What is love?


WAS LIEBE BRAUCHT . . .

Liebe braucht nicht nur Chemie.
Liebe braucht keine Rituale.
Liebe braucht keine Tradition.
Liebe braucht nicht mal Gelegenheit, 
denn Gelegenheit macht Diebe.

Liebe braucht nur zwei Menschen und die Zeit.
Die Zeit, sie macht es möglich und die Liebe regelt. 
Wie finden sich zwei Menschen?
Die gleiche Frage: Warum leben wir? 

Ich glaube, es ist einfach nur das Wunder des Seins.
Das Leben und die Liebe sie tanzen zusammen durch die Zeit.
Bis es sie nicht mehr gibt, nur um irgendwann wieder neu aufzuerstehen. 
Und wenn wir Liebe finden, ist es die wundervollste Art zu sein. 

Die Liebe hat viele Facetten, sie lebt in allem. 
Sie braucht nur jemanden, der sie erkennt. 
Die Gedanken, das Wort, die Musik haben so viele Beschreibungen für Liebe. 
Sie kann alles sein und überall, alles und nichts. 
Nichts kann sie ganz begreifen, nichts fasst sie ganz.
Wie der Wind, ein Hauch, ein Flüstern, eine Brise…

Für mich ist sie das Licht, das Unmögliche, 
das Meine in dir, das Deine in mir. 
Du bist überall, mein Schlüssel zur Zeit. 
Du und ich als Teil der Ewigkeit. 

#thjnk #loved

„Combat et métamorphose d’une femme“


DER.SOZIOLOGISCHE.ROMAN


Weil ich mich in den letzten Monaten im Rahmen eines Seminars mit französischer Literatur des 20. Jahrhunderts beschäftigt habe, stelle ich euch heute einen Autor der Gegenwart vor. Als eine logische Fortführung, denn er steht in der Tradition von Annie Ernaux, Didier Eribon und Pierre Bourdieu. Sie eint der direkte und/oder indirekte autobiografische Roman, mit dessen Hilfe sie Soziologie mit Literatur verbinden. Alle sind Klassenaufsteiger und alle haben somit einen gemeinsamen Ausgangspunkt und doch sind ihre Motive verschieden. Während Ernaux mit ihrem letzten Roman („Die Jahre“) das Gefühl einer ganzen Generation einfangen will, ist Louis sehr viel politischer und versteht seine Literatur als Revolution. Interessanterweise stehen sie an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben, Annie Ernaux blickt auf ihr gelebtes Leben zurück während Louis gerade erst angefangen hat.

Unabhängig davon finde ich die französische Tradition sehr interessant, wonach die Literatur und Soziologie nicht so trennscharf voneinander abgegrenzt werden wie in Deutschland, wo sich die Soziologie als reine Wissenschaft manifestiert hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob manche gesellschaftlichen Gebilde nicht doch in einer literarischen Schrift mehr Wahrheit entfalten können als in der rein wissenschaftlichen Darstellung. Zumindest bietet die Literatur die Möglichkeit soziologische Zusammenhänge, auch außerhalb einer wissenschaftlichen Leserschaft, diese verständlicher zu machen und damit einem größeren Personenkreise näherzubringen. Relevante Themen werden griffiger und interessanter.


DIE GALERIE zeigt eine Kurzbio vom Autor, literarischen und historischen Kontext und eine kurze Inhaltsübersicht des Romans „Freiheit einer Frau“.



INHALT von „Freiheit einer Frau“ (zusammengefasst)


Der Roman beginnt mit einer einleitenden Szene, in der der Ich-Erzähler ein Foto seiner Mutter aus ihrer Jugend von ihr bekommt und sehr von diesem Bild irritiert ist. Denn seine Mutter scheint, darauf glücklich und voller Hoffnung zu sein. Ein Zustand, den er als surreal empfindet, weil der Erzähler realisiert, dass seine Mutter vor seiner Geburt auch mal so etwas wie Glück empfunden haben muss und so erinnert er sich folgend an die Momente seiner Kindheit, die für die Mutter sehr viel Demütigung, Armut und Gewalt bedeuteten.

Im ersten Abschnitt wird die Herkunft seiner Mutter beschrieben. Sie kommt aus prekären aber noch geordneten Verhältnissen, in dieser Arbeiterklasse konnte man sich noch aus eigener Arbeit und Mittel versorgen. Dennoch wird deutlich, welch ein konservatives Rollenverständnis von Mann und Frau dort herrscht, sodass die Frau für Familie und Haushalt und der Mann für die Arbeit zuständig sein soll.

In Abschnitt zwei wird die frühe Beziehung seiner Mutter zu ihrem ersten Mann erzählt, von dem sie ungewollt schwanger wurde. Aus Traditionsbewusstsein wurde bestimmt, dass sie nicht abtreiben darf. In Folge musste sie in einer gewaltvollen und unglücklichen Ehe verharren. Bis zu einem Punkt, an dem Sie es nicht mehr aushielt und den Mut fasste, ihren ersten Mann zu verlassen. Als zweifache alleinerziehende Mutter ohne Ausbildung und ohne finanzielle Mittel war sie auf Unterstützung angewiesen und musste mit ihren Kindern in der Wohnung ihrer Schwester unterkommen.

Weiter schildert der Autor, wie die Mutter bereits nach wenigen Monaten ihren zweiten Mann kennenlernte, der auch gleichzeitig der Vater des Autors und weiterer Zwillinge ist. Die anfängliche Phase der Beziehung beschreibt der Autor als harmonisch und respektvoll für die Mutter. Allerdings veränderte sich das Verhalten des Vaters bereits nach wenigen Jahren und er wurde demütigend und nach einem Arbeitsunfall und der folgenden Erkrankung regelrecht bösartig. Auch in dieser Beziehung erwartete der Mann, dass sie als Frau Haus und Familie versorgen sollte. Die Geburt der Zwillinge war ein weiteres Mal unfreiwillig, da ihr Mann bestimmte, dass sie die Kinder zu gebären hat. Die weitere finanzielle Belastung durch die beiden Kinder und der Tatsache, dass der Vater nicht mehr seiner Arbeit nachgehen konnte, verschärfte die Armut der Familie eklatant, staatliche Unterstützung und auch Essensausgaben bestimmen den Alltag der Familie.

Im weiteren Verlauf der Erzählung zeigt der Autor, wie er es durch Bildung aus seinem herkömmlichen Milieu (Klassenflüchtling) rausschafft und sich so immer mehr von seiner Mutter entfernt, er schämt sich für die Andersartigkeit und Armut seiner Mutter. Er genießt regelrecht, wie er sich verändert in Wissen, Sprache und Verhalten und fühlt sich der Familie gegenüber erhaben, ohne dabei zu bemerken wie auch er seine Mutter damit demütigt.

Als der Erzähler bereits in Paris studiert und lebt beginnt eine allmähliche Annäherung mit seiner Mutter, die sich dadurch verstärkt, dass sie es ein weiteres Mal schafft, sich von ihrem Mann zu trennen, um ein eigenes Leben beginnen zu können ohne Kinder und zunächst auch ohne Mann. Mit diesem Schritt beginnt die Transformation und Emanzipation der Mutter die das Buch beschließt. 


EXTRAS

Die vollständige Präsentation findet ihr hier (google.presentation) mit allen Links zu Interviews und Quellen.

https://docs.google.com/presentation/d/e/2PACX-1vSMJS8qtkfs4lMMAHOdFOeb9Gdbq-35wX3cY2JdGSKF8G0PIcPlxBUcVCAqC-h3A_e66uU1CP9RDq5z/pub?start=false&loop=true&delayms=3000

Gesellschaft nur gemeinsam.


Während der Pandemie und danach haben sich schlaue Menschen gefragt, wie einsam sind junge Menschen heutzutage. Und hat das irgendwelche Relevanz oder Konsequenzen für eine demokratische Gesellschaft. Spoiler: ja hat es!

Einsamkeitserfahrungen haben das Potenzial, die jungen Menschen von der Demokratie zu entfremden und sogar extremistische Denkmuster zu fördern.


