Belarus vom Protest zum zivilen Widerstand – Teil 2
Die Demokratisierung eines Staates beinhaltet immer auch eine Entfaltung neuer gesellschaftlicher Werte und Ideale und damit verbunden auch eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Rollenverteilung von Mann und Frau. In Belarus ist das traditionelle sowjetische Rollenverständnis des Patriarchats stark verwurzelt. Das sowjetische Patriarchat ist insofern besonders, als dass er der Frau eine Doppelrolle zukommen lässt. So soll die Frau einerseits materiell abhängig vom Mann sein, zusätzlich aber ihre Arbeitskraft dem Produktionsprozess zur Verfügung stellen. Dabei wurde ihre Arbeitsleistung stets als minderwertiger angesehen und war daher zuerst von Entlassungen bedroht. Anderseits obliegt es den Frauen, die komplette Haushaltsführung und „Care-Arbeit“ der Familie zu übernehmen, womit sie einer Doppelbelastung ausgesetzt waren und sind. Die Ungleichheit der Geschlechter zeigte sich Anfang/Mitte der 1990er Jahre politisch darin, dass lediglich zwei Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen und auch an der Spitze der 46 Staatskomitees und Ministerien lediglich zwei Frauen waren. Diese mangelnde Teilhabe setzte sich auch in der Wirtschaft fort zudem waren 70 Prozent der 80.000 Arbeitslosen Frauen.
Die sich immer weiter verschlechternde ökonomische Lage des Landes belastete die Frauen sehr, da vor allem Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs beinahe unbezahlbar wurden. Zusätzlich wurden soziale Errungenschaften abgebaut und die Tschernobyl-Katastrophe hatte zur Folge, dass vor allem Kinder, Schwangere und alte Frauen erkrankten. Zu dieser Zeit litten 70 Prozent der Kinder an Immunschwäche und die Missbildungsrate stieg in den stark verseuchten Gebieten um 80 Prozent, in den weniger verseuchten um 30 Prozent. Pathologien, Komplikationen bei Geburten und Säuglingssterblichkeit nahmen zu. Und hinter jedem Fall steht das Schicksal einer Frau, ihr Leid und Schmerz, ihr Leben oder Tod.
Die Frauen in Belarus hatten sich zu dieser Zeit mit vielen Problemen auseinanderzusetzen und so kam es zu den ersten Frauenbewegungen, die sich vor allem mit der Lösung dieser konkreten Lebensprobleme beschäftigten, anstatt mit der Durchsetzung ihrer eigenen Rechte (Gruschewaja, 1996, S. 99-102). Hunderttausende Frauen organisieren sich in Frauenorganisationen und Selbsthilfegruppen, um die alltäglichen Probleme (Gesundheit, Erziehung, medizinische/materielle und psychologische Hilfe) aus eigener Kraft lösen zu können. Durch ihr Engagement lernen die Frauen, eigenverantwortliches soziales Handeln, gemeinsame Entscheidungen zu treffen und ihre Interessen durchzusetzen. Es beginnt ein Prozess der Partizipation. Insbesondere die Bürgerinitiative „Stiftung Kinder von Tschernobyl“ versucht basierend auf der freiwilligen Arbeit von Frauen (70%) und Männern die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Demokratisierung herbeizuführen. Diese Frauenbewegungen waren also ein erster wichtiger Schritt hin zu einer Zivilgesellschaft, die Selbsthilfe stärkt und so die „Opfermentalität“ überwindet, das Selbstbewusstsein der Frauen fördert und so eine Chance bot, überkommene Geschlechterrollen zu überwinden und die demokratischen Strukturen der Politik und Gesellschaft zu erweitern (Gruschewaja, 1996, S. 104-105).
