Belarus: Die Belarussische Revolution – made by women! Wie weiblich ist der belarussische Protest von 2020?


Belarus vom Protest zum zivilen Widerstand – Teil 2

Die Demokratisierung eines Staates beinhaltet immer auch eine Entfaltung neuer gesellschaftlicher Werte und Ideale und damit verbunden auch eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Rollenverteilung von Mann und Frau. In Belarus ist das traditionelle sowjetische Rollenverständnis des Patriarchats stark verwurzelt. Das sowjetische Patriarchat ist insofern besonders, als dass er der Frau eine Doppelrolle zukommen lässt. So soll die Frau einerseits materiell abhängig vom Mann sein, zusätzlich aber ihre Arbeitskraft dem Produktionsprozess zur Verfügung stellen. Dabei wurde ihre Arbeitsleistung stets als minderwertiger angesehen und war daher zuerst von Entlassungen bedroht. Anderseits obliegt es den Frauen, die komplette Haushaltsführung und „Care-Arbeit“ der Familie zu übernehmen, womit sie einer Doppelbelastung ausgesetzt waren und sind. Die Ungleichheit der Geschlechter zeigte sich Anfang/Mitte der 1990er Jahre politisch darin, dass lediglich zwei Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen und auch an der Spitze der 46 Staatskomitees und Ministerien lediglich zwei Frauen waren. Diese mangelnde Teilhabe setzte sich auch in der Wirtschaft fort zudem waren 70 Prozent der 80.000 Arbeitslosen Frauen. 

Die sich immer weiter verschlechternde ökonomische Lage des Landes belastete die Frauen sehr, da vor allem Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs beinahe unbezahlbar wurden. Zusätzlich wurden soziale Errungenschaften abgebaut und die Tschernobyl-Katastrophe hatte zur Folge, dass vor allem Kinder, Schwangere und alte Frauen erkrankten. Zu dieser Zeit litten 70 Prozent der Kinder an Immunschwäche und die Missbildungsrate stieg in den stark verseuchten Gebieten um 80 Prozent, in den weniger verseuchten um 30 Prozent. Pathologien, Komplikationen bei Geburten und Säuglingssterblichkeit nahmen zu. Und hinter jedem Fall steht das Schicksal einer Frau, ihr Leid und Schmerz, ihr Leben oder Tod. 

Die Frauen in Belarus hatten sich zu dieser Zeit mit vielen Problemen auseinanderzusetzen und so kam es zu den ersten Frauenbewegungen, die sich vor allem mit der Lösung dieser konkreten Lebensprobleme beschäftigten, anstatt mit der Durchsetzung ihrer eigenen Rechte (Gruschewaja, 1996, S. 99-102). Hunderttausende Frauen organisieren sich in Frauenorganisationen und Selbsthilfegruppen, um die alltäglichen Probleme (Gesundheit, Erziehung, medizinische/materielle und psychologische Hilfe) aus eigener Kraft lösen zu können. Durch ihr Engagement lernen die Frauen, eigenverantwortliches soziales Handeln, gemeinsame Entscheidungen zu treffen und ihre Interessen durchzusetzen. Es beginnt ein Prozess der Partizipation. Insbesondere die Bürgerinitiative „Stiftung Kinder von Tschernobyl“ versucht basierend auf der freiwilligen Arbeit von Frauen (70%) und Männern die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Demokratisierung herbeizuführen. Diese Frauenbewegungen waren also ein erster wichtiger Schritt hin zu einer Zivilgesellschaft, die Selbsthilfe stärkt und so die „Opfermentalität“ überwindet, das Selbstbewusstsein der Frauen fördert und so eine Chance bot, überkommene Geschlechterrollen zu überwinden und die demokratischen Strukturen der Politik und Gesellschaft zu erweitern (Gruschewaja, 1996, S. 104-105). 

Mit der Machtübernahme Lukaschenkas 1994 wurde die Privatisierung gestoppt und er führte das Land zu einem sowjetischen Modell in Kooperation vor allem mit Russland zurück. Seit 2001 konnte auch die Wirtschaft stetig Zuwachs verzeichnen und der Lebensstandard der belarussischen Bevölkerung verbesserte sich. Sie erhielten soziale Absicherungen, gute Renten und Freiheiten, sofern sich diese nicht auf den politischen Sektor bezogen. Dies änderte sich erst als die ökonomische Lage wieder abflaute und sich die Unfähigkeit des Regimes im Corona-Management offenbarte. Die Menschen in Belarus waren wieder auf sich allein gestellt, waren erneut damit konfrontiert, dass sich das System von der Bevölkerung und ihren Interessen abgekoppelt hatte. Die belarussische Bevölkerung hatte sich anders als ihr ewig gestriger Präsident weiterentwickelt und setzte 2020 mit den Protesten und zivilen Widerständen ein revolutionäres Zeichen gegen den Wahlbetrug und gegen das Lukaschenka-Regime. Und wieder waren es die Frauen, denen eine besondere Rolle dabei zu kam. 

Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo sind jene drei Frauen, die sich 2020 politisch gegen Lukaschenka gestellt haben und stellen. Sie sind die Frauen, die stellvertretend für so viele Frauen in Belarus ihre Stimme gegen das Lukaschenka-Regime und für ein demokratischeres Belarus erheben. Drei Frauen, die so unterschiedlich sind werden zu einem Erfolgsteam wohl auch deshalb, weil Sie ihre Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Chance sehen, die jeweiligen Fähigkeiten ergänzend einzusetzen. Einzusetzen für das übergeordnete Ziel der Veränderung, der Modernisierung und Demokratisierung ihres Landes Belarus. Für das Ende von Lukaschenka. Die Besonderheit der Proteste von 2020 war das Ausmaß an Beteiligten und die Ausdauer, die die Belarussen hatten diese fortzuführen, trotz der im Herbst massiv einsetzenden Repressionen. Ein weiterer Punkt, der weltweit für Interesse und Aufmerksamkeit sorgte, war die sehr hohe Präsenz an Frauen bei den Protesten. Frauen wurden gesehen, Frauen wurden gehört. Das System konnte sie nicht mehr überhören und so stellt sich die Frage, welche Bedeutung für den belarussischen Protest kommt den Frauen zu und ist dies der Beginn einer feministischen Bewegung.