Ich habe das Thema mal in einen kurzen Clip zusammengestellt und auf YouTube gepackt.

Das Video basiert auf den Ergebnissen der Studie „Extrem einsam?“ von das „Progressive Zentrum“ und „pollytix research“, die die Studie ausgeführt haben im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche. Die Ergebnisse wurden am 10. Februar 2023 vorgestellt.


Die Studie: https://www.progressives-zentrum.org/wp-content/uploads/2023/02/Kollekt_Studie_Extrem_Einsam_Das-Progressive-Zentrum.pdf

Unter dem Link findet man die komplette Studie zum Nachlesen.

Belarus: Die Belarussische Revolution – made by women! Wie weiblich ist der belarussische Protest von 2020?


Belarus vom Protest zum zivilen Widerstand – Teil 2

Die Demokratisierung eines Staates beinhaltet immer auch eine Entfaltung neuer gesellschaftlicher Werte und Ideale und damit verbunden auch eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Rollenverteilung von Mann und Frau. In Belarus ist das traditionelle sowjetische Rollenverständnis des Patriarchats stark verwurzelt. Das sowjetische Patriarchat ist insofern besonders, als dass er der Frau eine Doppelrolle zukommen lässt. So soll die Frau einerseits materiell abhängig vom Mann sein, zusätzlich aber ihre Arbeitskraft dem Produktionsprozess zur Verfügung stellen. Dabei wurde ihre Arbeitsleistung stets als minderwertiger angesehen und war daher zuerst von Entlassungen bedroht. Anderseits obliegt es den Frauen, die komplette Haushaltsführung und „Care-Arbeit“ der Familie zu übernehmen, womit sie einer Doppelbelastung ausgesetzt waren und sind. Die Ungleichheit der Geschlechter zeigte sich Anfang/Mitte der 1990er Jahre politisch darin, dass lediglich zwei Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen und auch an der Spitze der 46 Staatskomitees und Ministerien lediglich zwei Frauen waren. Diese mangelnde Teilhabe setzte sich auch in der Wirtschaft fort zudem waren 70 Prozent der 80.000 Arbeitslosen Frauen. 

Die sich immer weiter verschlechternde ökonomische Lage des Landes belastete die Frauen sehr, da vor allem Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs beinahe unbezahlbar wurden. Zusätzlich wurden soziale Errungenschaften abgebaut und die Tschernobyl-Katastrophe hatte zur Folge, dass vor allem Kinder, Schwangere und alte Frauen erkrankten. Zu dieser Zeit litten 70 Prozent der Kinder an Immunschwäche und die Missbildungsrate stieg in den stark verseuchten Gebieten um 80 Prozent, in den weniger verseuchten um 30 Prozent. Pathologien, Komplikationen bei Geburten und Säuglingssterblichkeit nahmen zu. Und hinter jedem Fall steht das Schicksal einer Frau, ihr Leid und Schmerz, ihr Leben oder Tod. 

Die Frauen in Belarus hatten sich zu dieser Zeit mit vielen Problemen auseinanderzusetzen und so kam es zu den ersten Frauenbewegungen, die sich vor allem mit der Lösung dieser konkreten Lebensprobleme beschäftigten, anstatt mit der Durchsetzung ihrer eigenen Rechte (Gruschewaja, 1996, S. 99-102). Hunderttausende Frauen organisieren sich in Frauenorganisationen und Selbsthilfegruppen, um die alltäglichen Probleme (Gesundheit, Erziehung, medizinische/materielle und psychologische Hilfe) aus eigener Kraft lösen zu können. Durch ihr Engagement lernen die Frauen, eigenverantwortliches soziales Handeln, gemeinsame Entscheidungen zu treffen und ihre Interessen durchzusetzen. Es beginnt ein Prozess der Partizipation. Insbesondere die Bürgerinitiative „Stiftung Kinder von Tschernobyl“ versucht basierend auf der freiwilligen Arbeit von Frauen (70%) und Männern die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Demokratisierung herbeizuführen. Diese Frauenbewegungen waren also ein erster wichtiger Schritt hin zu einer Zivilgesellschaft, die Selbsthilfe stärkt und so die „Opfermentalität“ überwindet, das Selbstbewusstsein der Frauen fördert und so eine Chance bot, überkommene Geschlechterrollen zu überwinden und die demokratischen Strukturen der Politik und Gesellschaft zu erweitern (Gruschewaja, 1996, S. 104-105). 

Mit der Machtübernahme Lukaschenkas 1994 wurde die Privatisierung gestoppt und er führte das Land zu einem sowjetischen Modell in Kooperation vor allem mit Russland zurück. Seit 2001 konnte auch die Wirtschaft stetig Zuwachs verzeichnen und der Lebensstandard der belarussischen Bevölkerung verbesserte sich. Sie erhielten soziale Absicherungen, gute Renten und Freiheiten, sofern sich diese nicht auf den politischen Sektor bezogen. Dies änderte sich erst als die ökonomische Lage wieder abflaute und sich die Unfähigkeit des Regimes im Corona-Management offenbarte. Die Menschen in Belarus waren wieder auf sich allein gestellt, waren erneut damit konfrontiert, dass sich das System von der Bevölkerung und ihren Interessen abgekoppelt hatte. Die belarussische Bevölkerung hatte sich anders als ihr ewig gestriger Präsident weiterentwickelt und setzte 2020 mit den Protesten und zivilen Widerständen ein revolutionäres Zeichen gegen den Wahlbetrug und gegen das Lukaschenka-Regime. Und wieder waren es die Frauen, denen eine besondere Rolle dabei zu kam. 

Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo sind jene drei Frauen, die sich 2020 politisch gegen Lukaschenka gestellt haben und stellen. Sie sind die Frauen, die stellvertretend für so viele Frauen in Belarus ihre Stimme gegen das Lukaschenka-Regime und für ein demokratischeres Belarus erheben. Drei Frauen, die so unterschiedlich sind werden zu einem Erfolgsteam wohl auch deshalb, weil Sie ihre Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Chance sehen, die jeweiligen Fähigkeiten ergänzend einzusetzen. Einzusetzen für das übergeordnete Ziel der Veränderung, der Modernisierung und Demokratisierung ihres Landes Belarus. Für das Ende von Lukaschenka. Die Besonderheit der Proteste von 2020 war das Ausmaß an Beteiligten und die Ausdauer, die die Belarussen hatten diese fortzuführen, trotz der im Herbst massiv einsetzenden Repressionen. Ein weiterer Punkt, der weltweit für Interesse und Aufmerksamkeit sorgte, war die sehr hohe Präsenz an Frauen bei den Protesten. Frauen wurden gesehen, Frauen wurden gehört. Das System konnte sie nicht mehr überhören und so stellt sich die Frage, welche Bedeutung für den belarussischen Protest kommt den Frauen zu und ist dies der Beginn einer feministischen Bewegung.

Man kann sich nun fragen inwiefern dies überhaupt von Relevanz ist, ob ein Protest bzw. Widerstand eben auch feministisch ist. Dazu lässt sich sagen, dass viele gesellschaftlichen Veränderungen oft mit der Beteiligung von Frauen von statten gingen. Die soziale Frage in Deutschland und die damit verbundenen Arbeiterrechte konnte ohne Frauen nicht gelöst werden. Die Friedensbewegungen beginnend um 1900 wurden vielfach von Frauen mitgetragen. Unser heutiges Verständnis von einer freien und gleichen Gesellschaft wäre wohl ohne die Frauenproteste für das Frauenwahlrecht nicht denkbar. Auch wenn wir heute in der Geschichtsschreibung nur wenig von diesen wichtigen Frauen lesen, da die Erzählungen immer noch einen maskulinen Fokus haben, ist der Wert ihres Engagements und Muts nicht weniger wertvoll oder relevant. Jeder Staat, jedes staatliche Regime hat unterschiedliche politische und kulturelle Voraussetzungen und Entwicklungen und sollte daher unter diesen Voraussetzungen bewertet werden. Innerhalb dieser Systeme bestehen mehr oder weniger ausgeprägte Unterschiede in der Rechteverteilung der Menschen. Dies führt wiederum zu mehr oder weniger erlebter Ungerechtigkeit. Wenn die Ungerechtigkeit ein unerträgliches Ausmaß erlangt, wird sich Widerstand entwickeln, der sich unterschiedlich äußern und entwickeln kann. Manche Regime begünstigen einen schnellen Kurswechsel andere wiederum nicht. Belarus ist Erbe der sozialistischen und totalitären  Staatsführung was Prozesse nur allmählich und teilweise ermöglicht. Insofern kann der Ausbruch der Proteste von 2020 mit der hohen Frauenbeteiligung als ein großer Entwicklungsschritt gedeutet werden.

