Rassismus

Auf Basis zweier sehr interessanter Beiträge von Maureen Maisha Auma und Christian Koller für die bpb entstand diese Zusammenfassung, mit Aspekten, die ich für essentiell halte. Jeder sollte sich der Natur von Rassismus bewusst sein, gerade, wenn wir seit Jahren erleben, wie Rechtsextreme versuchen sich ihren Raum zu erobern, indem sie uns manipulativer Rhetorik aussetzen. Dabei sollte uns Demokraten bewusst sein, dass es unser Raum ist, den sie einnehmen wollen.

Was ist Rassismus?

Rassismus kann als ein Wahrnehmungssystem verstanden werden und ist mehr als bloße individuelle Einstellungen, Handlungen oder Ideologie. Ein Wahrnehmungssystem besteht aus Wahrnehmungshilfen, Filtern, mit denen wir unsere sozialen Gehalte und Situationen einschätzen und strukturieren. Basis für Rassismus ist somit soziales Wissen über gesellschaftliche Gruppen, das durch Zuschreibungen von gewissen positiven oder negativen Eigenschaften entsteht. Die dominante Gruppe sichert sich dabei Eigenschaften, die ihre Dominanzposition unterstreicht und die problematischen Eigenschaften werden der dominierten Gruppe zugewiesen. Zeigt ein Angehöriger der dominierten Gruppe eine negative Eigenschaft, wird dies als Bestätigung für die Unterlegenheit der gesamten Gruppe interpretiert und dargestellt. Beständige negative Darstellungen bringt diese Gruppe in Folge in eine exponierte Position. Die Gruppe fühlt sich genötigt sich für das Verhalten Einzelner zu rechtfertigen „nicht alle sind Terroristen“ etc. In dieser Funktion legitimiert Rassismus eine systematische Besserbehandlung (soziale Hierarchie), so erscheinen Handlungen von rassistisch unmarkierten Akteurinnen als neutral, harmlos oder fortschrittlich und Handlungen von rassistisch markierten Akteurinnen als suspekt, zwielichtig, ungerechtfertigt. Die Wahrnehmung ist davon geprägt, dass weißen Personen grundsätzlich positive Eigenschafen zugesprochen werden und nicht weißen negative, diese Deutungsmuster sind bereits im Kindesalter verinnerlicht. Weißsein ist somit eine unsichtbar herrschende Normalität, da die Handlungen der rassistisch markierten Anderen systematisch rassistisch bewertet werden, handelt es sich hier um ein Diskriminierungsmuster. 

Short History of Racism 

Ausgangspunkt ist das koloniale Projekt, der Imperialismus und Wettlauf der europäischen Länder und somit die Annexion und Ausbeutung der Länder und Bevölkerung. Eine zunehmende Erforschung der Kolonien/Fauna/Tiere und Menschen brachte neue naturwissenschaftliche Klassifizierung (Wer ist Teil der Menschheit? Gibt es eine Hierarchie der unterschiedlich aussehenden Menschen?). In diese wissenschaftliche Debatte fand das Konzept „Rasse“ Einzug durch den frz. Arzt und Forschungsreisenden Francois Bernier im 17. Jhr., der diesen Begriff zur Einteilung der Menschheit verwendete. Der Begriff wurde schnell im 18. Jhr. In die anthropologische (parallel in das zoologische) Schrifttum Europas übernommen und wurde von namhaften Intellektuellen der Zeit genutzt (z.B. Kant, Comte de Buffon). Mit deren Abhandlungen wurden 4-5 Rassen und bald deren Farbzugehörigkeiten „weiß“, „gelb“, „rot“ und „braun“ eingebürgert. Diesen Rassen wurden dann spezifische physische, intellektuelle, charakterliche und ästhetische Kollektiveigenschaften zugesprochen. Die Folge daraus war eine Hierarchie der menschlichen „Rasse“, die im europäischen und nordamerikanischen Imperialismus die Kolonisierung und Ausbeutung legitimierten (zweck-rationale Nutzung). Verbreitung fand das „Rassenkonzept“ aus der Naturwissenschaft heraus in historisch-politischen Abhandlungen und in Form des Sozialdarwinismus auch in der Elite des 19. Jahrhunderts. Unter Sozialdarwinismus versteht man Übertragung der Evolutionsmechanismen von Charles Darwin auf die menschliche Gesellschaft, so dass Überlebenskämpfe zwischen Individuen, Nationen und „Rassen“ als notwenig und als Voraussetzung für jeglichen Fortschritt angesehen werden. Die „arische“ Rasse (frühes 19. Jhr) kam auf den Plan als Sprachwissenschaftler eine Verwandtschaft der modernen europäischen Sprachen mit der altindischen Sprache „Sanskrit“ fanden. Sanskrit-Sprecher bezeichneten sich selbst als „Arier“ und wurden nun aufgrund einer irrtümlichen Verknüpfung von Anthropologie und Linguistik zu Begründern einer modernen europäischen „Herrenrasse“. Gleichzeitig wächst die Ideologie des Nationalismus, die mit dem Rassismus effektiv flankiert wird, „Rasse“, „Volk“ und „Nation“ (Nation nicht mehr im frz. Sinne eine durch Willen gebildeter politischer Verband, sondern ein Gebilde einer Abstammungsgemeinschaft) werden vermischt.