Man kann sich nun fragen inwiefern dies überhaupt von Relevanz ist, ob ein Protest bzw. Widerstand eben auch feministisch ist. Dazu lässt sich sagen, dass viele gesellschaftlichen Veränderungen oft mit der Beteiligung von Frauen von statten gingen. Die soziale Frage in Deutschland und die damit verbundenen Arbeiterrechte konnte ohne Frauen nicht gelöst werden. Die Friedensbewegungen beginnend um 1900 wurden vielfach von Frauen mitgetragen. Unser heutiges Verständnis von einer freien und gleichen Gesellschaft wäre wohl ohne die Frauenproteste für das Frauenwahlrecht nicht denkbar. Auch wenn wir heute in der Geschichtsschreibung nur wenig von diesen wichtigen Frauen lesen, da die Erzählungen immer noch einen maskulinen Fokus haben, ist der Wert ihres Engagements und Muts nicht weniger wertvoll oder relevant. Jeder Staat, jedes staatliche Regime hat unterschiedliche politische und kulturelle Voraussetzungen und Entwicklungen und sollte daher unter diesen Voraussetzungen bewertet werden. Innerhalb dieser Systeme bestehen mehr oder weniger ausgeprägte Unterschiede in der Rechteverteilung der Menschen. Dies führt wiederum zu mehr oder weniger erlebter Ungerechtigkeit. Wenn die Ungerechtigkeit ein unerträgliches Ausmaß erlangt, wird sich Widerstand entwickeln, der sich unterschiedlich äußern und entwickeln kann. Manche Regime begünstigen einen schnellen Kurswechsel andere wiederum nicht. Belarus ist Erbe der sozialistischen und totalitären  Staatsführung was Prozesse nur allmählich und teilweise ermöglicht. Insofern kann der Ausbruch der Proteste von 2020 mit der hohen Frauenbeteiligung als ein großer Entwicklungsschritt gedeutet werden.

Die Ursachen für die Proteste in Belarus 2020 sind vielfältig lassen sich aber auf eine immer größer werdende Disbalance zwischen dem Staatsregime ohne Möglichkeiten zur Entwicklung und der sich immer weiter modernisierenden Gesellschaft zurückführen, die zu einer offenen Konfrontation und Mobilisierung geführt haben. Diesen Trend verstärkt und ausgelöst haben insbesondere die Versuche einer „vertieften Integration mit Russland 2019“ und das fehlende Management der Covid-19-Krise (Shelest 2020, S. 3 auch Douglas, 2020, S. 15). Blickt man auf die Teilnehmenden an den Protesten, so wird deutlich, dass hier Männer wie Frauen beinahe  gleichgewichtig aktiv waren. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe sind jene Menschen aus der Mittelschicht, die sich in den zehn Jahren zuvor nicht politisch engagiert hatten, da sie es entweder direkt vermieden hatten in der Politik sichtbar zu sein oder es für schlicht weg überflüssig hielten. Diese Sichtweise änderte sich jedoch, als das Regime aussichtsreiche Gegenkandidaten die Registrierung verweigerte oder aus dem Weg schaffen ließ. Anders als erwartet, bewirkten diese Maßnahmen eine Solidarisierung und Vereinigung der Wahlkampfstäbe und zur Gründung des „Frauen-Triumvirats“ deren Anhänger zwar aus unterschiedlichen Bevölkerungsteilen kamen, sich aber dennoch zu einer gemeinsamen Kraft zusammenschlossen aus der Wählerschaft von Zapkala, Babaryka und Tichanouskaj (Shelest, 2020, S. 3). 

Es sollten dann ihre Frauen sein, die nicht jede für sich allein, sondern zusammen im Trio ihre wahre Stärke ausspielten. Swetlana Tichanowskaja, Englischlehrerin, zweifache Mutter und Hausfrau dann Präsidentschaftskandidatin und heute Politikerin im Exil, Maria Kolesnikowa, Flötistin, kinderlos dann Wahlkampfmanagerin und heute in Haft mit ungewissem Strafmaß und Veronika Zepkalo, IT-Managerin bei Microsoft, zweifache Mutter, Aktivistin und heute im Exil wurden zum Symbol der Hoffnungen und Veränderung einer ganzen Nation. Schon beginnend mit der Corona-Krise solidarisierten sich die Menschen und insbesondere Frauen, um das Versagen des Regimes auszugleichen. Sie organisierten sich in der Nachbarschaft, unterstützten hilfebedürftige Kranke und organisierten Gelder und Mittel für medizinische Einrichtungen und Personal. 

Insofern ähnelt diese gemeinsame Leistung während der Corona-Krise sehr den Vereinen und Selbsthilfegruppen in den 1990er Jahren. Beide Male geht es um den Schutz des Privaten der Familien und Angehörigen. Und auch das öffentliche Bild der Proteste wurde mit andauernder Zeit immer weiblicher. Manche Beobachter meinen, dass die Medien die Frauen für ihre Zwecke instrumentalisieren, da sich mit dem Bild einer schönen Frau, die Artikel und Beiträge noch besser vermarkten ließen. Allerdings ist dies nur ein verzerrtes Bild der Realität, da es die Frauen waren, die die Funktionsweise moderner Medien sehr wohl verstanden und für sich zu nutzen wussten. Kampagnen wurden gestartet und Netzwerke wie „Die Frauen von Belarus“ oder „Girlpower Belarus“ aufgebaut und wirkmächtige Symbole geschaffen, wie das weiße Armband das tausende von Menschen mit einer gleichen Vision und Hoffnung für einander sichtbar machte. Die Frauen auf den Protesten trugen weiße Kleider, da die Omon-Polizisten Schwarz trugen und so schufen sie das Bild der Dunkelheit und Gewalt auf der einen und Licht und Hoffnung auf der anderen Seite. 