Mit der Machtübernahme Lukaschenkas 1994 wurde die Privatisierung gestoppt und er führte das Land zu einem sowjetischen Modell in Kooperation vor allem mit Russland zurück. Seit 2001 konnte auch die Wirtschaft stetig Zuwachs verzeichnen und der Lebensstandard der belarussischen Bevölkerung verbesserte sich. Sie erhielten soziale Absicherungen, gute Renten und Freiheiten, sofern sich diese nicht auf den politischen Sektor bezogen. Dies änderte sich erst als die ökonomische Lage wieder abflaute und sich die Unfähigkeit des Regimes im Corona-Management offenbarte. Die Menschen in Belarus waren wieder auf sich allein gestellt, waren erneut damit konfrontiert, dass sich das System von der Bevölkerung und ihren Interessen abgekoppelt hatte. Die belarussische Bevölkerung hatte sich anders als ihr ewig gestriger Präsident weiterentwickelt und setzte 2020 mit den Protesten und zivilen Widerständen ein revolutionäres Zeichen gegen den Wahlbetrug und gegen das Lukaschenka-Regime. Und wieder waren es die Frauen, denen eine besondere Rolle dabei zu kam.
Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo sind jene drei Frauen, die sich 2020 politisch gegen Lukaschenka gestellt haben und stellen. Sie sind die Frauen, die stellvertretend für so viele Frauen in Belarus ihre Stimme gegen das Lukaschenka-Regime und für ein demokratischeres Belarus erheben. Drei Frauen, die so unterschiedlich sind werden zu einem Erfolgsteam wohl auch deshalb, weil Sie ihre Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Chance sehen, die jeweiligen Fähigkeiten ergänzend einzusetzen. Einzusetzen für das übergeordnete Ziel der Veränderung, der Modernisierung und Demokratisierung ihres Landes Belarus. Für das Ende von Lukaschenka. Die Besonderheit der Proteste von 2020 war das Ausmaß an Beteiligten und die Ausdauer, die die Belarussen hatten diese fortzuführen, trotz der im Herbst massiv einsetzenden Repressionen. Ein weiterer Punkt, der weltweit für Interesse und Aufmerksamkeit sorgte, war die sehr hohe Präsenz an Frauen bei den Protesten. Frauen wurden gesehen, Frauen wurden gehört. Das System konnte sie nicht mehr überhören und so stellt sich die Frage, welche Bedeutung für den belarussischen Protest kommt den Frauen zu und ist dies der Beginn einer feministischen Bewegung.
Man kann sich nun fragen inwiefern dies überhaupt von Relevanz ist, ob ein Protest bzw. Widerstand eben auch feministisch ist. Dazu lässt sich sagen, dass viele gesellschaftlichen Veränderungen oft mit der Beteiligung von Frauen von statten gingen. Die soziale Frage in Deutschland und die damit verbundenen Arbeiterrechte konnte ohne Frauen nicht gelöst werden. Die Friedensbewegungen beginnend um 1900 wurden vielfach von Frauen mitgetragen. Unser heutiges Verständnis von einer freien und gleichen Gesellschaft wäre wohl ohne die Frauenproteste für das Frauenwahlrecht nicht denkbar. Auch wenn wir heute in der Geschichtsschreibung nur wenig von diesen wichtigen Frauen lesen, da die Erzählungen immer noch einen maskulinen Fokus haben, ist der Wert ihres Engagements und Muts nicht weniger wertvoll oder relevant. Jeder Staat, jedes staatliche Regime hat unterschiedliche politische und kulturelle Voraussetzungen und Entwicklungen und sollte daher unter diesen Voraussetzungen bewertet werden. Innerhalb dieser Systeme bestehen mehr oder weniger ausgeprägte Unterschiede in der Rechteverteilung der Menschen. Dies führt wiederum zu mehr oder weniger erlebter Ungerechtigkeit. Wenn die Ungerechtigkeit ein unerträgliches Ausmaß erlangt, wird sich Widerstand entwickeln, der sich unterschiedlich äußern und entwickeln kann. Manche Regime begünstigen einen schnellen Kurswechsel andere wiederum nicht. Belarus ist Erbe der sozialistischen und totalitären Staatsführung was Prozesse nur allmählich und teilweise ermöglicht. Insofern kann der Ausbruch der Proteste von 2020 mit der hohen Frauenbeteiligung als ein großer Entwicklungsschritt gedeutet werden.
