
DER.SOZIOLOGISCHE.ROMAN
Weil ich mich in den letzten Monaten im Rahmen eines Seminars mit französischer Literatur des 20. Jahrhunderts beschäftigt habe, stelle ich euch heute einen Autor der Gegenwart vor. Als eine logische Fortführung, denn er steht in der Tradition von Annie Ernaux, Didier Eribon und Pierre Bourdieu. Sie eint der direkte und/oder indirekte autobiografische Roman, mit dessen Hilfe sie Soziologie mit Literatur verbinden. Alle sind Klassenaufsteiger und alle haben somit einen gemeinsamen Ausgangspunkt und doch sind ihre Motive verschieden. Während Ernaux mit ihrem letzten Roman („Die Jahre“) das Gefühl einer ganzen Generation einfangen will, ist Louis sehr viel politischer und versteht seine Literatur als Revolution. Interessanterweise stehen sie an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben, Annie Ernaux blickt auf ihr gelebtes Leben zurück während Louis gerade erst angefangen hat.
Unabhängig davon finde ich die französische Tradition sehr interessant, wonach die Literatur und Soziologie nicht so trennscharf voneinander abgegrenzt werden wie in Deutschland, wo sich die Soziologie als reine Wissenschaft manifestiert hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob manche gesellschaftlichen Gebilde nicht doch in einer literarischen Schrift mehr Wahrheit entfalten können als in der rein wissenschaftlichen Darstellung. Zumindest bietet die Literatur die Möglichkeit soziologische Zusammenhänge, auch außerhalb einer wissenschaftlichen Leserschaft, diese verständlicher zu machen und damit einem größeren Personenkreise näherzubringen. Relevante Themen werden griffiger und interessanter.
DIE GALERIE zeigt eine Kurzbio vom Autor, literarischen und historischen Kontext und eine kurze Inhaltsübersicht des Romans „Freiheit einer Frau“.
INHALT von „Freiheit einer Frau“ (zusammengefasst)
Der Roman beginnt mit einer einleitenden Szene, in der der Ich-Erzähler ein Foto seiner Mutter aus ihrer Jugend von ihr bekommt und sehr von diesem Bild irritiert ist. Denn seine Mutter scheint, darauf glücklich und voller Hoffnung zu sein. Ein Zustand, den er als surreal empfindet, weil der Erzähler realisiert, dass seine Mutter vor seiner Geburt auch mal so etwas wie Glück empfunden haben muss und so erinnert er sich folgend an die Momente seiner Kindheit, die für die Mutter sehr viel Demütigung, Armut und Gewalt bedeuteten.
Im ersten Abschnitt wird die Herkunft seiner Mutter beschrieben. Sie kommt aus prekären aber noch geordneten Verhältnissen, in dieser Arbeiterklasse konnte man sich noch aus eigener Arbeit und Mittel versorgen. Dennoch wird deutlich, welch ein konservatives Rollenverständnis von Mann und Frau dort herrscht, sodass die Frau für Familie und Haushalt und der Mann für die Arbeit zuständig sein soll.
In Abschnitt zwei wird die frühe Beziehung seiner Mutter zu ihrem ersten Mann erzählt, von dem sie ungewollt schwanger wurde. Aus Traditionsbewusstsein wurde bestimmt, dass sie nicht abtreiben darf. In Folge musste sie in einer gewaltvollen und unglücklichen Ehe verharren. Bis zu einem Punkt, an dem Sie es nicht mehr aushielt und den Mut fasste, ihren ersten Mann zu verlassen. Als zweifache alleinerziehende Mutter ohne Ausbildung und ohne finanzielle Mittel war sie auf Unterstützung angewiesen und musste mit ihren Kindern in der Wohnung ihrer Schwester unterkommen.
Weiter schildert der Autor, wie die Mutter bereits nach wenigen Monaten ihren zweiten Mann kennenlernte, der auch gleichzeitig der Vater des Autors und weiterer Zwillinge ist. Die anfängliche Phase der Beziehung beschreibt der Autor als harmonisch und respektvoll für die Mutter. Allerdings veränderte sich das Verhalten des Vaters bereits nach wenigen Jahren und er wurde demütigend und nach einem Arbeitsunfall und der folgenden Erkrankung regelrecht bösartig. Auch in dieser Beziehung erwartete der Mann, dass sie als Frau Haus und Familie versorgen sollte. Die Geburt der Zwillinge war ein weiteres Mal unfreiwillig, da ihr Mann bestimmte, dass sie die Kinder zu gebären hat. Die weitere finanzielle Belastung durch die beiden Kinder und der Tatsache, dass der Vater nicht mehr seiner Arbeit nachgehen konnte, verschärfte die Armut der Familie eklatant, staatliche Unterstützung und auch Essensausgaben bestimmen den Alltag der Familie.
Im weiteren Verlauf der Erzählung zeigt der Autor, wie er es durch Bildung aus seinem herkömmlichen Milieu (Klassenflüchtling) rausschafft und sich so immer mehr von seiner Mutter entfernt, er schämt sich für die Andersartigkeit und Armut seiner Mutter. Er genießt regelrecht, wie er sich verändert in Wissen, Sprache und Verhalten und fühlt sich der Familie gegenüber erhaben, ohne dabei zu bemerken wie auch er seine Mutter damit demütigt.
Als der Erzähler bereits in Paris studiert und lebt beginnt eine allmähliche Annäherung mit seiner Mutter, die sich dadurch verstärkt, dass sie es ein weiteres Mal schafft, sich von ihrem Mann zu trennen, um ein eigenes Leben beginnen zu können ohne Kinder und zunächst auch ohne Mann. Mit diesem Schritt beginnt die Transformation und Emanzipation der Mutter die das Buch beschließt.
EXTRAS
Die vollständige Präsentation findet ihr hier (google.presentation) mit allen Links zu Interviews und Quellen.
https://docs.google.com/presentation/d/e/2PACX-1vSMJS8qtkfs4lMMAHOdFOeb9Gdbq-35wX3cY2JdGSKF8G0PIcPlxBUcVCAqC-h3A_e66uU1CP9RDq5z/pub?start=false&loop=true&delayms=3000









