Stereotype in der Literatur


Welchen Einfluss kann die stereotype oder nicht-stereotype Darstellung von Geschlecht in der Literatur haben? 

Am Beispiel „Die Freiheit einer Frau“ von Edouard Louis und „Eine Frau“ von Annie Ernaux.


Die soziale Identität eines Menschen ist das Produkt fortlaufender Benennungs- und Einprägearbeit (vgl. Bourdieu). Das Hauptidentifikationsmerkmal dabei ist das Geschlecht. Hierbei dient nach wie vor die Bipolarität des biologischen Geschlechts und damit eine Einordnung in männlich und weiblich als Grundlage für die Prägung einer sogenannten Heteronormativität. Da eine Person in aller Regel zunächst den Körper einer anderen Person wahrnimmt, und dann aufgrund von vorher durchlaufenen soziologischen Prozessen daraus konstruiert, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.  Häufig ist es so, dass die Frau dem Mann dabei als Negativbild dient, über das er sich in seiner Bedeutung und Notwendigkeit als Mann definieren kann. Die interpretierten Funktionsweisen der Frau führen zum Fortgang der männlichen Dominanz, Kontrolle der Macht und Wissen an denen Frauen nicht teilhaben sollen. Literarische stereotype Darstellungen einer Figur sind also immer geschlechtsbezogen und zeigen, wie sehr diese sich in die soziale Norm fügt oder daraus ausbricht und warum. Welchen Einfluss kann also die stereotype oder nicht-stereotype Darstellung von Geschlecht in der Literatur haben?

Geschlecht am Beispiel „Freiheit einer Frau“ von Edouard Louis. Der Autor beschreibt die soziale Rolle der Frauen seiner Familie als sehr stereotyp, so war seine Großmutter, die Mutter seiner Mutter eine zurückhaltende, schüchterne und unsichtbare Frau, die leise redete, das Essen und den Haushalt machte. Sie verschwand vom Tisch, um den Abwasch zu erledigen, während die Männer am Tisch blieben und weiter Wein tranken. Auch seine Mutter sollte diese Tradition  fortführen und war nach einer frühen Schwangerschaft noch während ihrer Ausbildung, die sie daraufhin beendete, bald „Mutter und Hausfrau“. Anders als seine Großmutter allerdings, die sich ihrem Schicksal fügte, hat sich seine Mutter ein anderes Leben für sich selbst vorgestellt, ein freieres und selbstbestimmteres, weshalb sie sehr unglücklich in ihrem Leben wurde, als sie feststellte, dass sie ihre eigentlichen Träume nicht verwirklichen kann. Die Mutter fühlt sich an die Care-Arbeit im Haus und für die Familie gebunden und ist damit zu einer Ereignislosigkeit in ihrem Leben gezwungen durch die Abhängigkeit von ihren Mann.  Diese geschilderte stereotype Darstellung von Weiblichkeit macht die gelegentlichen Ausbrüche umso eindrucksvoller, in denen sich die Mutter der ihr auferlegten Rolle widersetzt. Ebenso wird ihr ständiger Kampf gegen die männliche Dominanz untermalt, indem sie sich zweimal von ihren Männern trennt, die ihre herrschende Rolle auf demütigende und gewaltvolle Weise im Beziehungsalltag demonstrieren. Die Gegenüberstellung von seiner Mutter in er Rolle, der sich zu unterwerfenden Frau, wird in den Textstellen glasklar, in denen der Autor die männliche Dominanz der Väter beschreibt. So bestimmt der Vater, dass die Kinder zu gebären sind und nicht abgetrieben werden dürfen, der Mann verdient selbstverständlich das Geld, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um Haus und Familie, vollkommen egal, welche Vorstellungen vom Leben die Frau hat und ob diese Option die beste Alternative für die Familie und die Frau ist. Weiterhin wird die Mutter als Objekt verstanden und nicht als zu respektierende Person, dies wird dann deutlich, wenn der Autor beschreibt, wie der Vater die Mutter im Haus, aber auch im Beisein anderer Personen und der Öffentlichkeit unter anderem als „dumme fette Kuh“ schwer beleidigt und damit abwertet und demütigt. Je deutlicher der Autor macht, wie sehr seine Mutter in der stereotypen Konstruktion einer Frau verhaftet ist und unter der männlichen Machtdominanz des Vaters leidet, umso eindeutiger zeigt sich die Stärke dieser Frau, wenn sie sich am Ende aus ihrer zugeschriebenen und unfreiwilligen Rolle befreit. Die Transformation zu einer freieren Frau offenbart die Leistung und den Mut, den sie dafür aufbringen musste, sich aus der stereotypen sozialen Zuschreibung zu lösen. 