Traurige Auswirkungen des Rassismus waren und sind

  • Rechtfertigung für Unterwerfung, Ausbeutung, Abwertung und Versklavung.
  • Religiös motivierte Judenfeindschaft (christlicher Antijudaismus) wurde verstärkt und transformierte sich im 19. Jhr. zum modernen Rassen-Antisemitismus.
  • Alte Vorurteile gegen „barbarische“ „heidnische“ Nicht-Europäer wurden durch die „Rassen-Hierarchie“ gestützt.
  • Negative Wahrnehmung der Mittel-, Ost- und Südeuropäer wurde rassistisch aufgeladen.
  • Entstehung einer Pseudo-Wissenschaft, die versuchte die Existenz menschlicher „Rassen“ empirisch zu belegen (vorzugsweise durch anatomische Messungen und Klassifizierung von Menschen) – falsifizierende Ergebnisse wurden verworfen und neue Messmethoden entwickelt, die die eigenen Annahmen stützten. 
  • Eugenik und „Rassenhygiene“ (Deutschland) basierten auf den biologischen Annahmen des „Rassenkonzepts“ und erweiterten diese mit gesellschaftlichen Problemen wie Kriminalität, Alkoholismus, Prostitution und Nomadismus, sodass auch diese auf genetische Veranlagung zurückgeführt wurden (Folgen: Eheverbote und Zwangssterilisation) 
  • Rassische Hierarchie in Kombination mit nationalistischen Vorstellungen führte zur Idee eines „reinen“ Nationalstaates und hatte zahlreiche Vertreibungen und Völkermord zur Folge: in den kolonisierten Gebieten der Spanier, Briten, Amerikaner und Deutschen wurden große Teile der Bevölkerung deportiert, in Konzentrationslager gefangen gehalten und ermordet (z. B. Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika wurde als Rassenkampf betrachtet und forderte 100.000 Tote = heute Anerkennung eines Völkermords)
  • Der absolute Schreckenshöhepunkt dieser Gewaltpraktiken wurde im Nationalsozialismus erreicht, dieser basierte primär auf Rassen-Antisemitismus, Ariermythos und Ultranationalismus schloss aber Antislawismus, Antiziganismus, Kolonialrassismus und „Rassenhygiene“ mit ein. Erschreckendes Resultat: 6 Mio. tote Juden und Jüdinnen, zwischen 220.000 und 500.000 ermordete Sinti und Roma, 100.000 Opfer der Eugenik, Millionen Opfer des NS-Antislawismus im besetzten Osteuropa sowie Kriegsgefangener.

Und dann, war es das Ende vom Rassismus oder?

Rassismus war nach dem Schreckensszenario des Nationalsozialismus diskreditiert, obwohl die Rassentrennung in den Südstaaten der USA bis in die 1960er Jahre weiter existieren sollte. 

Es wurde entkolonialisiert und es startete die UNESCO-Kampagne gegen Rassenvorurteile. Doch rechtsextreme Zirkel hielten an dem klassischen Rassenkonzept fest. Es entstand kein globaler Universalismus, sondern Debatten über unterschiedlich betrachtete Menschengruppen verlagern sich von biologischen hinzu kulturellen Erklärungsfaktoren (sog. „Kultureller Rassismus“, „Neo-Rassismus“, Rassismus ohne Rassen“). Die Kultur von Menschen gilt nun als Wesensmerkmal und Aspekte kultureller Identität, so werden Sprache, Kleidung, Auftreten als Differenzmarkierung in den Fokus genommen. 