Die Ursachen für die Proteste in Belarus 2020 sind vielfältig lassen sich aber auf eine immer größer werdende Disbalance zwischen dem Staatsregime ohne Möglichkeiten zur Entwicklung und der sich immer weiter modernisierenden Gesellschaft zurückführen, die zu einer offenen Konfrontation und Mobilisierung geführt haben. Diesen Trend verstärkt und ausgelöst haben insbesondere die Versuche einer „vertieften Integration mit Russland 2019“ und das fehlende Management der Covid-19-Krise (Shelest 2020, S. 3 auch Douglas, 2020, S. 15). Blickt man auf die Teilnehmenden an den Protesten, so wird deutlich, dass hier Männer wie Frauen beinahe  gleichgewichtig aktiv waren. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe sind jene Menschen aus der Mittelschicht, die sich in den zehn Jahren zuvor nicht politisch engagiert hatten, da sie es entweder direkt vermieden hatten in der Politik sichtbar zu sein oder es für schlicht weg überflüssig hielten. Diese Sichtweise änderte sich jedoch, als das Regime aussichtsreiche Gegenkandidaten die Registrierung verweigerte oder aus dem Weg schaffen ließ. Anders als erwartet, bewirkten diese Maßnahmen eine Solidarisierung und Vereinigung der Wahlkampfstäbe und zur Gründung des „Frauen-Triumvirats“ deren Anhänger zwar aus unterschiedlichen Bevölkerungsteilen kamen, sich aber dennoch zu einer gemeinsamen Kraft zusammenschlossen aus der Wählerschaft von Zapkala, Babaryka und Tichanouskaj (Shelest, 2020, S. 3). 

Es sollten dann ihre Frauen sein, die nicht jede für sich allein, sondern zusammen im Trio ihre wahre Stärke ausspielten. Swetlana Tichanowskaja, Englischlehrerin, zweifache Mutter und Hausfrau dann Präsidentschaftskandidatin und heute Politikerin im Exil, Maria Kolesnikowa, Flötistin, kinderlos dann Wahlkampfmanagerin und heute in Haft mit ungewissem Strafmaß und Veronika Zepkalo, IT-Managerin bei Microsoft, zweifache Mutter, Aktivistin und heute im Exil wurden zum Symbol der Hoffnungen und Veränderung einer ganzen Nation. Schon beginnend mit der Corona-Krise solidarisierten sich die Menschen und insbesondere Frauen, um das Versagen des Regimes auszugleichen. Sie organisierten sich in der Nachbarschaft, unterstützten hilfebedürftige Kranke und organisierten Gelder und Mittel für medizinische Einrichtungen und Personal. 

Insofern ähnelt diese gemeinsame Leistung während der Corona-Krise sehr den Vereinen und Selbsthilfegruppen in den 1990er Jahren. Beide Male geht es um den Schutz des Privaten der Familien und Angehörigen. Und auch das öffentliche Bild der Proteste wurde mit andauernder Zeit immer weiblicher. Manche Beobachter meinen, dass die Medien die Frauen für ihre Zwecke instrumentalisieren, da sich mit dem Bild einer schönen Frau, die Artikel und Beiträge noch besser vermarkten ließen. Allerdings ist dies nur ein verzerrtes Bild der Realität, da es die Frauen waren, die die Funktionsweise moderner Medien sehr wohl verstanden und für sich zu nutzen wussten. Kampagnen wurden gestartet und Netzwerke wie „Die Frauen von Belarus“ oder „Girlpower Belarus“ aufgebaut und wirkmächtige Symbole geschaffen, wie das weiße Armband das tausende von Menschen mit einer gleichen Vision und Hoffnung für einander sichtbar machte. Die Frauen auf den Protesten trugen weiße Kleider, da die Omon-Polizisten Schwarz trugen und so schufen sie das Bild der Dunkelheit und Gewalt auf der einen und Licht und Hoffnung auf der anderen Seite. 

In einem entscheidenden Moment der Protestbewegung zwei Tage nach der gefälschten Wahl, als der Protest drohte sich zu radikalisieren, indem sich die Moderaten zurückzogen, traten die Frauen hinzu und eine Radikalisierung blieb tatsächlich aus. Trotz der staatlichen Gewalt, Verfolgung und Repressionen blieb es verhaltensmäßig friedlich. In den folgenden Wochen kamen Hunderttausende auf die Straßen und die Frauen spielten als eine Art „Feuerwehr“ eine entscheidende Rolle in den Protesten (Bota, 2021, S. 101-111). Welche Aufmerksamkeit die Frauen beim Regime entfalteten, lässt ich auch daran messen, wie die staatliche Propaganda auf den Erfolg von Tichanowskaja ihren Unterstützerinnen und den protestierenden Frauen und Aktivistinnen reagierte. Sie wurden aufs übelste diffamiert, beleidigt und ihrer politischen Fähigkeiten abgesprochen. An den Demonstrationen beteiligte Frauen waren „schlechte Mütter“ und „Schlampen“. Die Proteste wurden als „Damenbinden-Revolution“ abgetan. Womit männliche Teilnehmer lächerlich und weibliche Teilnehmerinnen öffentlich abgewartet und beschämt werden sollten (Ganzer, 2020). 

Irina Solomatina ist Leiterin der NGO „Arbeitende Frauen“ und kämpft seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung der Frauen in Belarus. Sie sieht die Rolle des Frauen-Trios um Tichanowskaja als vorangehende Feministinnen kritisch und wirft ihnen vor, lediglich jene Rollen einzunehmen, die Männer für sie vorgesehen hatten und so die alte Rollenverteilung fortsetzen. So haben sie nie öffentlich das Leben der belarussischen Frauen thematisiert oder Frauenrechte gefordert. Damit sind sie in den Augen von Solomatina kein Ausdruck von Feminismus, sondern lediglich Komplizinnen des Patriarchats. Untermalt wird Solomatinas Einschätzung durch öffentliche Aussagen von Tichanowskaja sie wolle so schnell wie möglich wieder an den Herd zurück, da es die Männer sind, die das politische Programm hätten, womit sie vielen emanzipierten Frauen vor den Kopf stieß (Bota, 2021, S. 112-113). 

Die Doppelbelastung der aktiv gegen Lukaschenka protestierenden Frauen hält an. Bis zu vier Stunden täglich engagieren sich Frauen für den Protest und tragen zusätzlich die Belastung von Versorgung der Familie, Arbeit und Haushalt. Auch die beschwichtigende Wirkung der Frauen auf den Protest schwand im Herbst 2020, als rohe Gewalt über alle hereinbrach, alle werden verhaftet, misshandelt und erniedrigt. Eine Online-Befragung der Soziologin Olga Onuch ergab zudem, dass sich unter den Protestierenden das traditionelle Rollenverständnis nicht wesentlich veränderte und insofern Solomatinas Annahme stützt, dass sich durch die Protestbewegung nicht grundsätzlich etwas an dem Verständnis von Mann und Frau ändern würde (Bota, 2021, S. 115-116).  