Geschlecht am Beispiel „Eine Frau“ von Annie Ernaux. Auch Ernaux beschreibt die Rollen ihrer Großmutter und Mutter zunächst als stereotyp, da auch diese Frauen dem gesellschaftlichen Bild einer „anständigen Frau“ entsprechen sollten. Also gut verheiratet, sparsam, nett anzusehen und eine gute Hausfrau. Sie stellt dieser Pflicht aber entgegen, dass ihre Mutter als Mädchen all das konnte, was die Jungen auch konnten. Weiter beschreibt die Autorin ihre Mutter als junge Frau so, dass diese als Fabrikmädchen mit ihren kurzen Röcken, dem Bubikopf und frechen Blick, aber vor allem allein durch die Tatsache, dass sie mit Männern zusammenarbeitete nicht als „anständiges“ Mädchen gelten konnte, auch wenn sie regelmäßig zur Messe ging, beichtete und nie mit Jungen alleine in den Wald ging. Daneben verweist Ernaux darauf, wie ihre Mutter, neben der sozialen Pflicht einem gewissen Typ von Frau entsprechen zu wollen, sehr wütend und stolz war. Rebellisch darauf bestand, nicht nur allein auf ihren sozialen Stand reduziert zu werden. In der Beziehung ihrer Eltern stellt die Autorin ihre Mutter als diejenige mit sozialen Ambitionen dar, während ihr Vater diesen Ambitionen folgt, auch führt die Mutter den Familienladen samt Gastwirtschaft allein,  kümmert sich um Bestellungen, Lagerungen, Planungen, Buchführung und verwaltet die Finanzen der Ehe. Das Leben der Familie wird von der Mutter geplant und ausgestaltet, Ernaux hielt ihre Mutter ihrem Vater für überlegen aufgrund ihrer Strenge, Wünsche und ihres Ehrgeizes. Sie beschreibt ihre Mutter als eine Frau die laut ist, teilweise auch aggressiv und anpackend. Also als eine aktive und selbstbewusste Frau.

In stereotypen Beschreibungen werden weibliche Körper oft sexualisiert und mit Schwäche konnotiert, Männerkörper dagegen kraftvoll und komplexer. So wird beispielsweise die Hand einer Frau oft mit dem Handgelenk, den Nägeln und Fingerspitzen dargestellt, die vom Mann als Faust, Handfläche, Handknöchel und Daumen. Die roten Lippen, kann man zwar nur als rote Lippen beschreiben, aber damit verbunden ist immer auch ein vorgefertigtes Bild, eine Vorstellung, was mit diesen roten Lippen möglich ist und was nicht. Die Stimme einer Frau ist oft zart, wohlklingend und eher leise. Die eines Mann hingegen kraftvoll, laut, und aggressiv. Wer also Körper und Charakter einer Person beschreibt, beschreibt nicht nur bloße Körperlichkeit, sondern auch die damit verbundene Macht, Möglichkeiten, ihre Präsenz, ihre Verletzlichkeit, Bedrohlichkeit, Stärke und Schwäche. Insbesondere bei Ernauxs Beschreibungen ihrer Mutter werden diese Stereotype immer wieder aufgebrochen.

Aufgrund von stereotypen Erzählungen und Darstellungen in der Literatur lernen wir also, auf welche Art und Weise wir die Welt sehen, wie wir selbst diese beschreiben und so selbst fortführen, was wir als typisch X und typisch Y  wahrnehmen. Wenn in der Literatur Figuren Eigenschaften erhalten, dienen diese oft als Charakteristikum, also als ein Teil des Charakters einer Figur. Wenn nun diese Eigenschaft nicht geschlechtergerecht ist, kann sie zu einer Vignette werden, um anzudeuten, dass die Figur gegen den Strom schwimmt.