In einem entscheidenden Moment der Protestbewegung zwei Tage nach der gefälschten Wahl, als der Protest drohte sich zu radikalisieren, indem sich die Moderaten zurückzogen, traten die Frauen hinzu und eine Radikalisierung blieb tatsächlich aus. Trotz der staatlichen Gewalt, Verfolgung und Repressionen blieb es verhaltensmäßig friedlich. In den folgenden Wochen kamen Hunderttausende auf die Straßen und die Frauen spielten als eine Art „Feuerwehr“ eine entscheidende Rolle in den Protesten (Bota, 2021, S. 101-111). Welche Aufmerksamkeit die Frauen beim Regime entfalteten, lässt ich auch daran messen, wie die staatliche Propaganda auf den Erfolg von Tichanowskaja ihren Unterstützerinnen und den protestierenden Frauen und Aktivistinnen reagierte. Sie wurden aufs übelste diffamiert, beleidigt und ihrer politischen Fähigkeiten abgesprochen. An den Demonstrationen beteiligte Frauen waren „schlechte Mütter“ und „Schlampen“. Die Proteste wurden als „Damenbinden-Revolution“ abgetan. Womit männliche Teilnehmer lächerlich und weibliche Teilnehmerinnen öffentlich abgewartet und beschämt werden sollten (Ganzer, 2020). 

Irina Solomatina ist Leiterin der NGO „Arbeitende Frauen“ und kämpft seit vielen Jahren für die Gleichberechtigung der Frauen in Belarus. Sie sieht die Rolle des Frauen-Trios um Tichanowskaja als vorangehende Feministinnen kritisch und wirft ihnen vor, lediglich jene Rollen einzunehmen, die Männer für sie vorgesehen hatten und so die alte Rollenverteilung fortsetzen. So haben sie nie öffentlich das Leben der belarussischen Frauen thematisiert oder Frauenrechte gefordert. Damit sind sie in den Augen von Solomatina kein Ausdruck von Feminismus, sondern lediglich Komplizinnen des Patriarchats. Untermalt wird Solomatinas Einschätzung durch öffentliche Aussagen von Tichanowskaja sie wolle so schnell wie möglich wieder an den Herd zurück, da es die Männer sind, die das politische Programm hätten, womit sie vielen emanzipierten Frauen vor den Kopf stieß (Bota, 2021, S. 112-113). 

Die Doppelbelastung der aktiv gegen Lukaschenka protestierenden Frauen hält an. Bis zu vier Stunden täglich engagieren sich Frauen für den Protest und tragen zusätzlich die Belastung von Versorgung der Familie, Arbeit und Haushalt. Auch die beschwichtigende Wirkung der Frauen auf den Protest schwand im Herbst 2020, als rohe Gewalt über alle hereinbrach, alle werden verhaftet, misshandelt und erniedrigt. Eine Online-Befragung der Soziologin Olga Onuch ergab zudem, dass sich unter den Protestierenden das traditionelle Rollenverständnis nicht wesentlich veränderte und insofern Solomatinas Annahme stützt, dass sich durch die Protestbewegung nicht grundsätzlich etwas an dem Verständnis von Mann und Frau ändern würde (Bota, 2021, S. 115-116).  

Ein weiterer Einwand, der nicht unmittelbar für die Relevanz der Frauen an den Protesten und deren Auswirkungen spricht ist, dass die wesentliche mobilisierende Kraft die staatlich ausgeübte Gewalt war. So haben die Menschen ein Grundbedürfnis nach menschlicher Würde, die vom Staat geachtet werden muss und in deren Zusammenhang als soziale Kategorie Werte wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit stehen. Wird ihnen mittels dreister Lügen das Ergebnis ihrer eigenen Wahl aberkannt und ist die Konsequenz der darauf folgenden friedlichen Proteste rohe Gewalt, so formiert sich Widerstand und die Bevölkerung stellt sich gegen das System. Als Folgestaat der Sowjetunion existiert in Belarus ein Sozialvertrag, der ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft fördert, da viele Menschen für den Erhalt ihres Lebensunterhalts oder -standards vom Staatssektor abhängig sind. Doch gerade in ökonomischer Hinsicht hat sich das Bild in Belarus verändert, sodass viele Bürger und Bürgerinnen erfolgreich in der freien Wirtschaft arbeiten und nicht mehr in dem Maße an den Staat gebunden sind. Sie erwarten, dass der Staat vorrangig ihre Bürgerrechte und Autonomie achtet. Die verstärkte Teilnahme dieser „Neuen Klasse“ an der belarussischen Revolution und deren Forderung nach der Wahrung der Würde, macht deutlich, dass der alte Gesellschaftsvertrag bröckelt und die Menschen ein neues Verständnis von Staatsbürgertum entwickelt haben (Gapova, 2020, S. 216-219).

Resümee

Gegen Solomatinas These lässt sich anführen, dass die Frauen zu politischen Akteuren wurden, die gehört und zu einer echten Alternative wurden. Sie kämpften zum ersten mal sichtbar und solidarisch miteinander in der Öffentlichkeit für die Demokratie. Frauen erlebten eine überwältigende Selbstermächtigung, die Verantwortung als politisches Subjekt und die Macht eines weiblichen Kollektivs. Diese Errungenschaften sind sicher nicht durchgehend aus einem anfänglichen feministischen Verständnis der Frauen heraus entstanden, aber die Frauen durchlaufen einen Prozess, sie wachen auf und erkennen ihre Chance, die Lage in ihrem Land verändern zu können. 

Anna: „Einige meiner Freunde gingen 2010 und 2015 protestieren. Aber ich nicht. Das ist unser gesellschaftliches Elend: Wir verstehen nicht, dass wir die Politik sind, dass uns das alles etwas angeht. Wir haben keine politische Bildung, aber unsere Kinder werden sie dank uns hoffentlich haben.“ (Bota, 2021, S. 118).