Ein weiterer Einwand, der nicht unmittelbar für die Relevanz der Frauen an den Protesten und deren Auswirkungen spricht ist, dass die wesentliche mobilisierende Kraft die staatlich ausgeübte Gewalt war. So haben die Menschen ein Grundbedürfnis nach menschlicher Würde, die vom Staat geachtet werden muss und in deren Zusammenhang als soziale Kategorie Werte wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit stehen. Wird ihnen mittels dreister Lügen das Ergebnis ihrer eigenen Wahl aberkannt und ist die Konsequenz der darauf folgenden friedlichen Proteste rohe Gewalt, so formiert sich Widerstand und die Bevölkerung stellt sich gegen das System. Als Folgestaat der Sowjetunion existiert in Belarus ein Sozialvertrag, der ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft fördert, da viele Menschen für den Erhalt ihres Lebensunterhalts oder -standards vom Staatssektor abhängig sind. Doch gerade in ökonomischer Hinsicht hat sich das Bild in Belarus verändert, sodass viele Bürger und Bürgerinnen erfolgreich in der freien Wirtschaft arbeiten und nicht mehr in dem Maße an den Staat gebunden sind. Sie erwarten, dass der Staat vorrangig ihre Bürgerrechte und Autonomie achtet. Die verstärkte Teilnahme dieser „Neuen Klasse“ an der belarussischen Revolution und deren Forderung nach der Wahrung der Würde, macht deutlich, dass der alte Gesellschaftsvertrag bröckelt und die Menschen ein neues Verständnis von Staatsbürgertum entwickelt haben (Gapova, 2020, S. 216-219).

Resümee

Gegen Solomatinas These lässt sich anführen, dass die Frauen zu politischen Akteuren wurden, die gehört und zu einer echten Alternative wurden. Sie kämpften zum ersten mal sichtbar und solidarisch miteinander in der Öffentlichkeit für die Demokratie. Frauen erlebten eine überwältigende Selbstermächtigung, die Verantwortung als politisches Subjekt und die Macht eines weiblichen Kollektivs. Diese Errungenschaften sind sicher nicht durchgehend aus einem anfänglichen feministischen Verständnis der Frauen heraus entstanden, aber die Frauen durchlaufen einen Prozess, sie wachen auf und erkennen ihre Chance, die Lage in ihrem Land verändern zu können. 

Anna: „Einige meiner Freunde gingen 2010 und 2015 protestieren. Aber ich nicht. Das ist unser gesellschaftliches Elend: Wir verstehen nicht, dass wir die Politik sind, dass uns das alles etwas angeht. Wir haben keine politische Bildung, aber unsere Kinder werden sie dank uns hoffentlich haben.“ (Bota, 2021, S. 118).

Man kann anführen, dass sich das traditionelle Rollenverständnis der Protestierenden kaum verändert oder die anfängliche Motivation der Frauen nicht darin bestand, das Regime zu stürzen. Allerdings sollte man auch anerkennen, dass sich diese Proteste im Rahmen einer starren Diktatur entwickelten und man sicher andere Massstäbe ansetzen muss als man dies für weniger autoritäre Staaten oder erst recht Demokratien tun würde. Die dysfunktionale Staat-Gesellschaft-Beziehung beruht auf einer in Belarus noch stark ausgeprägten Abhängigkeit der Gesellschaft vom Staat. Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag stellt den Rahmen für dieses Verhältnis, in dem die Menschen eine lange Zeit die Einschränkungen ihrer politischen Freiheiten und Partizipation zugunsten eines funktionierenden Wohlfahrtsstaates und Sicherheit akzeptierten (vgl. Douglas, 2020, S. 15).

Vergleicht man Proteste aus der Geschichte von Frauen in ähnlichen staatlichen Strukturen wie beispielsweise in Südafrika die weißen Frauen der „Schwarzen Schärpe“, die friedlich gegen die Apartheid kämpften oder die „Frauen für den Frieden“ in der DDR, die sich schwarze Kleider anzogen und untergehakt zur Post liefen, um ihre Wehrdienstverweigerung einzuwerfen oder auch die „Damen in Weiß“, die sich für die Freilassung von politisch Inhaftierten in Kuba einsetzten. All diese Frauen hatten nicht vorrangig das Ziel, das System zu stürzen aber ihre Taten blieben nicht ungesehen und hatten einen Anteil daran, wenn ein System zerbrach oder zumindest Risse bekam. Und in dessen Folge kann der Massenprotest der Frauen in Belarus als ein Beginn einer politischen und feministischen Bewegung betrachtet werden (Bora, 2021, S.116-117). Am Beispiel von Tichanowskaja ließ sich in aller Öffentlichkeit mitverfolgen, wie sie als Frau eine Entwicklung durchgemacht einen Prozess durchlaufen hat. Eine Frau, die zunächst nur dachte, sie würde eine Weile lediglich stellvertretend die Rolle ihres Mannes einnehmen. Dann aber aufgrund ihres Fleißes, ihrer Intelligenz, wachsenden Verantwortungsgefühls und Selbstvertrauens sich auch zunehmend in ihrer Rolle als Verfechterin ihres Landes verstand. Diesen Prozess konnten alle mitverfolgen und gerade für Frauen stellt dies einen wesentlichen Mehrwert dar, ist sie doch so zu einem Vorbild geworden ist, das zeigt, auch eine vermeintlich „einfache“ Hausfrau, wie es sie sicherlich viele geben wird, kann in Bereichen tätig sein, die bisher vor allem von Männern dominiert waren. Tichanowskaja hat vor den Augen der Öffentlichkeit ihren vollwertigen Status als Bürgerin erkannt, lehnt sich gegen das Regime auf und formuliert ihren politischen Willen mit Nachdruck. 

Anna: „Wir haben gezeigt, wie absurd das Vorgehen des Staates ist, indem wir friedlich geblieben sind. Ich möchte die Revolution nicht aufteilen in weiblich und männlich. Es ist eine gemeinsame Revolution. Aber sie hat ein weibliches Gesicht.“ (Bota, 2021. S. 119)

Die Bedeutung der Frauen ist wohl insofern eine Besonderheit des Protestes im Jahr 2020, da die Frauen bisher eine untergeordnete bis keine politische Rolle im Patriarchat Lukaschenkas spielten und nun radikal sichtbar wurden und ihre Verantwortung massiv wahrnahmen und Widerstand leisteten. Sie traten nicht vorrangig als Feministinnen auf, die Frauenrechte forderten, sondern sie reklamierten ihre Bürgerrechte. Ihre abgegebenen Stimmen sollten gezählt werden und niemand sich Repressionen ausgesetzt sehen. Sie waren das schlafende politische, gesellschaftliche Potenzial, das nun geweckt wurde. Es lässt sich also feststellen, dass  alle Belarussen männlich wie weiblich sich im Jahr 2020 politisiert haben. Doch die Frauen noch ein bisschen mehr. Verstanden sich die Männer bereits vorher als Staatsbürger und waren Systemverdrossen, so entdeckten die Frauen ebenfalls ihre nicht nur hypothetische Staatsbürgerinnenfunktion und wurden aktiv. Sie holten sozusagen Strecke auf und haben sich mit den Männern auf eine gleichberechtigte Ebene gesetzt. 

Als eine der Hauptursachen für den vehementen Widerstand lässt sich sicher die staatliche Demonstration von enormen Repressionen der rohen Gewalt gegen alle anführen. Diese Gewalt des Regimes am eigenen Volk löste eine kollektive Erfahrung aus, die nach der gemeinsam erlebten Corona-Krise das belarussische Volk einte und solidarisierte. In diesen Zusammenhang spricht man auch von einem Erwachen des „belarussischen“ Bürgers und der Bürgerin im Gefangenentransporters, als eine Art Volkswerdung. Das diese Gewalt so als Kollektiv gesehen und erlebt wurde, ist zum großen Teil auch den Frauen zu verdanken, die sich friedlich engagierten, Symbole verbreiteten, die Proteste dokumentierten diesen ein Gesicht gaben und so alle dazu ermutigten, sich zu Hunderttausenden in den Straßen wiederzufinden. Proteste brauchen Ikonen und Identifikationen. Dies beweist auch der immer noch anhaltende Protest im Iran, hier sind es auch die Frauen, die dem Widerstand ein Gesicht geben. Es ist das Abschneiden der Haare, das Nichttragen des Schleiers, was die meiste  Symbolkraft auslöst. Es ist der offene Ungehorsam derer, die am meisten unter dem diktatorischen System leiden müssen bzw. denen am wenigsten Rechte zustehen. Wenn sich diese Frauen mutig dem entgegenstehen, ist dies ein Empowerment für alle anderen Gesellschaftsmitglieder, Männer wie Frauen. Die Regimeveränderung in Belarus wird also nur mit den Frauen gelingen können. Sie müssen sich weiterhin als emanzipierte Bürgerinnen verstehen, die für ihre Rechte einstehen und diese einfordern. Ungehorsam denen gegenüber sein, die sie nur in der Rolle als Mutter, Hausfrau und Partnerin eines Mannes sehen wollen. Ein Selbstverständnis dafür entwickeln, dass Politik veränderbar ist, das vor allem der Status des Bürgers und der Bürgerin nicht an ein Geschlecht oder sozialen Stand gebunden ist. 