Die Ursachen für die Proteste in Belarus 2020 sind vielfältig lassen sich aber auf eine immer größer werdende Disbalance zwischen dem Staatsregime ohne Möglichkeiten zur Entwicklung und der sich immer weiter modernisierenden Gesellschaft zurückführen, die zu einer offenen Konfrontation und Mobilisierung geführt haben. Diesen Trend verstärkt und ausgelöst haben insbesondere die Versuche einer „vertieften Integration mit Russland 2019“ und das fehlende Management der Covid-19-Krise (Shelest 2020, S. 3 auch Douglas, 2020, S. 15). Blickt man auf die Teilnehmenden an den Protesten, so wird deutlich, dass hier Männer wie Frauen beinahe gleichgewichtig aktiv waren. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe sind jene Menschen aus der Mittelschicht, die sich in den zehn Jahren zuvor nicht politisch engagiert hatten, da sie es entweder direkt vermieden hatten in der Politik sichtbar zu sein oder es für schlicht weg überflüssig hielten. Diese Sichtweise änderte sich jedoch, als das Regime aussichtsreiche Gegenkandidaten die Registrierung verweigerte oder aus dem Weg schaffen ließ. Anders als erwartet, bewirkten diese Maßnahmen eine Solidarisierung und Vereinigung der Wahlkampfstäbe und zur Gründung des „Frauen-Triumvirats“ deren Anhänger zwar aus unterschiedlichen Bevölkerungsteilen kamen, sich aber dennoch zu einer gemeinsamen Kraft zusammenschlossen aus der Wählerschaft von Zapkala, Babaryka und Tichanouskaj (Shelest, 2020, S. 3).
Es sollten dann ihre Frauen sein, die nicht jede für sich allein, sondern zusammen im Trio ihre wahre Stärke ausspielten. Swetlana Tichanowskaja, Englischlehrerin, zweifache Mutter und Hausfrau dann Präsidentschaftskandidatin und heute Politikerin im Exil, Maria Kolesnikowa, Flötistin, kinderlos dann Wahlkampfmanagerin und heute in Haft mit ungewissem Strafmaß und Veronika Zepkalo, IT-Managerin bei Microsoft, zweifache Mutter, Aktivistin und heute im Exil wurden zum Symbol der Hoffnungen und Veränderung einer ganzen Nation. Schon beginnend mit der Corona-Krise solidarisierten sich die Menschen und insbesondere Frauen, um das Versagen des Regimes auszugleichen. Sie organisierten sich in der Nachbarschaft, unterstützten hilfebedürftige Kranke und organisierten Gelder und Mittel für medizinische Einrichtungen und Personal.
Insofern ähnelt diese gemeinsame Leistung während der Corona-Krise sehr den Vereinen und Selbsthilfegruppen in den 1990er Jahren. Beide Male geht es um den Schutz des Privaten der Familien und Angehörigen. Und auch das öffentliche Bild der Proteste wurde mit andauernder Zeit immer weiblicher. Manche Beobachter meinen, dass die Medien die Frauen für ihre Zwecke instrumentalisieren, da sich mit dem Bild einer schönen Frau, die Artikel und Beiträge noch besser vermarkten ließen. Allerdings ist dies nur ein verzerrtes Bild der Realität, da es die Frauen waren, die die Funktionsweise moderner Medien sehr wohl verstanden und für sich zu nutzen wussten. Kampagnen wurden gestartet und Netzwerke wie „Die Frauen von Belarus“ oder „Girlpower Belarus“ aufgebaut und wirkmächtige Symbole geschaffen, wie das weiße Armband das tausende von Menschen mit einer gleichen Vision und Hoffnung für einander sichtbar machte. Die Frauen auf den Protesten trugen weiße Kleider, da die Omon-Polizisten Schwarz trugen und so schufen sie das Bild der Dunkelheit und Gewalt auf der einen und Licht und Hoffnung auf der anderen Seite.
In einem entscheidenden Moment der Protestbewegung zwei Tage nach der gefälschten Wahl, als der Protest drohte sich zu radikalisieren, indem sich die Moderaten zurückzogen, traten die Frauen hinzu und eine Radikalisierung blieb tatsächlich aus. Trotz der staatlichen Gewalt, Verfolgung und Repressionen blieb es verhaltensmäßig friedlich. In den folgenden Wochen kamen Hunderttausende auf die Straßen und die Frauen spielten als eine Art „Feuerwehr“ eine entscheidende Rolle in den Protesten (Bota, 2021, S. 101-111). Welche Aufmerksamkeit die Frauen beim Regime entfalteten, lässt ich auch daran messen, wie die staatliche Propaganda auf den Erfolg von Tichanowskaja ihren Unterstützerinnen und den protestierenden Frauen und Aktivistinnen reagierte. Sie wurden aufs übelste diffamiert, beleidigt und ihrer politischen Fähigkeiten abgesprochen. An den Demonstrationen beteiligte Frauen waren „schlechte Mütter“ und „Schlampen“. Die Proteste wurden als „Damenbinden-Revolution“ abgetan. Womit männliche Teilnehmer lächerlich und weibliche Teilnehmerinnen öffentlich abgewartet und beschämt werden sollten (Ganzer, 2020).