Man kann anführen, dass sich das traditionelle Rollenverständnis der Protestierenden kaum verändert oder die anfängliche Motivation der Frauen nicht darin bestand, das Regime zu stürzen. Allerdings sollte man auch anerkennen, dass sich diese Proteste im Rahmen einer starren Diktatur entwickelten und man sicher andere Massstäbe ansetzen muss als man dies für weniger autoritäre Staaten oder erst recht Demokratien tun würde. Die dysfunktionale Staat-Gesellschaft-Beziehung beruht auf einer in Belarus noch stark ausgeprägten Abhängigkeit der Gesellschaft vom Staat. Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag stellt den Rahmen für dieses Verhältnis, in dem die Menschen eine lange Zeit die Einschränkungen ihrer politischen Freiheiten und Partizipation zugunsten eines funktionierenden Wohlfahrtsstaates und Sicherheit akzeptierten (vgl. Douglas, 2020, S. 15).

Vergleicht man Proteste aus der Geschichte von Frauen in ähnlichen staatlichen Strukturen wie beispielsweise in Südafrika die weißen Frauen der „Schwarzen Schärpe“, die friedlich gegen die Apartheid kämpften oder die „Frauen für den Frieden“ in der DDR, die sich schwarze Kleider anzogen und untergehakt zur Post liefen, um ihre Wehrdienstverweigerung einzuwerfen oder auch die „Damen in Weiß“, die sich für die Freilassung von politisch Inhaftierten in Kuba einsetzten. All diese Frauen hatten nicht vorrangig das Ziel, das System zu stürzen aber ihre Taten blieben nicht ungesehen und hatten einen Anteil daran, wenn ein System zerbrach oder zumindest Risse bekam. Und in dessen Folge kann der Massenprotest der Frauen in Belarus als ein Beginn einer politischen und feministischen Bewegung betrachtet werden (Bora, 2021, S.116-117). Am Beispiel von Tichanowskaja ließ sich in aller Öffentlichkeit mitverfolgen, wie sie als Frau eine Entwicklung durchgemacht einen Prozess durchlaufen hat. Eine Frau, die zunächst nur dachte, sie würde eine Weile lediglich stellvertretend die Rolle ihres Mannes einnehmen. Dann aber aufgrund ihres Fleißes, ihrer Intelligenz, wachsenden Verantwortungsgefühls und Selbstvertrauens sich auch zunehmend in ihrer Rolle als Verfechterin ihres Landes verstand. Diesen Prozess konnten alle mitverfolgen und gerade für Frauen stellt dies einen wesentlichen Mehrwert dar, ist sie doch so zu einem Vorbild geworden ist, das zeigt, auch eine vermeintlich „einfache“ Hausfrau, wie es sie sicherlich viele geben wird, kann in Bereichen tätig sein, die bisher vor allem von Männern dominiert waren. Tichanowskaja hat vor den Augen der Öffentlichkeit ihren vollwertigen Status als Bürgerin erkannt, lehnt sich gegen das Regime auf und formuliert ihren politischen Willen mit Nachdruck. 

Anna: „Wir haben gezeigt, wie absurd das Vorgehen des Staates ist, indem wir friedlich geblieben sind. Ich möchte die Revolution nicht aufteilen in weiblich und männlich. Es ist eine gemeinsame Revolution. Aber sie hat ein weibliches Gesicht.“ (Bota, 2021. S. 119)

Die Bedeutung der Frauen ist wohl insofern eine Besonderheit des Protestes im Jahr 2020, da die Frauen bisher eine untergeordnete bis keine politische Rolle im Patriarchat Lukaschenkas spielten und nun radikal sichtbar wurden und ihre Verantwortung massiv wahrnahmen und Widerstand leisteten. Sie traten nicht vorrangig als Feministinnen auf, die Frauenrechte forderten, sondern sie reklamierten ihre Bürgerrechte. Ihre abgegebenen Stimmen sollten gezählt werden und niemand sich Repressionen ausgesetzt sehen. Sie waren das schlafende politische, gesellschaftliche Potenzial, das nun geweckt wurde. Es lässt sich also feststellen, dass  alle Belarussen männlich wie weiblich sich im Jahr 2020 politisiert haben. Doch die Frauen noch ein bisschen mehr. Verstanden sich die Männer bereits vorher als Staatsbürger und waren Systemverdrossen, so entdeckten die Frauen ebenfalls ihre nicht nur hypothetische Staatsbürgerinnenfunktion und wurden aktiv. Sie holten sozusagen Strecke auf und haben sich mit den Männern auf eine gleichberechtigte Ebene gesetzt. 

Als eine der Hauptursachen für den vehementen Widerstand lässt sich sicher die staatliche Demonstration von enormen Repressionen der rohen Gewalt gegen alle anführen. Diese Gewalt des Regimes am eigenen Volk löste eine kollektive Erfahrung aus, die nach der gemeinsam erlebten Corona-Krise das belarussische Volk einte und solidarisierte. In diesen Zusammenhang spricht man auch von einem Erwachen des „belarussischen“ Bürgers und der Bürgerin im Gefangenentransporters, als eine Art Volkswerdung. Das diese Gewalt so als Kollektiv gesehen und erlebt wurde, ist zum großen Teil auch den Frauen zu verdanken, die sich friedlich engagierten, Symbole verbreiteten, die Proteste dokumentierten diesen ein Gesicht gaben und so alle dazu ermutigten, sich zu Hunderttausenden in den Straßen wiederzufinden. Proteste brauchen Ikonen und Identifikationen. Dies beweist auch der immer noch anhaltende Protest im Iran, hier sind es auch die Frauen, die dem Widerstand ein Gesicht geben. Es ist das Abschneiden der Haare, das Nichttragen des Schleiers, was die meiste  Symbolkraft auslöst. Es ist der offene Ungehorsam derer, die am meisten unter dem diktatorischen System leiden müssen bzw. denen am wenigsten Rechte zustehen. Wenn sich diese Frauen mutig dem entgegenstehen, ist dies ein Empowerment für alle anderen Gesellschaftsmitglieder, Männer wie Frauen. Die Regimeveränderung in Belarus wird also nur mit den Frauen gelingen können. Sie müssen sich weiterhin als emanzipierte Bürgerinnen verstehen, die für ihre Rechte einstehen und diese einfordern. Ungehorsam denen gegenüber sein, die sie nur in der Rolle als Mutter, Hausfrau und Partnerin eines Mannes sehen wollen. Ein Selbstverständnis dafür entwickeln, dass Politik veränderbar ist, das vor allem der Status des Bürgers und der Bürgerin nicht an ein Geschlecht oder sozialen Stand gebunden ist. 


