Feuerzeugrädchen

(Es sollte zu einer Abschiedstour werden, doch es ist zu einer Neuverfestigung gekommen)

Wien. Die Melange der Oper mit dem Kaffee Gerstner. Was verbindet sie, was ist ihre Seele?

Die Szenerie ist klassisch viel dunkles Holz, edler Stein und besondere Artdeco Lichter, die sich geschwungen im Raum bewegen wie die Wiener Tauben im Park. Über Jahrhunderte durchdesigned. Falsifikation der Kunst. Design durchgespielt und doch darf sich jeder immer wieder unter Einsatz seines Blutes, seiner Ehre und körperlichen Gesundheit mal daran versuchen. Unnötig zu erwähnen die meisten sind gescheitert, lediglich der oder die Maestro wurde bejubelt. Wahrscheinlich kommt daher die einsetzende Arroganz. Der Wille, Wunsch und Traum der Folgenden, leckend gierig auf ihre eigenen Chancen, wird unverhohlen ausgekostet, benutzt. Verbraucht.

Die Spitze ebenso süß und verführerisch wie der Pariser Spitz auf meinem königsblauen Porzellan. Mein Gemüt ambivalent, gefunden zwischen zwei Welten, das Café mit dem grünen Samt es strahlt Ruhe aus und Geborgenheit, eine Ansammlung an wohltuender Etiquette. Ach, da schau her, manche habens eilig. Ein Mann sprintet durch den Raum. Überraschend ist er doch schon recht alt. Oder sagen wir in den besten Jahren. Da halten die hohen Lebensjahre wohl doch noch ein paar Überraschung parat. Irgendwie auch sehr beruhigend, wie alles hier in diesem Café. 

Ein Blick aus dem Fenster und die Welt ist laut und überflutet, Ampel rot, Autos stehen, Ampel grün Autos fahren. Körper schieben sich aneinander vorbei. Egal wohin ich gucke, die anderen sind immer schon da. Ich stehe hier im Regen und du bist nicht da. Ich frage mich, ob es sich im Frühjahr besser anfühlen würde. Nun mit Wärme und Licht ist alles schöner. 

Ich bin auf der Suche nach Zeit, Verweilen, Wohligkeit, da sehe ich auch viel bei den Menschen. 

Die Menschen sind international, Wien ein europäisches Drehkreuz aus Traditionen. Sie spiegeln ein sofort das eigene selbst. Bist du nicht nett oder gar bös so red i gar net mit dir. Der Wiener weiß was sich gehört, oder auch eben nicht! Und fordert das auch ein. Aber er ist auch emotional jedoch zurückhaltend, ruhig, keine Explosion von Emotionen. Dafür hat er die Worte und Musik für sich entdeckt. Unzählige Lieder erzählen von der Wiener Sehnsucht. Sehnsucht immer wieder Sehnsucht, der Mensch er vergeht in Sehnsucht. 

Und meine Sehnsucht? Aufgefrischt. Wollte ich nicht eigentlich die Abschiedstour? Offensichtlich nicht, viel zu einfach brannte erneut das Feuerzeug in meiner Hand.

Wien eine menschliche Melange, meine Melange. Bei Gelegenheit komme ich wieder. 

(Winter 2023)

„Combat et métamorphose d’une femme“


DER.SOZIOLOGISCHE.ROMAN


Weil ich mich in den letzten Monaten im Rahmen eines Seminars mit französischer Literatur des 20. Jahrhunderts beschäftigt habe, stelle ich euch heute einen Autor der Gegenwart vor. Als eine logische Fortführung, denn er steht in der Tradition von Annie Ernaux, Didier Eribon und Pierre Bourdieu. Sie eint der direkte und/oder indirekte autobiografische Roman, mit dessen Hilfe sie Soziologie mit Literatur verbinden. Alle sind Klassenaufsteiger und alle haben somit einen gemeinsamen Ausgangspunkt und doch sind ihre Motive verschieden. Während Ernaux mit ihrem letzten Roman („Die Jahre“) das Gefühl einer ganzen Generation einfangen will, ist Louis sehr viel politischer und versteht seine Literatur als Revolution. Interessanterweise stehen sie an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben, Annie Ernaux blickt auf ihr gelebtes Leben zurück während Louis gerade erst angefangen hat.

Unabhängig davon finde ich die französische Tradition sehr interessant, wonach die Literatur und Soziologie nicht so trennscharf voneinander abgegrenzt werden wie in Deutschland, wo sich die Soziologie als reine Wissenschaft manifestiert hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob manche gesellschaftlichen Gebilde nicht doch in einer literarischen Schrift mehr Wahrheit entfalten können als in der rein wissenschaftlichen Darstellung. Zumindest bietet die Literatur die Möglichkeit soziologische Zusammenhänge, auch außerhalb einer wissenschaftlichen Leserschaft, diese verständlicher zu machen und damit einem größeren Personenkreise näherzubringen. Relevante Themen werden griffiger und interessanter.


DIE GALERIE zeigt eine Kurzbio vom Autor, literarischen und historischen Kontext und eine kurze Inhaltsübersicht des Romans „Freiheit einer Frau“.