Irina Solomatina ist Leiterin der NGO „Arbeitende Frauen“ und kämpft seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung der Frauen in Belarus. Sie sieht die Rolle des Frauen-Trios um Tichanowskaja als vorangehende Feministinnen kritisch und wirft ihnen vor, lediglich jene Rollen einzunehmen, die Männer für sie vorgesehen hatten und so die alte Rollenverteilung fortsetzen. So haben sie nie öffentlich das Leben der belarussischen Frauen thematisiert oder Frauenrechte gefordert. Damit sind sie in den Augen von Solomatina kein Ausdruck von Feminismus, sondern lediglich Komplizinnen des Patriarchats. Untermalt wird Solomatinas Einschätzung durch öffentliche Aussagen von Tichanowskaja sie wolle so schnell wie möglich wieder an den Herd zurück, da es die Männer sind, die das politische Programm hätten, womit sie vielen emanzipierten Frauen vor den Kopf stieß (Bota, 2021, S. 112-113).
Die Doppelbelastung der aktiv gegen Lukaschenka protestierenden Frauen hält an. Bis zu vier Stunden täglich engagieren sich Frauen für den Protest und tragen zusätzlich die Belastung von Versorgung der Familie, Arbeit und Haushalt. Auch die beschwichtigende Wirkung der Frauen auf den Protest schwand im Herbst 2020, als rohe Gewalt über alle hereinbrach, alle werden verhaftet, misshandelt und erniedrigt. Eine Online-Befragung der Soziologin Olga Onuch ergab zudem, dass sich unter den Protestierenden das traditionelle Rollenverständnis nicht wesentlich veränderte und insofern Solomatinas Annahme stützt, dass sich durch die Protestbewegung nicht grundsätzlich etwas an dem Verständnis von Mann und Frau ändern würde (Bota, 2021, S. 115-116).
Ein weiterer Einwand, der nicht unmittelbar für die Relevanz der Frauen an den Protesten und deren Auswirkungen spricht ist, dass die wesentliche mobilisierende Kraft die staatlich ausgeübte Gewalt war. So haben die Menschen ein Grundbedürfnis nach menschlicher Würde, die vom Staat geachtet werden muss und in deren Zusammenhang als soziale Kategorie Werte wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit stehen. Wird ihnen mittels dreister Lügen das Ergebnis ihrer eigenen Wahl aberkannt und ist die Konsequenz der darauf folgenden friedlichen Proteste rohe Gewalt, so formiert sich Widerstand und die Bevölkerung stellt sich gegen das System. Als Folgestaat der Sowjetunion existiert in Belarus ein Sozialvertrag, der ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft fördert, da viele Menschen für den Erhalt ihres Lebensunterhalts oder -standards vom Staatssektor abhängig sind. Doch gerade in ökonomischer Hinsicht hat sich das Bild in Belarus verändert, sodass viele Bürger und Bürgerinnen erfolgreich in der freien Wirtschaft arbeiten und nicht mehr in dem Maße an den Staat gebunden sind. Sie erwarten, dass der Staat vorrangig ihre Bürgerrechte und Autonomie achtet. Die verstärkte Teilnahme dieser „Neuen Klasse“ an der belarussischen Revolution und deren Forderung nach der Wahrung der Würde, macht deutlich, dass der alte Gesellschaftsvertrag bröckelt und die Menschen ein neues Verständnis von Staatsbürgertum entwickelt haben (Gapova, 2020, S. 216-219).