Literatur

Bota, Alice (2021): „Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit“, Berlin Verlag, Berlin/München

Douglas, Nadja (2020): „Die Loyalität des belarussischen Sicherheitsapparats bröckelt (noch) nicht“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Berlin

Gapova, Elena (2020): „Mobilisierung in Belarus – Klasse, Staatsbürgerschaft, Gender“ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 215-221

Ganzer, Christian (2020): „Alles Prostituierte und Faschisten – Diffamierung der Proteste in Belarus auf Telegram “ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 205-214

Gruschewaja, Irina (1996): „Frauenbewegung in Belarus“ in: Frauenbewegung und Frauenpolitik in Osteuropa/Lemke, Penrose, Ruppert (Hg.), Campus Verlag, Frankfurt/New York

Shelest, Oksana (2020): „Revolution in Belarus – Faktoren und Werteorientierungen“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Minsk


Ida Altmann-Bronn (1862-1935)

Frauengeschichte aus der Moderne / Teil 2

Ida ist die erste hauptamtliche Frauensekretärin des erstmals 1905 errichteten sozialdemokratisch zentralen Arbeiterinnensekretariats in Berlin. 

Als Gewerkschafterin kämpft sie gegen alle Widerstände für soziale Gerechtigkeit. Durch ihre Arbeit erreicht sie, dass die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder erheblich steigt. 

Sie ist Teil der proletarischen Frauenbewegung und schafft es, Frauen zu politisieren, sodass sie aktiv an der Politik teilnehmen. Ihr Aktionismus ist bedeutend für die Verbindung der politischen Linke mit dem Feminismus.

Hintergrund 

Die Berliner Streikbewegung Ende der 1890er Jahre führte zur Gründung einer Streikkommission am 12. Mai 1890. Diese wurde zum Vorläufer der ersten Gewerkschaftskommission. Ida arbeitete seit 1891 in der Berliner Frauenbewegung. Sie befasste sich mit Clara Zetkins Ideen zur Stärkung der Frauen und machte diese zur Grundlage ihrer gewerkschaftlichen Frauenarbeit. Demnach sind Frauen durch die Berufsarbeit den Männern gleichgestellt. Diese Gleichheit wird aber durch die kapitalistischen Produktionsbedingungen in Verbindung mit einem traditionellen Rollenverständnis zur Ungleichheit. Zudem erschwerte das preußische Versammlungs- und Vereinsgesetz von 1850 den Frauen ihre politische Teilhabe. Um die Interessen der Arbeiterinnen wahren zu können, brauchte es eine gute Arbeiterinnenorganisation. Dafür wurden Agitationskommissionen gegründet und Vertrauenspersonen bestimmt, die politische und gewerkschaftliche Aufklärungsarbeit leisten sollten. Ein Erfolg Idas Arbeit war die Steigerung der Gewerkschaftsmitgliederinnen von 74.411 im Jahr 1905 auf 138.443 Frauen im Jahr 1908.

Historische Quelle

„Es gibt Sozialisten, die der Ermächtigung der Frauen nicht weniger abgeneigt gegenüberstehen wie der Kapitalist dem Sozialismus. Die abhängige Stellung des Arbeiters vom Kapitalisten begreift jeder Sozialist, und er wundert sich, dass andere, vor allem der Kapitalist, sie nicht begreifen wollen. Aber die Abhängigkeit der Frau vom Manne begreift er manchmal nicht, weil sein eigenes liebes Ich ein wenig dabei in Frage gestellt wird. Das Bestreben, wirkliche und vermeintliche Interessen, die dann immer unfehlbar und unantastbare sind, zu wahren, macht die Menschen so blind.“ (August Bebel: „Die Frau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, Zürich 1883, S. 96/Quelle wurde zur besseren Verständlichkeit leicht vereinfacht.)

Ideen zur Weiterarbeit

Nenne 3 Beschränkungen für Vereine und politische Versammlungen, die der § 8 des Preußischen Versammlungs- und Vereinsgesetz von 1850 beinhaltet, lese dazu Quelle 4a/§ 8 unter folgendem Link: https://www.jura.uni-muenchen.de/pub-dokumente/202001/20200113170943.pdf.

Am 15. Mai 1908 trat das neue Reichsvereinsgesetz in Kraft, lese den Text unter folgendem Link: https://www.deutschlandfunk.de/ein-schritt-zur-gleichberechtigung-100.html und erkläre warum dies ein erster wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen war.

Lese die Quelle und beurteile wie wichtig August Bebel die Solidarität der Arbeiter mit den Arbeiterinnen war, warum sie sich so schwer damit taten und begründe dies. 

Quellen und Literatur: Losseff-Tillmanns, Gisela (2015): “Ida Altmann-Bronn 1862-1935: Lebensgeschichte einer sozialdemokratischen, freidenkerischen Gewerkschafterin – eine Spurensuche“ in: Reihe – Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Band 182, Nomos, Baden-Baden; Losseff-Tillmanns, Gisela (2016): „Ida Altmann-Bronn (1862-1935)“ in: Arbeit, Bewegung, Geschichte, 15. Jg., September, Metropol, Berlin, S. 126-144; Wedel, Gudrun (2010): „Autobiografien von Frauen – ein Lexikon“, Böhlau Verlag, Köln; 

Bildquelle: Digitalbibliothek der Friedrich Ebert Stiftung unter https://library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=190708b&f=113&l=144 (zuletzt abgerufen am 25.8.24)

Aus History wird Herstory

Frauengeschichten aus der Moderne

Geschichte eins

Anita Augspurg (1857-1943) 

Als erste deutsche Juristin kämpft Anita Augspurg für die Realisierung der Frauenrechte.

Sie wächst im Wilhelminischen Kaiserreich auf und ist mit dem Patriotismus und Militarismus dieser Zeit konfrontiert. Anita lebt mit ihrer Partnerin Lida Gustava Heymann zusammen und passt so auch privat nicht in die für sie vorgesehene Frauenrolle.

Neben ihrem Kampf für Frauenrechte glaubt sie daran, dass es Frieden nur mit und über Frauen gibt. Daher ist sie überzeugte Pazifistin und hat eine Führungsrolle in der Münchner Frauenfriedensbewegung. 

Anita war politische Aktivistin, sie organisierte Proteste und leitete Frauenrechtsvereine. Als Journalistin und Publizistin verfolgte sie die Frauenfrage und forderte, dass alle Bildungsanstalten auch für Frauen geöffnet werden sollten. Sie erkannte, die Emanzipation der Frauen war nicht allein durch Bildung zu erreichen, sondern erst durch verbürgte Rechte. Mit ihrem Abschluss 1897 wurde Anita zur ersten deutschen Juristin. So forderte sie die rechtliche Gleichstellung der Frau im Zivil-, Straf- und Zivilrecht. Die Ausarbeitung des BGB empfand sie als Fortführung der rechtlosen Stellung von Frauen und Kindern. Im Wilhelminischen Deutschland waren Militarismus und Patriotismus sehr bedeutsam. Das Nationalgefühl wurde durch ein Großmachtgefühl gespeist, die Armee galt als „die Schule der Nation“. Pazifismus hingegen galt als unmännlich und schwach. Die dazu passende Frauenrolle war von Opferbereitschaft geprägt. Die Frau sollte sich in den Dienst des Mannes und Vaterlandes stellen. Für Anita war der Pazifismus in den Frauen angelegt und Frieden und Frauenstimmrecht gehörten zusammen.

