körper oft sexualisiert und mit Schwäche konnotiert, Männerkörper dagegen kraftvoll und komplexer. So wird beispielsweise die Hand einer Frau oft mit dem Handgelenk, den Nägeln und Fingerspitzen dargestellt, die vom Mann als Faust, Handfläche, Handknöchel und Daumen. Die roten Lippen, kann man zwar nur als rote Lippen beschreiben, aber damit verbunden ist immer auch ein vorgefertigtes Bild, eine Vorstellung, was mit diesen roten Lippen möglich ist und was nicht. Die Stimme einer Frau ist oft zart, wohlklingend und eher leise. Die eines Mann hingegen kraftvoll, laut, und aggressiv. Wer also Körper und Charakter einer Person beschreibt, beschreibt nicht nur bloße Körperlichkeit, sondern auch die damit verbundene Macht, Möglichkeiten, ihre Präsenz, ihre Verletzlichkeit, Bedrohlichkeit, Stärke und Schwäche. Insbesondere bei Ernauxs Beschreibungen ihrer Mutter werden diese Stereotype immer wieder aufgebrochen.

Aufgrund von stereotypen Erzählungen und Darstellungen in der Literatur lernen wir also, auf welche Art und Weise wir die Welt sehen, wie wir selbst diese beschreiben und so selbst fortführen, was wir als typisch X und typisch Y  wahrnehmen. Wenn in der Literatur Figuren Eigenschaften erhalten, dienen diese oft als Charakteristikum, also als ein Teil des Charakters einer Figur. Wenn nun diese Eigenschaft nicht geschlechtergerecht ist, kann sie zu einer Vignette werden, um anzudeuten, dass die Figur gegen den Strom schwimmt.

Abschließend stellt sich die Frage, was kann es bewirken, wenn Literatur Stereotype aufbricht? Wenn wir vollkommenere menschliche Charaktere in unseren Medien und Literatur finden, die mehr sind als ihre bloße Stereotype, dann gelingt es uns vielleicht, uns und andere einfacher als vollkommenere menschliche Wesen zu sehen, die Empathie und Verständnis verdient haben. 


Zeichnung „Meike“ von C. Sturtzkopf wurde im Simplicissimus Nummer 8 des Jahrgangs 1956 veröffentlicht in Verbindung mit folgendem Reim:

Jürgen war brav,
Aber ein Schaf.
Was kann ich dafür,
Daß meine Liebe
Fiel in Schlaf?

Pidder war Wucht, Doch ohne Zucht,
Und er soff.
Die arme Liebe
Ging unter in Sucht.

Gischt um das Boot - 
"Uwe!" - Ist tot
Und liegt in der See.
Ich geh' ihn grüßen
Ins Abendrot.
(von Georg Schwarz)