Initiiert wurde dieses neue Erklärungsmodell in den 1960ern von den „Neuen Rechten“.

Ethnopluralismus“ (nach dem Rechtsintellektuellen Henning Eichberg) Ethnie kann sich nur im Kontext eines Territoriums und einer spezifischen kulturellen Prägung entwickeln/erhalten. Daraus folgt die Forderung, dass Ethnien räumlich getrennt werden müssen, um ihre kulturelle Eigenarten beibehalten zu können -> Abgrenzung gegen kulturelle Einflüsse von „außen“. 

Kultur als Differenzmerkmal soll bestehende soziale Hierarchien wirksam machen (keine Koexistenz von Kulturen), sondern kulturelle Praxisformen (Religion, Erziehung) werden als unvereinbare Gegensätze konzipiert. Dies fördert eine kulturelle Hegemonie der dominanten Kultur und schützt das positive Selbstbild der der Angehörigen der Dominanzkultur. Rassistisch markierte Akteurinnen werden hingegen als nicht-integrationsfähige Belastung angesehen. Multikulturalität wird mit diesem Konzept unmöglich und Kultur als etwas starres verstanden. 

Es lässt die rasanten kulturellen Entwicklungen der Moderne außer acht und sieht keine Möglichkeiten der Erweiterung und Vermischung kultureller Praktiken und Werte sog. Kulturtransfers. Seit den 1960er Jahren finden Anti-Immigrationsbewegungen und damit klassisch rassistisches Gedankengut wieder Halt in rechtspopulistischen Bewegungen wie der FPÖ in Österreich, dem Rassemblement National in Frankreich oder der AfD in Deutschland. 

In den USA waren es nach 1945 insbesondere Publikationen, die einen Zusammenhang zwischen Kultur, Ethnie und Intelligenz feststellen wollten, die sich vor allem in rechtsextremen Zirkeln Nordamerikas verbreiteten und funktionierten zunehmend ab den 1960er Jahren auch in einer breiteren konservativen Bevölkerungsschicht als Reaktion auf das Ende der „Rassentrennung“ und wirtschaftlicher Probleme. Abermals beschäftigte sich die „Forschung“ mit diesem Thema und so behaupteten zwei Harvard Professoren Mitte der 1990er Jahre, dass der Intelligenzquotient der Afroamerikaner niedriger als der der Weißen sei. Dies führe zu einer sinkenden Intelligenz der amerikanischen Bevölkerung und begünstige Kriminalität, Verarmung, Arbeitslosigkeit, uneheliche Geburten etc. Sozialprogramme seien daher kontraproduktiv, da sie zur weiteren Ausbreitung intellektuell defizitärer Unterschichten führe. 

Doch nicht nur in den USA finden solche Ideen Anklang auch ein deutsches Pendant Thilo Sarrazin brachte sich 2010 mit „Deutschland schafft sich ab“ prominent und fragwürdig in Stellung. Seitdem die AfD auf der politischen deutschen Bühne aufgetaucht ist, verfolgt sie klar ein Ziel, ihre eigene Machtposition zu stärken. Ihren Rassismus hat sie dabei eigentlich nie versteckt, sondern in neue Erzählungen verpackt. Es sind keine Rassen, sondern Völker, fremde Kulturen, die sich nicht mit einer herbeigeredeten „deutschen“ Nation und Kultur verbinden ließen, bzw. diese gefährden sollen. Alles dient nur der Abgrenzung zu den „anderen“ „fremden“ damit man selbst Zuspruch und Stimmen erhält, dabei ist es ihnen vollkommen egal, ob das was man selber behauptet auch der Wahrheit entspricht, denn Wahrheit ist Wahrnehmung und die lässt sich beeinflussen, denn steter Tropfen höhlt den Stein. 

(Quelle 1: Auma, Maureen, Maisha (2017) in: bpb https://www.bpb.de/themen/migration-integration/dossier-migration/223738/rassismus/, zuletzt aufgerufen am 2.5.25)

(Quelle 2: Koller, Christian (2015): „Was ist eigentlich Rassismus?“ in: bpb https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/213678/was-ist-eigentlich-rassismus/, zuletzt aufgerufen am 2.5.25)