Historische Quelle

„Friedensbewegung und Frauenstimmrecht – das eine Voraussetzung des Zieles der andern! Wenn diese Erkenntnis zu allen gedrungen sein wird, die den Frieden wollen, sind wir seiner dauernden Herrschaft näher. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die Summen gestrichen werden, welche die Bewaffnung der Völker so unfruchtbar verschlingt. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die Regierungen zur Rechenschaft gezwungen werden, über gewissenlose Kriegshetze und verbrecherische Diplomatenränke. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die ethischen Forderungen, denen sie Lebensführung der Einzelnen und der Gesellschaft unterworfen sein soll, auch im Verkehr der Völker Herrschaft erringen.“ (Anita Augsburg „Friede auf Erden!“ (1913) zitiert nach Kinnebrock, S. 385)

Aufgaben / Ideen zur Weiterarbeit

Lese die Quelle mit Anitas Aussage und beschreibe 3 Punkte, warum nach ihrer Meinung die Friedensbewegung mit dem Frauenstimmrecht zusammenhängt. Was ändert sich wenn die Frauen in den Parlamenten sitzen?

Anita wird als eine von „Bertha von Suttner`s spirituellen Töchtern“ bezeichnet. Erkläre wie man zu dieser Annahme kam. Nutze dazu folgenden Text: https://www.deutschlandfunk.de/bertha-von-suttner-unermuedliche-kaempferin-fuer-den-100.html

Höre den Beitrag https://www.bremenzwei.de/audios/anita-augspurg-106.html und beurteile inwiefern Anita einen modernen Lebensstil führte, für welche Schwierigkeiten das damals sorgen konnte und begründe dies?

Quellen und Literatur: Kulturreferat (2014): “Die Geschichte der Frauenbewegung in München”, 3. Ausgabe, München; Kinnebrock, Susanne (2005): „Anita Augspurg (1857-1943) - Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik“ in: Frauen in Geschichte und Gesellschaft, Kuhn Annette/Rothe Valentine (Hrsg.) Band 39, Centaurus Verlag, S. 86-385; Schmidt-Thome (2018): „Sozial bis Radikal. Politische Müncherinnen im Porträt“, Allitera Verlag, München;

SEXUALETHIK IN DEN MEDIEN


EINE KURZE ZEITGESCHICHTE


Nomen und Werte verändern sich durch Diskurse. Indem bestimmte Themen wie zB Homosexualität aus der Tabuisierung gehoben werden, werden sie sichtbar und die Menschen sprechen darüber. Ein darauffolgenden Diskurs ermöglicht es, Werte und Normen anzupassen und erlauben eine Schrittweise Angleichung an die Realität.

Der aufkommende Kinofilm schuf 1919 den ersten Skandal mit einem Plädoyer für die Entkriminalisierung der Homosexualität das „Anders als die Andern“ (D, 1919, Regie: Richard Oswald). Der Film führte zu äußerster Empörung bei konservativen Politikern und Presse. Er wurde als „unsittlich und moralisch dekadent“ betitelt. In Folge wurde 1920 das erste Reichslichtspielgesetz (Vorläufer des Jugendschutzgesetzes) verabschiedet, es ermöglichte ein generelles Verbot von Filmen. Im gleichen Jahr wurde der Film „Anders als die Andern“ verboten, sämtliche Kopien wurden eingezogen und vernichtet.

Nicht nur in Deutschland unterlagen Filme, die sich für sexuelle Freiheit einsetzten, staatlichen Zensurbeschränkungen oder der Selbstkontrolle, auch in den USA verpflichteten sich Produzentinnen und Filmverleihe zur Einhaltung des Production Codes. Dieser wurde 1930 entwickelt, um Zensurbestimmungen aus dem Weg zu gehen. Als wichtigste von sieben Regeln galt es, Obszönität in allen Formen zu verbieten. Dazu wurde auch die Darstellung oder gar Rechtfertigung gleichgeschlechtlicher Lebensformen angesehen. Da der Anteil an toleranten und homosexuellen Menschen unter den KünstlernInnen und Filmschaffenden sehr hoch war, gab es zahlreiche heimliche Versuche, sich in Filmen für Toleranz einzusetzen, ohne offen gegen den Haus-Code zu verstoßen. Der Spielfilm „Celluloid Closet – gefangen in der Traumfabrik“ (USA 1995, Regie: Rob Epstein und Jeffrey Friedman) stellt diese Ambivalenz Hollywoods dar. 

Der Dokumentarfilm im Auftrag des WDR „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (D, 1971, Regie: Rosa von Praunheim) führte zur Gründung zahlreicher Homosexuelleninitiativen. Der Film wurde 1970 produziert und wurde nach vielen Kontroversen 1972 im WDR gesendet. Nur der Bayerische Rundfunk beteiligte sich nicht an seiner Erstausstrahlung in der ARD 1973.

Ähnliches vollzog sich auch im Kontext des Filmes „Die Konsequenz“ von Bernd Eichinger. Auch hier fand die Erstausstrahlung in der ARD am 8. November 1977 ohne den Bayerischen Rundfunk statt, da dieser den Inhalt als zu brisant empfand. Dennoch war die gesellschaftliche Stimmung mittlerweile so weit entspannt, dass der Film 1977 den renommierten Grimmepreis und 1978 den Deutschen Kritikerpreis erhielt. 

Mit seinem Auftritt in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ 1991 trat Rosa von Praunheim erneut in den öffentlichen Fokus, indem er Alfred Biolek und Hape Kerkeling als homosexuell outete. Dies war und ist sehr umstritten, passierte das Outing doch ohne das Wissen der Betroffenen. Praunheim hingegen war und ist der Meinung, dass die Veröffentlichung die Akzeptanz von Homosexuellen fördere, da die Betroffenen durch ihre Bekanntheit mehr akzeptiert würden.

Klaus Wowereits „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, diese sympathische, offensive und amüsante Aussage wurde in den Medien damals gerne vielfach zitiert und ist im Gedächtnis der Öffentlichkeit geblieben. Es stellt einen Meilenstein in der öffentlichen Akzeptanz homosexueller PolitikerInnen dar. Dieses Beispiel zeigt, wie nicht nur Medien zur Veränderung der Sexualethik beitragen, sondern auch Personen des öffentlichen Lebens, die über die Medien präsent sind. Seit dem Coming-Out des Berliner Bürgermeisters ist ein homosexueller Bürgermeister oder Bundesinnenminister nichts Außergewöhnliches mehr. 


Literatur:

Joachim von Gottberg (2017): “Plurale Medien leisten ein Plädoyer für sexuelle Selbstbestimmung” in:

Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien, Voß, Katzer (Hrsg.),

Psychosozial-Verlag.

Für den Abend ein wenig Poesie…

Tränen träumen nicht

Ich weiß nicht mehr weiter.

Ich kann nicht mehr.

Ich fühle nichts mehr nur noch Abgrund.

Egal wohin ich mich drehe, wohin mein Blick geht.

Ich möchte fliehen, einfach nur noch weg sein.

Aus jeder Situation fliehen, jeder Moment eine Qual.

Nachts jagen mich die Bilder die Dämonen holen mich ein.

Dämonen quälen mich.
Meine Angst führt Regie, meine Fantasie ist ihr Drehbuch.

Nichts gibt mir halt, alles nur noch ein einziges Schauspiel 

eine Fassade der inneren Hoffnungslosigkeit.

Ich möchte gehen irgendwohin, wohin?

Nichts mehr sein, einfach sein. 

Kein Mensch mehr den ich sehen kann, alle nur noch Statisten. 

Niemand gibt mir was, wie leere Hüllen verpufft ihr Leben in meinem Inneren. 

Ich lebe und doch zieht es nur an mir vorbei. 