Abschließend stellt sich die Frage, was kann es bewirken, wenn Literatur Stereotype aufbricht? Wenn wir vollkommenere menschliche Charaktere in unseren Medien und Literatur finden, die mehr sind als ihre bloße Stereotype, dann gelingt es uns vielleicht, uns und andere einfacher als vollkommenere menschliche Wesen zu sehen, die Empathie und Verständnis verdient haben. 


Zeichnung „Meike“ von C. Sturtzkopf wurde im Simplicissimus Nummer 8 des Jahrgangs 1956 veröffentlicht in Verbindung mit folgendem Reim:

Jürgen war brav,
Aber ein Schaf.
Was kann ich dafür,
Daß meine Liebe
Fiel in Schlaf?

Pidder war Wucht, Doch ohne Zucht,
Und er soff.
Die arme Liebe
Ging unter in Sucht.

Gischt um das Boot - 
"Uwe!" - Ist tot
Und liegt in der See.
Ich geh' ihn grüßen
Ins Abendrot.
(von Georg Schwarz)

Wie aus POP Punk wurde!

Sieht aus wie Werbung? Ist es nicht.

Aus der Kategorie: wenn dir… Zitronen… dann… Limonade…! Gerade wenn man denkt, man hätte seine Sachen einigermaßen im Griff, denkt sich irgendwer, nope!, das machen wir anders. Ist doch auch viel spannender und lehrreicher. Man will sich ja wieder mal so richtig spüren, leben! Echte Emotionen. Folgend also eine Momentaufnahme und ihre textlichen Folgen.

Pop. So heißt das neue Kabarett-Programm von M. Tretter und hatte am 16.02.19 Station in der Alten Mälze. Mit Pop mag man zunächst nur leicht verdauliche und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachte Musik im Stile von Lady Gaga bis Max Giesinger assoziieren. Schnell eingängig, gefällig, aber oft auch schnell langweilig.

Wenig eingängig und schnell ging es vor der Tür zu, begrüßt am heiligen Pult der Gästelisten und Tickets, gab es kein Vorbeikommen. Gästeliste? Ja schauen Sie doch mal, ich müsste draufstehen… Leider Nein! Deprimierendes Bild der Selbsterniedrigung kennt man ja aus dem Popiversum. Degradiert zum Ausharren und Abwarten vielleicht tut sich ja noch was, wie Teenies vorm Backstage auf einem Mark Forster Konzert.

Hastig wird eine Email ins Handy getippt. Was passiert nun mit all meinen gedanklichen Fragen zu Pop, wie wird der Kleinkunstpreisträger Tretter wohl den Polit-Pop zuspitzen? Aufhänger gäbe es genügend, von Christian Lindner und seiner dominat geführten Außendarstellung, erinnert stark an Instagram-Sternchen oder der kabarettistischen Blaupause Donald Trump. Bis hin zu den Gassenhauern der Polit-Parolen  wie „Fake News“/ „Lügenpresse“, „Systempartei“ und „Deutschland den Deutschen“, durch ständige Wiederholung ins Hirn geschliffen und hängengeblieben.

Da wünscht man sich die Vinyl zurück, die endete wenigstens irgendwann. Aber auch die blieb mal hängen, drehte sich in Dauerschleife bis die Toleranzschwelle des Ertragbaren überschritten wurde und sich endlich einer erhob, um dem Kasten einen Tritt zu verpassen. Wie tritt Tretter nach? Lässt der studierte Germanist Tretter diese Parolen wie einen Refrain eines Popsongs in seinem Programm aufpoppen wie kleine Giftpilze, um sie dann genüsslich im Publikum abzuernten? Welche Dosis an psychoaktiven Sprachmitteln lässt er zu, um sein Publikum zu berauschen, doch noch viel wichtiger, womit holt er sie wieder zurück in die Realität?

An diesem Abend werde ich die möglichen satirischen Sternstunden des Pop-Sternchens nicht mehr erleben. Der Meister des Hauses hat gesprochen, keine Besucherritze mehr frei, auch nicht für den Pressefritzen. Und Tschüß, zurück in die sternenklare Nacht. Klare Kante, ein bisschen unangenehm und ohne erlösende Pointe für mich, so also verwandelt sich Pop in Punk. Wer M. Tretter selbst einmal in seinem „Pop“-Universum erleben möchte, kann dies deutschlandweit bis in den Dezember 2019 hinein. Für noch mehr Tretter wird in der WDR5 Radiosendung Politikum seine Kolumne veröffentlicht.

Alaaf ananassi