Resümee
Gegen Solomatinas These lässt sich anführen, dass die Frauen zu politischen Akteuren wurden, die gehört und zu einer echten Alternative wurden. Sie kämpften zum ersten mal sichtbar und solidarisch miteinander in der Öffentlichkeit für die Demokratie. Frauen erlebten eine überwältigende Selbstermächtigung, die Verantwortung als politisches Subjekt und die Macht eines weiblichen Kollektivs. Diese Errungenschaften sind sicher nicht durchgehend aus einem anfänglichen feministischen Verständnis der Frauen heraus entstanden, aber die Frauen durchlaufen einen Prozess, sie wachen auf und erkennen ihre Chance, die Lage in ihrem Land verändern zu können.
Anna: „Einige meiner Freunde gingen 2010 und 2015 protestieren. Aber ich nicht. Das ist unser gesellschaftliches Elend: Wir verstehen nicht, dass wir die Politik sind, dass uns das alles etwas angeht. Wir haben keine politische Bildung, aber unsere Kinder werden sie dank uns hoffentlich haben.“ (Bota, 2021, S. 118).
Man kann anführen, dass sich das traditionelle Rollenverständnis der Protestierenden kaum verändert oder die anfängliche Motivation der Frauen nicht darin bestand, das Regime zu stürzen. Allerdings sollte man auch anerkennen, dass sich diese Proteste im Rahmen einer starren Diktatur entwickelten und man sicher andere Massstäbe ansetzen muss als man dies für weniger autoritäre Staaten oder erst recht Demokratien tun würde. Die dysfunktionale Staat-Gesellschaft-Beziehung beruht auf einer in Belarus noch stark ausgeprägten Abhängigkeit der Gesellschaft vom Staat. Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag stellt den Rahmen für dieses Verhältnis, in dem die Menschen eine lange Zeit die Einschränkungen ihrer politischen Freiheiten und Partizipation zugunsten eines funktionierenden Wohlfahrtsstaates und Sicherheit akzeptierten (vgl. Douglas, 2020, S. 15).
Vergleicht man Proteste aus der Geschichte von Frauen in ähnlichen staatlichen Strukturen wie beispielsweise in Südafrika die weißen Frauen der „Schwarzen Schärpe“, die friedlich gegen die Apartheid kämpften oder die „Frauen für den Frieden“ in der DDR, die sich schwarze Kleider anzogen und untergehakt zur Post liefen, um ihre Wehrdienstverweigerung einzuwerfen oder auch die „Damen in Weiß“, die sich für die Freilassung von politisch Inhaftierten in Kuba einsetzten. All diese Frauen hatten nicht vorrangig das Ziel, das System zu stürzen aber ihre Taten blieben nicht ungesehen und hatten einen Anteil daran, wenn ein System zerbrach oder zumindest Risse bekam. Und in dessen Folge kann der Massenprotest der Frauen in Belarus als ein Beginn einer politischen und feministischen Bewegung betrachtet werden (Bora, 2021, S.116-117). Am Beispiel von Tichanowskaja ließ sich in aller Öffentlichkeit mitverfolgen, wie sie als Frau eine Entwicklung durchgemacht einen Prozess durchlaufen hat. Eine Frau, die zunächst nur dachte, sie würde eine Weile lediglich stellvertretend die Rolle ihres Mannes einnehmen. Dann aber aufgrund ihres Fleißes, ihrer Intelligenz, wachsenden Verantwortungsgefühls und Selbstvertrauens sich auch zunehmend in ihrer Rolle als Verfechterin ihres Landes verstand. Diesen Prozess konnten alle mitverfolgen und gerade für Frauen stellt dies einen wesentlichen Mehrwert dar, ist sie doch so zu einem Vorbild geworden ist, das zeigt, auch eine vermeintlich „einfache“ Hausfrau, wie es sie sicherlich viele geben wird, kann in Bereichen tätig sein, die bisher vor allem von Männern dominiert waren. Tichanowskaja hat vor den Augen der Öffentlichkeit ihren vollwertigen Status als Bürgerin erkannt, lehnt sich gegen das Regime auf und formuliert ihren politischen Willen mit Nachdruck.