Momentaufnahmen sind manchmal ziemlich traurig. Gehören aber dennoch zum Leben dazu. Ohne sie sind wir nicht komplett, daher nehmt sie an und lasst sie damit wieder vorüberziehen.

Belarus vom Protest zum zivilen Widerstand Teil I

Manche sagen, dass erst durch die kollektiven Erfahrungen der Proteste und der gewaltsamen Niederschlagung das belarusische Volk geboren wurde. Bildhaft und eindringlich hat Anna Red’ko dies in ihren Bildern „Die Geburt des Bürgers im Bauch des Gefangenentransporters“ dargestellt.

Stellen Sie sich das Jahr 2020 vor, zurück in das Jahr, das alles veränderte. Es werden viele Bilder in
Ihrem Kopf auftauchen und ja ich weiß kein schönes Jahr, wir alle waren konfrontiert mit allerlei
Umbrüchen und Veränderungen, in Belarus jedoch traf es die Menschen noch ein bisschen mehr.
Erinnern Sie sich an die unzähligen Menschen, die friedlich zu Tausenden auf die Straße gingen und
wie gewaltsam Sie daran gehindert wurden. Erinnern Sie sich an die Bilder der Proteste des
belarusischen Widerstands aus dem Sommer des Jahres 2020. Kurze Trigger-Warnung, manche Teile
dieser Erinnerungen enthalten Szenen von Gewalt.


Also worum geht’s?
Am 5. Mai bestimmt das offizielle Wahl-Komitee, dass am 9. August 2020 die Wahl des Präsidenten
stattfinden soll. Inmitten der Unsicherheiten und Gefährdungen der Coronapandemie.
Hierbei rechnet die Lukashenka Regierung damit, dass er auch dieses fünfte Mal in Folge ohne
großen Widerstand wiedergewählt wird. Doch schon im Vorwahlzeitraum, während des
Wahlkampfes zeichnet sich ab, dieses Mal könnte alles anders sein, denn bereits hier kommen an die
130.000 Menschen zusammen und 1300 Personen werden festgenommen. Die fünf bekanntesten
Kandidaten (alles Männer) gegen den Amtsinhaber werden von der Wahlkommission nicht
zugelassen. Hervorzuheben ist hier Sjarhej Cichanouskij, der schnell mit seiner Kampagne “Stop the
Cockroach” populär wurde. Nach seiner Inhaftierung beschließt seine Frau Svjatlana Cichanouskaja
zur Wahl anzutreten und wird auch zugelassen. Ihr wurde vermutlich nicht zugetraut, dass sie die
Menschen als harmlose Hausfrau, ohne politische Erfahrung, die zuvor als Lehrerin gearbeitet hatte,
so erfolgreich mobilisieren könnte.
Doch sie wurde unterstützt von Veranika Capkala und Maryja Kalesnikava, die Koordinatorin des
Wahlkampfteams von Viktar Barbaryka war. Mit dieser Kooperation und gemeinsamen
Anstrengungen vereinen diese drei Frauen viele Stimmen und werden zu Hoffnungsträgerinnen für
Veränderung und zur echten Herausforderung für Lukashenka. Sehr wahrscheinlich auch deshalb,
weil sie gerade nicht im herkömmlichen Sinne als Oppositionelle wahrgenommen wurden und somit
als viel glaubwürdigere und würdigere Anwärter angesehen wurden. Am Wahltag werden
unabhängige Wahlbeobachter nicht in die Wahllokale gelassen – ca. 3000 Menschen werden
festgenommen.
Das offizielle Wahlergebnis lautet: Lukashenka erhält 80,1 % und Cichanouskaja 10,1 % der Stimmen.
Nach unabhängigen Wahlbeobachterinitiativen wie “Golos”, die 22% der Wahllokale auswerten
konnten kam Lukashenka nicht auf die Mehrheit der Stimmen, sondern Cichanouskaja hätte die
Wahl gewonnen. Sie konnten ferner für 1/3 der ausgewerteten Lokale Wahlfälschungen
dokumentieren. Am 6.11.20 legt die OSZE einen Untersuchungsbericht vor, der “überwältigende
Beweise für Wahlfälschung” bestätigt und schlägt die Annullierung und Wiederholung der Wahl
unter internationaler Beobachtung vor.


Wie ging es nach der Wahl weiter?
Nach der Wahl folgten drei besondere Tage der vorrangig friedlichen Kundgebungen gegen die
Wahlmanipulationen in Minsk und anderen Städten und Regionen des Landes. Die Polizei und
Sicherheitskräfte dagegen gingen mit Wasserwerfern, Blendgranaten und Hartgummigeschossen
hart gegen die Demonstranten vor. Nach amtlichen Angaben werden 3700 Menschen innerhalb
dieses Zeitraums festgenommen, viele werden in Transportern oder Haftanstalten misshandelt. 3
Demonstranten starben, 200 Personen werden ins Krankenhaus eingeliefert. Am 11.8. wird Svjatlana
Cichanouskaja verhaftet und zur Ausreise nach Litauen gezwungen.


Welche Dimensionen erreichte der Protest?
An der aktiven Konfrontation gegen das bestehende Regime sind Angehörige aller Generationen,
aller Sektoren, verschiedener Berufsstände und sozialer Schichten beteiligt. Es besteht annäherndes
Geschlechtsgleichgewicht, es waren also ungefähr genauso viel Männer wie Frauen bei den
Protesten vertreten. Alle Altersgruppen waren beteiligt, doch die Gruppe zwischen 20-45
überwiegte. Der private Sektor und neue Beschäftigungsformen (Freiberufler, Selbstständige)
überwiegten mit 1/3 derjenigen, die sich an den Protesten beteiligten. Die Demonstrationen waren
gleich verteilt die Hälfte der Protest-Aktivitäten fiel auf Minsk einerseits und die andere Hälfte auf
die Regionen des Landes(50:50) andererseits. Weiter kamen mehr Menschen mit höherer Bildung.
Svjatlana Cichanouskaja kündigt die Bildung eines Koordinationsrates an, der die friedliche und
geordnete Machtübernahme koordinieren soll. Zudem soll er neue, freie und faire
Präsidentschaftswahlen zum frühestmöglichen Zeitpunkt durchführen sollte. Am 17.9.20 erkennt das
Europäische Parlament den Koordinationsrat als “vorläufige Vertretung des Volkes “ von Belarus an.
Insgesamt protestierten in den ersten Monaten über eine Million Menschen.


Wie lange dauerte der Protest?
Bereits während des Vorwahlzeitraumes fanden zahlreiche Kundgebungen mit bis zu 130.000
Beteiligten statt. Die Kernzeit der großen Massenproteste war in den Monaten August bis
November. Hier fanden die Montags-, Samstags-, und Sonntagsmärsche statt. Doch auch neun
Monate danach finden kollektive und individuelle Demonstrationen von selbstorganisierten
Protestgruppen, die lokal und dezentral tätig sind, statt. Angepasst an Ressourcen und
Lebensumstände hat sich der breite öffentliche Protest nun zu einer zivilen Widerstandsbewegung
entwickelt.


Was sind die Besonderheiten des Protests?
Zum einen fehlt den Forderungen der Protestierenden die geopolitische Komponente. Der
Transformationsprozess in Belarus basiert ganz auf der Neugründung, den Neustart des eigenen
Staates und die damit verbundenen Änderungen der politischen Strukturen im Land. Die Belarussen
wollen sich also weder zu Europa noch zu Russland bewegen, sondern vielmehr eine eigenständige
Entwicklung.
Zum anderen ist der hohe Grad der Selbstorganisation und Dezentralisierung der Proteste und der
späteren revolutionären Bewegung besonders. Die Verstärkung der Repressionen und der Druck auf
alle, die versuchen sich in eine Führungsposition zu bringen, hat dazu geführt, dass sich die
Bewegung für Wandel von ganz unten entwickelte in Form von einer Vielzahl an Bürgerinitiativen
und Gruppen, die die Aufgaben und Selbstorganisation der Bürger übernahm. Das ist neu für ein
postsowjetisches Land wie Belarus.


