Die Schildkröte

Eine Reisegeschichte

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Der alte IC rattert über die Schienen, die durch das spätherbstliche Land führen. 

Er hat die kalte metall-gläserne Welt der grauen Bankenmetropole hinter sich gelassen.  Nur noch die sich auflösenden leblosen Schleier der Hochhäuser erinnern an eine Welt zwischen Himmel und Erde. 

Während vor mir die Landschaft wieder langsam grüner wird, zieht eine alte, verfallende Fabrik träge an meinem Fenster vorbei. Neugierig blicke ich zwischen die dunklen Schluchten der Türme, Maschinen und Stahlgerüste. Ich überlege, was hier wohl mal produziert wurde. Suche nach einem Schriftzug, der mir einen Hinweis gibt, kann es aber nicht ausmachen. Eine Fabrik scheint fast wie jede andere.  

Der Zug zieht weiter und viele Bäume und Sträucher drängen sich in mein Bild. Dabei fallen mir erst vereinzelt, dann immer mehr unterschiedlich große Steine auf. Sorgsam angeordnet scheinen sie. Es sind Grabsteine. Hier in dieser wenig lebensfreundlichen Welt ein Friedhof.  Ich fixiere die einzelnen Grabsteine, es sieht alles gepflegt aus und ich frage mich, wer hier wohl liegen mag und wer sie besucht.  

Ein kurzer Moment rauscht durch meinen Kopf, ein Leben lang in der Fabrik und mit dem Tod gleich auf ewig nebenan begraben.  

Die Fahrt geht weiter, die Landschaft wird immer schöner, entlang des Rheins von Bingen bis Koblenz. Die Weinhänge erstrahlen zu dieser Jahreszeit im schimmernden warmen Gelb, Orange, Braun und Rot. 

Die Durchsage, bald bin ich da. Ich schließe die Augen und genieße die leichten Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die durch das große Fenster fallen. Es scheint fast so, als könnte ich für einen kurzen Augenblick in die Zukunft blicken, zeitenlos. 

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, fast schon beiläufig, wie ein älterer Mann zwei kleine Figuren aus Ton auf meinen Nebensitz legt. Dazu hinterlässt er eine kleine gelbe Karte. Dann geht er weiter.  

Ich halte kurz inne, dann lese ich die Karte. Es ist eine Botschaft darauf zu lesen. Der Mann ist gehörlos und bittet um Geld. Vier Euro und als Gegenleistung erhält man eine dieser Tonfiguren. Wenn man mehr gibt, wäre das sehr entgegenkommend. Mir fallen die organisierten Bettlerbanden aus Rumänien und Bulgarien ein. Ebenfalls fällt mir auf, wie anders sich der Mann gibt und wie er sich in der Öffentlichkeit bewegt.  

Ich suche in meinem Geldbeutel, habe nur noch einen 20 Euro-Schein dabei, mein letztes Bargeld. Daraufhin beschließe ich, den Mann zu fragen, ob er wechseln kann. Aber mit welcher Geste mache ich das deutlich, frage ich mich. Er kommt wieder an meinen Platz. Ich halte den Schein hoch und deute an, dass ich wechseln möchte. Er nickt mir höflich zu und schaut mich ruhig an, während ich mit meiner linken Hand 5 Euro zeige. Der Mann beginnt in seiner Tasche zu kramen und überreicht mir das Wechselgeld, während ich ihm meinen Schein gebe. 

Dann schaut er mich wieder ruhig und fragend an, lässt seinen Blick auf die beiden Tonfiguren sinken. Beide blicken wir jetzt auf die Figuren herab. Er fragt mich so, welche ich denn gerne möchte. Ich deute auf die grüne Schildkröte und er überreicht mir diese, während er die andere flink wieder in seiner Tasche verschwinden lässt, bevor er sich mit der Gehörlosengeste für “danke” verabschiedet und im Zug verschwindet.  

Ich halte die grüne Schildkröte in meiner Handfläche und bemerke jetzt erst, dass auf dem Rücken der großen Schildkröte eine kleinere Schildkröte sitzt, die wiederum eine noch kleinere Schildkröte trägt. Wie passend denke ich mir, das Bild für Solidarität.  

Wieder ertönt die Stimme des Zugkontrolleurs, nur noch ein paar Augenblicke und ich habe mein Ziel endlich erreicht. 

Oktober 2019 

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