Anna: „Wir haben gezeigt, wie absurd das Vorgehen des Staates ist, indem wir friedlich geblieben sind. Ich möchte die Revolution nicht aufteilen in weiblich und männlich. Es ist eine gemeinsame Revolution. Aber sie hat ein weibliches Gesicht.“ (Bota, 2021. S. 119)
Die Bedeutung der Frauen ist wohl insofern eine Besonderheit des Protestes im Jahr 2020, da die Frauen bisher eine untergeordnete bis keine politische Rolle im Patriarchat Lukaschenkas spielten und nun radikal sichtbar wurden und ihre Verantwortung massiv wahrnahmen und Widerstand leisteten. Sie traten nicht vorrangig als Feministinnen auf, die Frauenrechte forderten, sondern sie reklamierten ihre Bürgerrechte. Ihre abgegebenen Stimmen sollten gezählt werden und niemand sich Repressionen ausgesetzt sehen. Sie waren das schlafende politische, gesellschaftliche Potenzial, das nun geweckt wurde. Es lässt sich also feststellen, dass alle Belarussen männlich wie weiblich sich im Jahr 2020 politisiert haben. Doch die Frauen noch ein bisschen mehr. Verstanden sich die Männer bereits vorher als Staatsbürger und waren Systemverdrossen, so entdeckten die Frauen ebenfalls ihre nicht nur hypothetische Staatsbürgerinnenfunktion und wurden aktiv. Sie holten sozusagen Strecke auf und haben sich mit den Männern auf eine gleichberechtigte Ebene gesetzt.
Als eine der Hauptursachen für den vehementen Widerstand lässt sich sicher die staatliche Demonstration von enormen Repressionen der rohen Gewalt gegen alle anführen. Diese Gewalt des Regimes am eigenen Volk löste eine kollektive Erfahrung aus, die nach der gemeinsam erlebten Corona-Krise das belarussische Volk einte und solidarisierte. In diesen Zusammenhang spricht man auch von einem Erwachen des „belarussischen“ Bürgers und der Bürgerin im Gefangenentransporters, als eine Art Volkswerdung. Das diese Gewalt so als Kollektiv gesehen und erlebt wurde, ist zum großen Teil auch den Frauen zu verdanken, die sich friedlich engagierten, Symbole verbreiteten, die Proteste dokumentierten diesen ein Gesicht gaben und so alle dazu ermutigten, sich zu Hunderttausenden in den Straßen wiederzufinden. Proteste brauchen Ikonen und Identifikationen. Dies beweist auch der immer noch anhaltende Protest im Iran, hier sind es auch die Frauen, die dem Widerstand ein Gesicht geben. Es ist das Abschneiden der Haare, das Nichttragen des Schleiers, was die meiste Symbolkraft auslöst. Es ist der offene Ungehorsam derer, die am meisten unter dem diktatorischen System leiden müssen bzw. denen am wenigsten Rechte zustehen. Wenn sich diese Frauen mutig dem entgegenstehen, ist dies ein Empowerment für alle anderen Gesellschaftsmitglieder, Männer wie Frauen. Die Regimeveränderung in Belarus wird also nur mit den Frauen gelingen können. Sie müssen sich weiterhin als emanzipierte Bürgerinnen verstehen, die für ihre Rechte einstehen und diese einfordern. Ungehorsam denen gegenüber sein, die sie nur in der Rolle als Mutter, Hausfrau und Partnerin eines Mannes sehen wollen. Ein Selbstverständnis dafür entwickeln, dass Politik veränderbar ist, das vor allem der Status des Bürgers und der Bürgerin nicht an ein Geschlecht oder sozialen Stand gebunden ist.
Literatur
Bota, Alice (2021): „Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit“, Berlin Verlag, Berlin/München
Douglas, Nadja (2020): „Die Loyalität des belarussischen Sicherheitsapparats bröckelt (noch) nicht“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Berlin
Gapova, Elena (2020): „Mobilisierung in Belarus – Klasse, Staatsbürgerschaft, Gender“ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 215-221
Ganzer, Christian (2020): „Alles Prostituierte und Faschisten – Diffamierung der Proteste in Belarus auf Telegram “ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 205-214
Gruschewaja, Irina (1996): „Frauenbewegung in Belarus“ in: Frauenbewegung und Frauenpolitik in Osteuropa/Lemke, Penrose, Ruppert (Hg.), Campus Verlag, Frankfurt/New York
Shelest, Oksana (2020): „Revolution in Belarus – Faktoren und Werteorientierungen“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Minsk