Literatur

Bota, Alice (2021): „Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit“, Berlin Verlag, Berlin/München

Douglas, Nadja (2020): „Die Loyalität des belarussischen Sicherheitsapparats bröckelt (noch) nicht“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Berlin

Gapova, Elena (2020): „Mobilisierung in Belarus – Klasse, Staatsbürgerschaft, Gender“ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 215-221

Ganzer, Christian (2020): „Alles Prostituierte und Faschisten – Diffamierung der Proteste in Belarus auf Telegram “ in: Osteuropa, Jg. 70, 10-11/2020, S. 205-214

Gruschewaja, Irina (1996): „Frauenbewegung in Belarus“ in: Frauenbewegung und Frauenpolitik in Osteuropa/Lemke, Penrose, Ruppert (Hg.), Campus Verlag, Frankfurt/New York

Shelest, Oksana (2020): „Revolution in Belarus – Faktoren und Werteorientierungen“ in: Belarus-Analysen Nr. 53 (2020), Minsk


Ida Altmann-Bronn (1862-1935)

Frauengeschichte aus der Moderne / Teil 2

Ida ist die erste hauptamtliche Frauensekretärin des erstmals 1905 errichteten sozialdemokratisch zentralen Arbeiterinnensekretariats in Berlin. 

Als Gewerkschafterin kämpft sie gegen alle Widerstände für soziale Gerechtigkeit. Durch ihre Arbeit erreicht sie, dass die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder erheblich steigt. 

Sie ist Teil der proletarischen Frauenbewegung und schafft es, Frauen zu politisieren, sodass sie aktiv an der Politik teilnehmen. Ihr Aktionismus ist bedeutend für die Verbindung der politischen Linke mit dem Feminismus.

Hintergrund 

Die Berliner Streikbewegung Ende der 1890er Jahre führte zur Gründung einer Streikkommission am 12. Mai 1890. Diese wurde zum Vorläufer der ersten Gewerkschaftskommission. Ida arbeitete seit 1891 in der Berliner Frauenbewegung. Sie befasste sich mit Clara Zetkins Ideen zur Stärkung der Frauen und machte diese zur Grundlage ihrer gewerkschaftlichen Frauenarbeit. Demnach sind Frauen durch die Berufsarbeit den Männern gleichgestellt. Diese Gleichheit wird aber durch die kapitalistischen Produktionsbedingungen in Verbindung mit einem traditionellen Rollenverständnis zur Ungleichheit. Zudem erschwerte das preußische Versammlungs- und Vereinsgesetz von 1850 den Frauen ihre politische Teilhabe. Um die Interessen der Arbeiterinnen wahren zu können, brauchte es eine gute Arbeiterinnenorganisation. Dafür wurden Agitationskommissionen gegründet und Vertrauenspersonen bestimmt, die politische und gewerkschaftliche Aufklärungsarbeit leisten sollten. Ein Erfolg Idas Arbeit war die Steigerung der Gewerkschaftsmitgliederinnen von 74.411 im Jahr 1905 auf 138.443 Frauen im Jahr 1908.

Historische Quelle

„Es gibt Sozialisten, die der Ermächtigung der Frauen nicht weniger abgeneigt gegenüberstehen wie der Kapitalist dem Sozialismus. Die abhängige Stellung des Arbeiters vom Kapitalisten begreift jeder Sozialist, und er wundert sich, dass andere, vor allem der Kapitalist, sie nicht begreifen wollen. Aber die Abhängigkeit der Frau vom Manne begreift er manchmal nicht, weil sein eigenes liebes Ich ein wenig dabei in Frage gestellt wird. Das Bestreben, wirkliche und vermeintliche Interessen, die dann immer unfehlbar und unantastbare sind, zu wahren, macht die Menschen so blind.“ (August Bebel: „Die Frau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, Zürich 1883, S. 96/Quelle wurde zur besseren Verständlichkeit leicht vereinfacht.)

Ideen zur Weiterarbeit

Nenne 3 Beschränkungen für Vereine und politische Versammlungen, die der § 8 des Preußischen Versammlungs- und Vereinsgesetz von 1850 beinhaltet, lese dazu Quelle 4a/§ 8 unter folgendem Link: https://www.jura.uni-muenchen.de/pub-dokumente/202001/20200113170943.pdf.

Am 15. Mai 1908 trat das neue Reichsvereinsgesetz in Kraft, lese den Text unter folgendem Link: https://www.deutschlandfunk.de/ein-schritt-zur-gleichberechtigung-100.html und erkläre warum dies ein erster wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen war.

Lese die Quelle und beurteile wie wichtig August Bebel die Solidarität der Arbeiter mit den Arbeiterinnen war, warum sie sich so schwer damit taten und begründe dies. 

Quellen und Literatur: Losseff-Tillmanns, Gisela (2015): “Ida Altmann-Bronn 1862-1935: Lebensgeschichte einer sozialdemokratischen, freidenkerischen Gewerkschafterin – eine Spurensuche“ in: Reihe – Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Band 182, Nomos, Baden-Baden; Losseff-Tillmanns, Gisela (2016): „Ida Altmann-Bronn (1862-1935)“ in: Arbeit, Bewegung, Geschichte, 15. Jg., September, Metropol, Berlin, S. 126-144; Wedel, Gudrun (2010): „Autobiografien von Frauen – ein Lexikon“, Böhlau Verlag, Köln; 

Bildquelle: Digitalbibliothek der Friedrich Ebert Stiftung unter https://library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=190708b&f=113&l=144 (zuletzt abgerufen am 25.8.24)

Aus History wird Herstory

Frauengeschichten aus der Moderne

Geschichte eins

Anita Augspurg (1857-1943) 

Als erste deutsche Juristin kämpft Anita Augspurg für die Realisierung der Frauenrechte.

Sie wächst im Wilhelminischen Kaiserreich auf und ist mit dem Patriotismus und Militarismus dieser Zeit konfrontiert. Anita lebt mit ihrer Partnerin Lida Gustava Heymann zusammen und passt so auch privat nicht in die für sie vorgesehene Frauenrolle.

