
Heute ist Samstag, der 26.02.22 vor gerade einmal zwei Tagen begann die Invasion der russischen Truppen in der Ukraine. Die Gedanken sind überfüllt mit Bildern und Nachrichten, kaum zu verarbeiten. Die Emotionen rasen nur so durch den Körper und das Herz. Und immer wieder diese eine Frage was passiert hier bloß. Es wird klar es wird bewusst, es ist Krieg. Hilflos, ohnmächtig prasselt alles auf einen ein. Ich muss hier raus, was tun irgendwas. Daher sitze ich jetzt im Zug nach Berlin und schriebe diese Zeilen.
Wenn ich heute an die Ukraine denke, sehe ich Menschen, die um ihr Leben fliehen, deren Zuhause, deren Heimat zerstört wird. Ich sehe die tapferen ukrainischen Widerstandskämpfer und Kämpferinnen, die mit allen Mitteln ihre Heimat gegen Goliath zu verteidigen versuchen. Ein Präsident, der mutig jedem sagt, um was es jetzt geht. Männer und Frauen, die um ihr Zuhause kämpfen. Ein Kampf der Ukraine sich gegen die Übermacht Russlands zur Wehr zu setzen, den die Ukraine nicht erst seit dem 24.02.22 führt, sondern seit der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion, indem es versucht, die selbst gewählte freie Demokratie gegen Russland zu verteidigen. Leider ohne besondere Hilfe der westlichen europäischen Staaten. Daneben sehe ich aber auch Menschen in Russland, die sich nicht blenden lassen von Propaganda und Putins Konstruktionen und tiefes Mitgefühl mit den Menschen empfinden, die jetzt in dieser Art Krieg leben müssen, indem man seinen Kindern unter Tränen Lebewohl sagen muss. Ich sehe zwei Völker, die aus ihrer Ursprünglichkeit der Rus eigentlich Brüder und Schwestern sein sollten. Ich sehe einen Angriff von Putin und seinen Befürwortern, die einfach schlechte Menschen sind, machthungrig und rücksichtslos die eigenen Interessen vertreten. Die von einem wiederauflebenden Großrussland träumen und denen weder Menschenleben im Ausland noch der eigenen Bevölkerung was wert sind. Doch Kein Volk sollte durch eine kleine Gruppe oder eine Person beherrscht werden. Es kann nur sich selbst beherrschen, nichts anderes ist Demokratie darum “stand for democracy stand for Ukraine”.
Das ist nun drei Tage her, zwei Tage nachdem weltweit aber vor allem in Europa die Menschen auf die Straßen gegangen sind Berlin, Amsterdam, Prag, Madrid, Istanbul, Paris aber auch in vielen kleinen Orten, um zu zeigen, dass Krieg niemals eine Lösung sein darf und das sie vor allem bei und mit den Menschen in der Ukraine sind. Diese Solidarität ist das was jeder tun kann, es scheint klein und unbedeutend, ist es aber nicht. Es muss nicht immer jeder Einzelne über sich hinauswachsen, um Großes leisten zu können, es genügt, wenn jeder sein Möglichstes tut, denn erst zusammen, mit der Kraft der vielen, wachsen wir wahrhaftig über uns hinaus. Es ist die gemeinsame Idee, die so zu einer gemeinsamen Geschichte wird. Jeder wird so ein Teil davon, macht sie sich zu eigen. Und dann ist diese Geschichte nicht mehr egal und ganz weit weg, sondern bewusst und beeinflusst unser Handeln, wird weitererzählt und weitergetragen. Schafft Identität.
So zeigt sich Europa in diesen Tagen als ein Kontinent der vielen Länder, die wenn es darauf ankommt, die eigene Freiheit und die Idee der Demokratie zu verteidigen, zusammenrücken. Das was es heißt, in Freiheit leben zu können, freier Zugang zu Informationen, freier Journalismus, freie Nutzung von Internet, freier Zugang zu Arbeit und Markt, größtmögliche Freiheit seinen Weg zu gehen, wie man es möchte und vor allem eine freie und starke Zivilgesellschaft. Sie organisiert Hilfen, sie unterstützt ehrenamtlich, sie entwickelt Ideen für Fortschritt und sie wird laut und kommt zusammen. Sie ist das Gewissen.
Ich sehe heute ein Russland, das hart getroffen wird von den Sanktionen, ich sehe eine russische Bevölkerung, die sich schon auf karge und harte Zeiten vorbereitet, die Eltern und Großeltern erinnern sich noch, wie sowas aussehen kann, es ist Teil des russischen Volksgedächtnis. Ich sehe ein geschlossenes Europa. Ich sehe Menschen, die Spenden und Hilfen organisieren. Menschen, die an die ukrainische Grenze fahren, um dort Hilfsgüter abzugeben und flüchtende Menschen mitzunehmen. Frauen mit ihren Kindern und minderjährige Alleinreisende, die erschöpft und im Ungewissen in Bussen und Bahnen in Polen, Deutschland etc. ankommen. Leider muss ich auch feststellen, dass diese Solidarität anderen Menschen aus Gebieten des Nahen Ostens oder Afrika nicht entgegenkommt. Und frage mich warum.
Ich sehe Putin, der mit seinem Atomwaffenarsenal droht. Ich sehe eine deutsche Regierung, die ihre Jahrzehnte lange Verteidigungspolitik von heute auf morgen um 180 Grad dreht. Ich sehe viele Menschen, die sich Frieden wünschen. Frieden und Freiheit, die heute mit Waffen verteidigt werden müssen wie so oft in unserer Geschichte.
Ich wünsche uns allen Frieden egal wo auf dieser Welt, ich wünsche uns Solidarität unter den Menschen weltweit, egal woher sie kommen und egal wohin sie wollen. Ich wünsche uns Erkenntnis und Besonnenheit. Ich wünsche uns Liebe.
Extra:
Die Pandemie und auch dieser Krieg zeigen eindringlich, wie effektiv und schnell Dinge umgesetzt werden können. So wurde der EU-Beitritts-Antrag der Ukraine unbürokratisch auf den Weg gebracht, was jahrelang von der EU hinausgezögert wurde. Da kann man sich schon fragen, warum ist das jetzt möglich und damals nicht. Das liegt wohl am Wesen des Krieges, es ist ein Ausnahmezustand, der schnelles Handeln einfordert, da mit jedem Tag mehr Menschen sterben und mehr zerstört wird. Krieg stellt die unmittelbare Dringlichkeit in den Raum, die es in Friedenszeiten nicht gibt. Im Frieden wird alles abgewogen, ein Gefühl der ewigen Zeit, und wenn man alles haben kann, möchte man auch das vermeintlich Beste für sich herausholen. Zweifeln wird häufiger nachgegeben und Kompromisse oder Wagnisse haben seltener eine Chance. Das ist der 100 Prozent alles richtig gemacht Fall, der einem maximale Sicherheit verspricht. Und den es eigentlich gar nicht gibt. Bestes Gegenbeispiel, um zu zeigen, wie sich die Unmittelbarkeit einer Bedrohung auf, die daraus zu ziehenden Konsequenzen auswirkt, ist der Klimawandel, der sich nur allmählich steigert, bis wir den “point of no return” überschritten haben und es dann wohl ganz schnell sehr unangenehm werden kann. Spätestens dann haben wir auch die Rückkehr der Dringlichkeit.