Doch wie kam es dazu, was sind die Ursachen für diese Proteste?
Ursachen für die Proteste in Belarus lassen sich zunächst mit Bezug auf die
Konsolidierungstheorie autoritärer Regime erklären. Dem zufolge bleibt ein autoritäres
Regime dann stabil, wenn es erfolgreich die drei folgenden Kategorien anwenden kann.
Repression, somit die Anwendung von Zwang und Gewalt.
Kooptation, also ein Gesellschaftsvertrag nach sowjetischem Vorbild zwischen Lukashenka und
seinen Bürgern, die ihm im Gegenzug für Stabilität, Ordnung und finanzielle Sicherheit Loyalität
garantieren. Es besteht somit eine Art “Kosten-Nutzen-Verhältnis” in dem sich die Bürger ihres
Verhaltens bewusst sind. Weitgehend bot der Vertrag die Möglichkeit einen Job zu finden als auch
eine breite Palette von kostenlosen Dienstleistungen und er subventionierte einige Preise und Tarife.
Dieses System basierte vor allem auf Einnahmen aus stark subventioniertem Erdgas und Erdöl aus
Russland, was es ermöglichte, sowohl die heimische Industrie billig zu betreiben als auch Einnahmen
zu generieren durch den Wiederverkauf raffinierter Ölprodukte nach Westeuropa.
Legitimation, die Menschen wurden dazu gebracht, das bestehende System zu bestätigen zu
akzeptieren oder zu tolerieren, dies entsprang dem Bewusstsein, dass es keine reelle Alternative zu
Lukashenkas Regime gab.
Viele Interdependenzen zwischen dem Herrscher und den Beherrschten sichern zudem den Status
quo, so gab es einen großen Staatsapparat, denn wer Teil des Systems ist, stellt sich vielleicht nicht
so schnell gegen dieses. Werden nun diese Stabilisierungsmechanismen eines autoritären Regimes
unwirksam, so kann es zu Unruhen und Protesten kommen. Daher schauen wir uns im Folgenden ein
paar Faktoren in Belarus an, die sich verändert und die damit das Lukashenka Regime instabil
gemacht haben.


Nehmen wir als ersten Punkt die Veränderung der Gesellschaft.
In Belarus hat die Gesellschaft vor allem seit 2010 einen Entwicklungs- und Wertewandel
durchlaufen. Möglich war dies unter anderem durch den Sozialvertrag, den sie mit dem Staat
abgeschlossen haben. Dieser Sozialvertrag erlaubt es den Belarussen in allen Bereichen des Lebens
außer dem politischen frei zu handeln, es werden ihnen also Handlungsfreiheiten zugesprochen, z.B.
in Wirtschaft, Unternehmertum, kulturelle und soziale Initiativen, Gestaltung des urbanen Raumes
und des gewünschten Lebenswandels. Durch diese Freiheiten entstanden unter anderem eine
florierende IT-Branche und Kulturszene und gleichzeitig eine junge gut ausgebildete Zivilgesellschaft
mit Lebensrealitäten, die parallel zum Staatsapparat stehen und die nicht mehr die notwendige
Rückkopplung und eigentlich auch nicht mehr viel miteinander zu tun haben.
Die rückständige Verwaltung und die staatlichen Institutionen behinderten immer mehr den
gesellschaftlichen Fortschritt. War das Verhältnis zwischen Modernisierungsgegnern und
Modernisierungsbefürwortern 2010 noch beinahe ausgeglichen (48,3% zu 40,7%) so sind schon 2016
nur noch 24,7% (dagegen) und 67,3% sprechen sich für Modernisierung aus. Der Wertewandel
vollzog sich also weg von Stabilität, Konservierung und Paternalismus hin zu Entwicklung und
Selbstbestimmung. Gerade die junge Bevölkerung lehnt Lukashenka ab, unter anderem auch wegen
Gesetzen wie dem “Parasitengesetz” (Steuer für Arbeitslosigkeit), einer Verschärfung der
Gesetzgebung zu Drogenbesitz und der Einschränkung für junge Männer ihre Wehrpflicht
aufzuschieben. Die Kluft zwischen einer aufgeschlossenen belarusischen Bevölkerung, die bereit für
Transformation ist und einem anarchischen Präsidenten mit Angst vor Veränderung und Fortschritt
wurde immer größer.
Die globale Finanzkrise, eine sich verschärfende russische Wirtschaft aufgrund der Sanktionen, die
sich aus der Besetzung der Krim ergeben und fallende Ölpreise hatten einen enormen Einfluss auf
die sozioökonomische Lage in Belarus. Und in der Folge auf die Fähigkeit des Staates seiner
Bevölkerung das gleiche Maß an Wohlstand und finanzielle Stabilität zu garantieren wie bisher.
Zuvor ist das Pro-Kopf-BIP stetig gestiegen, aber in den Jahren 2014-2019 betrug das Wachstum null
Prozent. Die Realeinkommen sanken und mehr Haushalte wurden als einkommensschwache Gruppe
eingestuft, was darauf hindeutet, dass die Bevölkerung anfälliger für Armut wurde. Auch die
Rentenzahlungen stagnieren und steigen nicht im Einklang mit der konstanten Inflation.
Offiziell als Reaktion auf die Ukraine-Krise vermarktet führte Lukashenka einen Sicherheitsvertrag
ein, der in erster Linie nationale Unabhängigkeit und Sicherheit befördern soll, anstatt soziale und
finanzielle Vorteile. Dies hat zur Folge, dass vor allem mehr Mittel an die Beschäftigten des
Staatssektors gingen. So wurden insbesondere Mitglieder des Sicherheitsapparats subventioniert, als
das in die Stärkung des sozialen Wohlfahrtssektors investiert wurde. Insgesamt gab es somit immer
weniger Ressourcen um die umfangreiche allgemeine Sozial- und Wohlfahrtspolitik, die das Rückgrat
des Gesellschaftsvertrages bildet zu gewährleisten.
Das Staatsregime von Lukashenka verfolgt ein äußert rückständiges Frauenbild und Lukashenka
selbst zelebriert einen offenen Chauvinismus. Den die Frauen des Landes zunehmend nicht mehr
akzeptieren. Gerade sie sehen in der Präsidentschaftswahl ihre Chance sich politisch zu
emanzipieren und politisch zu partizipieren. Die Herausforderinnen von Lukashenka rund um
Cichanouskaja stellen die perfekte Repräsentation ihrer Bedürfnisse dar und so kommen zahlreiche
Frauen zu den Samstagsfrauenmärschen und Blumenmärschen der Frauen von August bis
November.

Und letztendlich Corona.
Die Verfehlungen und Leugnungen des Lukashenka Regimes im Coronamanagement, so wird zum
Beispiel die Militärparade nicht abgesagt, obwohl dies bis auf Turkmenistan alle postsowjetischen
Staaten tun, die Pandemie wird als “Corona-Psychose” abgetan, wirken wie ein Brennglas, womit ein
breiter Teil der Menschen realisiert, wie wenig sich der Staat um die Befindlichkeiten und
Bedürfnisse der Bevölkerung schert und mehr auf das eigene Prestige und den Erhalt der eigenen
Macht bedacht ist. In der Pandemie entstanden auch hier zahlreiche selbstorganisierte
Hilfestellungen wie gemeinsames Maskennähen, Bürgerinitiativen die Geld und Material sammelten,
um das Gesundheitspersonal und andere zu unterstützen. Diese Erfahrungen stärkten den zivilen
Zusammenhalt, schaffte viele Kooperationen und das Gefühl es auch ohne das Regime schaffen zu
können. Zumal die Erkenntnis bei einem Großteil der Bevölkerung einsetzte, dass das Regime schon
längst nicht mehr für die Bevölkerung handelte, sondern im Eigeninteresse. Dass die Wahl des
Präsidenten nun mitten in diese ungewisse Zeit gelegt wurde, hatte das Fass endgültig zum
Überlaufen gebracht und die Massen mobilisiert.