Neben ihrem Kampf für Frauenrechte glaubt sie daran, dass es Frieden nur mit und über Frauen gibt. Daher ist sie überzeugte Pazifistin und hat eine Führungsrolle in der Münchner Frauenfriedensbewegung. 

Anita war politische Aktivistin, sie organisierte Proteste und leitete Frauenrechtsvereine. Als Journalistin und Publizistin verfolgte sie die Frauenfrage und forderte, dass alle Bildungsanstalten auch für Frauen geöffnet werden sollten. Sie erkannte, die Emanzipation der Frauen war nicht allein durch Bildung zu erreichen, sondern erst durch verbürgte Rechte. Mit ihrem Abschluss 1897 wurde Anita zur ersten deutschen Juristin. So forderte sie die rechtliche Gleichstellung der Frau im Zivil-, Straf- und Zivilrecht. Die Ausarbeitung des BGB empfand sie als Fortführung der rechtlosen Stellung von Frauen und Kindern. Im Wilhelminischen Deutschland waren Militarismus und Patriotismus sehr bedeutsam. Das Nationalgefühl wurde durch ein Großmachtgefühl gespeist, die Armee galt als „die Schule der Nation“. Pazifismus hingegen galt als unmännlich und schwach. Die dazu passende Frauenrolle war von Opferbereitschaft geprägt. Die Frau sollte sich in den Dienst des Mannes und Vaterlandes stellen. Für Anita war der Pazifismus in den Frauen angelegt und Frieden und Frauenstimmrecht gehörten zusammen.

Historische Quelle

„Friedensbewegung und Frauenstimmrecht – das eine Voraussetzung des Zieles der andern! Wenn diese Erkenntnis zu allen gedrungen sein wird, die den Frieden wollen, sind wir seiner dauernden Herrschaft näher. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die Summen gestrichen werden, welche die Bewaffnung der Völker so unfruchtbar verschlingt. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die Regierungen zur Rechenschaft gezwungen werden, über gewissenlose Kriegshetze und verbrecherische Diplomatenränke. Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die ethischen Forderungen, denen sie Lebensführung der Einzelnen und der Gesellschaft unterworfen sein soll, auch im Verkehr der Völker Herrschaft erringen.“ (Anita Augsburg „Friede auf Erden!“ (1913) zitiert nach Kinnebrock, S. 385)

Aufgaben / Ideen zur Weiterarbeit

Lese die Quelle mit Anitas Aussage und beschreibe 3 Punkte, warum nach ihrer Meinung die Friedensbewegung mit dem Frauenstimmrecht zusammenhängt. Was ändert sich wenn die Frauen in den Parlamenten sitzen?

Anita wird als eine von „Bertha von Suttner`s spirituellen Töchtern“ bezeichnet. Erkläre wie man zu dieser Annahme kam. Nutze dazu folgenden Text: https://www.deutschlandfunk.de/bertha-von-suttner-unermuedliche-kaempferin-fuer-den-100.html

Höre den Beitrag https://www.bremenzwei.de/audios/anita-augspurg-106.html und beurteile inwiefern Anita einen modernen Lebensstil führte, für welche Schwierigkeiten das damals sorgen konnte und begründe dies?

Quellen und Literatur: Kulturreferat (2014): “Die Geschichte der Frauenbewegung in München”, 3. Ausgabe, München; Kinnebrock, Susanne (2005): „Anita Augspurg (1857-1943) - Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik“ in: Frauen in Geschichte und Gesellschaft, Kuhn Annette/Rothe Valentine (Hrsg.) Band 39, Centaurus Verlag, S. 86-385; Schmidt-Thome (2018): „Sozial bis Radikal. Politische Müncherinnen im Porträt“, Allitera Verlag, München;

SEXUALETHIK IN DEN MEDIEN


EINE KURZE ZEITGESCHICHTE


Nomen und Werte verändern sich durch Diskurse. Indem bestimmte Themen wie zB Homosexualität aus der Tabuisierung gehoben werden, werden sie sichtbar und die Menschen sprechen darüber. Ein darauffolgenden Diskurs ermöglicht es, Werte und Normen anzupassen und erlauben eine Schrittweise Angleichung an die Realität.

Der aufkommende Kinofilm schuf 1919 den ersten Skandal mit einem Plädoyer für die Entkriminalisierung der Homosexualität das „Anders als die Andern“ (D, 1919, Regie: Richard Oswald). Der Film führte zu äußerster Empörung bei konservativen Politikern und Presse. Er wurde als „unsittlich und moralisch dekadent“ betitelt. In Folge wurde 1920 das erste Reichslichtspielgesetz (Vorläufer des Jugendschutzgesetzes) verabschiedet, es ermöglichte ein generelles Verbot von Filmen. Im gleichen Jahr wurde der Film „Anders als die Andern“ verboten, sämtliche Kopien wurden eingezogen und vernichtet.

Nicht nur in Deutschland unterlagen Filme, die sich für sexuelle Freiheit einsetzten, staatlichen Zensurbeschränkungen oder der Selbstkontrolle, auch in den USA verpflichteten sich Produzentinnen und Filmverleihe zur Einhaltung des Production Codes. Dieser wurde 1930 entwickelt, um Zensurbestimmungen aus dem Weg zu gehen. Als wichtigste von sieben Regeln galt es, Obszönität in allen Formen zu verbieten. Dazu wurde auch die Darstellung oder gar Rechtfertigung gleichgeschlechtlicher Lebensformen angesehen. Da der Anteil an toleranten und homosexuellen Menschen unter den KünstlernInnen und Filmschaffenden sehr hoch war, gab es zahlreiche heimliche Versuche, sich in Filmen für Toleranz einzusetzen, ohne offen gegen den Haus-Code zu verstoßen. Der Spielfilm „Celluloid Closet – gefangen in der Traumfabrik“ (USA 1995, Regie: Rob Epstein und Jeffrey Friedman) stellt diese Ambivalenz Hollywoods dar. 