INHALT von „Freiheit einer Frau“ (zusammengefasst)


Der Roman beginnt mit einer einleitenden Szene, in der der Ich-Erzähler ein Foto seiner Mutter aus ihrer Jugend von ihr bekommt und sehr von diesem Bild irritiert ist. Denn seine Mutter scheint, darauf glücklich und voller Hoffnung zu sein. Ein Zustand, den er als surreal empfindet, weil der Erzähler realisiert, dass seine Mutter vor seiner Geburt auch mal so etwas wie Glück empfunden haben muss und so erinnert er sich folgend an die Momente seiner Kindheit, die für die Mutter sehr viel Demütigung, Armut und Gewalt bedeuteten.

Im ersten Abschnitt wird die Herkunft seiner Mutter beschrieben. Sie kommt aus prekären aber noch geordneten Verhältnissen, in dieser Arbeiterklasse konnte man sich noch aus eigener Arbeit und Mittel versorgen. Dennoch wird deutlich, welch ein konservatives Rollenverständnis von Mann und Frau dort herrscht, sodass die Frau für Familie und Haushalt und der Mann für die Arbeit zuständig sein soll.

In Abschnitt zwei wird die frühe Beziehung seiner Mutter zu ihrem ersten Mann erzählt, von dem sie ungewollt schwanger wurde. Aus Traditionsbewusstsein wurde bestimmt, dass sie nicht abtreiben darf. In Folge musste sie in einer gewaltvollen und unglücklichen Ehe verharren. Bis zu einem Punkt, an dem Sie es nicht mehr aushielt und den Mut fasste, ihren ersten Mann zu verlassen. Als zweifache alleinerziehende Mutter ohne Ausbildung und ohne finanzielle Mittel war sie auf Unterstützung angewiesen und musste mit ihren Kindern in der Wohnung ihrer Schwester unterkommen.

Weiter schildert der Autor, wie die Mutter bereits nach wenigen Monaten ihren zweiten Mann kennenlernte, der auch gleichzeitig der Vater des Autors und weiterer Zwillinge ist. Die anfängliche Phase der Beziehung beschreibt der Autor als harmonisch und respektvoll für die Mutter. Allerdings veränderte sich das Verhalten des Vaters bereits nach wenigen Jahren und er wurde demütigend und nach einem Arbeitsunfall und der folgenden Erkrankung regelrecht bösartig. Auch in dieser Beziehung erwartete der Mann, dass sie als Frau Haus und Familie versorgen sollte. Die Geburt der Zwillinge war ein weiteres Mal unfreiwillig, da ihr Mann bestimmte, dass sie die Kinder zu gebären hat. Die weitere finanzielle Belastung durch die beiden Kinder und der Tatsache, dass der Vater nicht mehr seiner Arbeit nachgehen konnte, verschärfte die Armut der Familie eklatant, staatliche Unterstützung und auch Essensausgaben bestimmen den Alltag der Familie.

Im weiteren Verlauf der Erzählung zeigt der Autor, wie er es durch Bildung aus seinem herkömmlichen Milieu (Klassenflüchtling) rausschafft und sich so immer mehr von seiner Mutter entfernt, er schämt sich für die Andersartigkeit und Armut seiner Mutter. Er genießt regelrecht, wie er sich verändert in Wissen, Sprache und Verhalten und fühlt sich der Familie gegenüber erhaben, ohne dabei zu bemerken wie auch er seine Mutter damit demütigt.

Als der Erzähler bereits in Paris studiert und lebt beginnt eine allmähliche Annäherung mit seiner Mutter, die sich dadurch verstärkt, dass sie es ein weiteres Mal schafft, sich von ihrem Mann zu trennen, um ein eigenes Leben beginnen zu können ohne Kinder und zunächst auch ohne Mann. Mit diesem Schritt beginnt die Transformation und Emanzipation der Mutter die das Buch beschließt. 


EXTRAS

Die vollständige Präsentation findet ihr hier (google.presentation) mit allen Links zu Interviews und Quellen.

https://docs.google.com/presentation/d/e/2PACX-1vSMJS8qtkfs4lMMAHOdFOeb9Gdbq-35wX3cY2JdGSKF8G0PIcPlxBUcVCAqC-h3A_e66uU1CP9RDq5z/pub?start=false&loop=true&delayms=3000

Gesellschaft nur gemeinsam.


Während der Pandemie und danach haben sich schlaue Menschen gefragt, wie einsam sind junge Menschen heutzutage. Und hat das irgendwelche Relevanz oder Konsequenzen für eine demokratische Gesellschaft. Spoiler: ja hat es!

Einsamkeitserfahrungen haben das Potenzial, die jungen Menschen von der Demokratie zu entfremden und sogar extremistische Denkmuster zu fördern.


Ich habe das Thema mal in einen kurzen Clip zusammengestellt und auf YouTube gepackt.

Das Video basiert auf den Ergebnissen der Studie „Extrem einsam?“ von das „Progressive Zentrum“ und „pollytix research“, die die Studie ausgeführt haben im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche. Die Ergebnisse wurden am 10. Februar 2023 vorgestellt.


Die Studie: https://www.progressives-zentrum.org/wp-content/uploads/2023/02/Kollekt_Studie_Extrem_Einsam_Das-Progressive-Zentrum.pdf

Unter dem Link findet man die komplette Studie zum Nachlesen.