Der Dokumentarfilm im Auftrag des WDR „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (D, 1971, Regie: Rosa von Praunheim) führte zur Gründung zahlreicher Homosexuelleninitiativen. Der Film wurde 1970 produziert und wurde nach vielen Kontroversen 1972 im WDR gesendet. Nur der Bayerische Rundfunk beteiligte sich nicht an seiner Erstausstrahlung in der ARD 1973.

Ähnliches vollzog sich auch im Kontext des Filmes „Die Konsequenz“ von Bernd Eichinger. Auch hier fand die Erstausstrahlung in der ARD am 8. November 1977 ohne den Bayerischen Rundfunk statt, da dieser den Inhalt als zu brisant empfand. Dennoch war die gesellschaftliche Stimmung mittlerweile so weit entspannt, dass der Film 1977 den renommierten Grimmepreis und 1978 den Deutschen Kritikerpreis erhielt. 

Mit seinem Auftritt in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ 1991 trat Rosa von Praunheim erneut in den öffentlichen Fokus, indem er Alfred Biolek und Hape Kerkeling als homosexuell outete. Dies war und ist sehr umstritten, passierte das Outing doch ohne das Wissen der Betroffenen. Praunheim hingegen war und ist der Meinung, dass die Veröffentlichung die Akzeptanz von Homosexuellen fördere, da die Betroffenen durch ihre Bekanntheit mehr akzeptiert würden.

Klaus Wowereits „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, diese sympathische, offensive und amüsante Aussage wurde in den Medien damals gerne vielfach zitiert und ist im Gedächtnis der Öffentlichkeit geblieben. Es stellt einen Meilenstein in der öffentlichen Akzeptanz homosexueller PolitikerInnen dar. Dieses Beispiel zeigt, wie nicht nur Medien zur Veränderung der Sexualethik beitragen, sondern auch Personen des öffentlichen Lebens, die über die Medien präsent sind. Seit dem Coming-Out des Berliner Bürgermeisters ist ein homosexueller Bürgermeister oder Bundesinnenminister nichts Außergewöhnliches mehr. 


Literatur:

Joachim von Gottberg (2017): “Plurale Medien leisten ein Plädoyer für sexuelle Selbstbestimmung” in:

Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien, Voß, Katzer (Hrsg.),

Psychosozial-Verlag.

New York New York

Tag 1

Es ist der erste Tag nach dem Frühlingsanfang. Was ich hier genau mache? Es ist DDAesk, also Dies Das Ananas. Ich sitze an meinem Schreibtisch, vor mir die große Terrassentür, mein Blick fällt auf das trockene Grün draußen. Nicht das sie jetzt irgendwelche falschen Vorstellungen bekommen. Es ist eher keine Terrasse als mehr ein kleiner Austritt nach draußen. Insofern konsequent, als dass er sich an die Größe des Appartements anpasst. Und auch draußen wartet keine grüne Gartenoase. Meine Aussicht das Gebäude der Rentenversicherung direkt gegenüber, wenn man sich an die eine Ecke des Raumes stellt, ist es das Bauamt, was man sehen kann. Behördendistrikt hier wohne ich.  Es riecht wenigstens nicht nach Pisse.

Es ist Ende März und nachts noch verdammt kalt, daher läuft die Heizung. Eigentlich sollte ich das lassen, seitdem die Gaspreise explodiert sind aufgrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine.  

So jetzt habe ich es Ihnen doch gesagt, ja es ist Krieg. Eigentlich wollte ich Ihnen davon nicht erzählen, also zumindest nicht so lange, bis ich nicht ausreichend über meine Befindlichkeiten geredet habe. Wer hört mir denn sonst zu. Und man muss auch dazu sagen, es ist akuter Krieg in der Ukraine, dort fallen Bomben, hier nicht. Hier gehen alle zur Arbeit. Nein das ist nicht ganz richtig. Hier fahren alle zur Arbeit. Vor allem in Autos. Mir gefällt die Vorstellung, dass Sie diesen Text hier in einer so weiten Zukunft-Zukunft lesen, dass Sie sich jetzt fragen, was Autos eigentlich sind. Neben der Arbeit steht auch der Frühjahrsputz an und man überlegt sich, ob man nicht doch eine neue Übergangsjacke brauchen könnte.  

Vor mir liegt die Tafel Schokolade, Virunga 70 % Kakaoanteil, seit ein paar Wochen nur dunkle Schokolade, davon kann man immer nur maximal 2 Rippen essen, danach ist man es satt. Aber es hilft gegen den Süßhunger, da es wie gesagt seit ein paar Wochen kein Zucker mehr gibt, ist nur noch das geblieben. Also freiwilliger Zuckerverzicht. Das ich darauf noch explizit hinweise hat den Grund, dass Zucker der Tage in Russland durchaus knapp wird. Es gab schon Berichte von Hamsterkäufen. Die kennen wir hier in Deutschland auch. Wir haben mal Klopapier gehamstert, das ist unsere Art der Welt zu sagen, dass wir echt in allen Situationen immer ein trockenes und sauberes Höschen haben.  

In der Buchhandlung war ich heute auch und habe mir “New York und der Rest der Welt” gekauft. Fran Lebowitz so viel Ehrlichkeit vor sich selbst und zu allen anderen muss man erstmal können. Ich habe vorhin die ersten zwei Kapitel gelesen. Blättere nochmal in den ersten Seiten, um ein bestimmtes Zitat zu finden. Dabei überfliege ich noch ein paar weitere Sätze der Passage des Buches und finde folgendes “Wenn Sie das brennende, nicht zu unterdrückende Bedürfnis zu schreiben oder zu malen überkommt, essen Sie einfach etwas Süßes, und die Aufwallung gibt sich.” Oh nein, ich glaube es ist zu spät Frau Lebowitz, ich habe schon angefangen zu schreiben und das auch noch über was Süßes.  

#Sourrounded by Bullshitters

DIE SSdS-METHODE

Es ist ruhig geworden in der Domstadt an der Donau, die „Main Season“ ist vorbei, Touristen und Schiffe sind weitergezogen. In den Gassen der Stadt, in den Cafes gibt es sonnige Plätzchen, endlich wieder. Auch die Studenten haben die Stadt verlassen, ziehen von einem Praktikum zum nächsten, arbeiten oder sind im besten Fall auf Reisen. Vielleicht auch alles auf einmal oder einfach nur bei Mum und Dad abhängen. Ausruhen denn das nächste Semester kommt bestimmt.

Doch ein paar wenige Studenten sind dennoch umtriebig. So auch Pia, 23 Jahre alt und Psychologiestudentin. Sie treffe ich in der Notaufnahme des örtlichen Klinikums zum ersten Mal, an einem Samstagabend. Der Tag war bis dahin sonnig und heiter, bis mir Pia ihre Story erzählte.

Sie berichtet mir von ihrem Alltag an der Universität. Wie an vielen deutschen Universitäten werden auch hier in der Domstadt die Ansprüche an die Studenten immer höher und starrer. Immer mehr Lerninhalte sollen in immer kürzerer Zeit in die Köpfe der Studenten, immer auf der Jagd nach dem nächsten Credit-Point. Ach Bologna, wie bist du schön, wie sehn ich mich nach dir! Kein Zufall also, dass sich auch die Universität der Domstadt schon sehr frühzeitig an der Umstrukturierung der Studiengänge im Sinne von Bologna beteiligte. Neben dieser neuen Struktur kommt auch noch der gesellschaftliche Druck hinzu, bloß nicht ohne Studienabschluss und vor allem in Regelstudienzeit die Uni verlassen. Der Start ins Arbeitsleben darf ja nicht verzögert werden, nur angepasst und erwartungskonform, nur so wird das was mit der Traumstelle. Traumstelle? Wissen viele gar nicht was das sein soll. Warum nicht? Na weil kein Freiraum mehr existiert, um zu sehen was wirklich die eigene Flamme entfacht. „Jemand der für eine Sache brennt!“, schöne Illusion und Traumvorstellung. Doch eher hört man „Ihr sollt es doch mal besser haben als wir“, „Altersvorsorge“ oder „Wer soll sonst unsere Leute bezahlen?“ Aber eigentlich sind wir alle so mit Sollen beschäftigt, dass das Wollen irgendwie nicht stattfindet.

Tja, da muss man sich als Student schon was überlegen wie man Traum und Realität zusammenbringen kann. Wie grausam wäre die Vorstellung eines Alt-Hippie-Studisten, der sowieso erst gegen Mittag aus dem Bett kriecht, nur um sich erstmal gemütlich einen durchzuziehen. Easy going! Nein, diese Zeiten sind doch endgültig vorbei. Zeiten von freier Inspiration und Reflexion der Gedanken forget it! Klare Muster, Vorhersehbarkeit, systemkonform und der ewige Run auf „credit points“ nach Macht und Ruhm, das ist der neue Shit. Aber halt, so ganz sind diese psychoaktiven Helferlein noch nicht verschwunden. So ist es doch üblich, also kommt vor, dass viele Studenten mit Ritalin und Co. vom kleinen auf Drogen gesetzten Bruder oder aus der Klinikapotheke oder vom befreundeten Mediziner, ja auch Medizinstudenten kräftig bei der eigenen Leistungskurve nachhelfen. Ob das alles so fair Play ist? Ja keine Ahnung ist es möglich, wird es auch passieren, schließlich will sich kein Student davon die Butter vom Brot nehmen lassen. Wer fair ist verliert. Sie wollen schließlich alle ebenfalls ganz oben mitspielen, aber sie haben auch gelernt „Keine Macht den Drogen“. Daran wird schon was dran sein, soll ja auch nicht so gut für die Gesundheit sein. Und die gilt es unbedingt zu huldigen, Perfektion at it´s best halt. Daher musste eine Lösung für dieses Problem her. Wie lässt sich die Gehirn-Leistung steigern ohne Substanzen? Wir wären ja nicht an einer Universität, dem Lernraum der Genies, wenn sich dort nicht auch eine Lösung dafür finden ließe. Es fügte sich, dass es an der Universität in der Domstadt einen hervorragenden Psychologie-, Chemie- und Physik Forschungsbereich gibt. Immer weiter und stetig klettert der „Rising-Star“ auf der internationalen Rangliste nach oben.  Hier tat sich also eine kleine Gruppe von Psychologie-, Chemie- und Physikstudenten vor gut einem Jahr zusammen, um dieses Problem zu lösen. Sie machten sich an die Entwicklung einer Methode, die es ermöglicht, seine Gehirn- insbesondere Gedächtnisleistung zu steigern. Mittels dieser SSdS-Methode ist es möglich, die Synapsenaktivität mittels Schmerzimpulse zu steigern. Der Traum einer unendlichen Leistungsfähigkeit würde wahr, wenn die Forschergruppe es schaffen könnte, die Methode so weiterzuentwicklen, dass sie in jeder Hausarztpraxis umsetzbar wäre. Doch bis dahin sollte es noch zu unzähligen sogenannter Unfälle an freiwilligen Testern kommen. Denn die Parole lautet, wer Erfolg will, muss Schmerz ertragen!

WIR in Krieg und Frieden

Berlin Friedensdemo 27.02.22

Heute ist Samstag, der 26.02.22 vor gerade einmal zwei Tagen begann die Invasion der russischen Truppen in der Ukraine. Die Gedanken sind überfüllt mit Bildern und Nachrichten, kaum zu verarbeiten. Die Emotionen rasen nur so durch den Körper und das Herz. Und immer wieder diese eine Frage was passiert hier bloß. Es wird klar es wird bewusst, es ist Krieg. Hilflos, ohnmächtig prasselt alles auf einen ein. Ich muss hier raus, was tun irgendwas. Daher sitze ich jetzt im Zug nach Berlin und schriebe diese Zeilen.  

Wenn ich heute an die Ukraine denke, sehe ich Menschen, die um ihr Leben fliehen, deren Zuhause, deren Heimat zerstört wird. Ich sehe die tapferen ukrainischen Widerstandskämpfer und Kämpferinnen, die mit allen Mitteln ihre Heimat gegen Goliath zu verteidigen versuchen. Ein Präsident, der mutig jedem sagt, um was es jetzt geht. Männer und Frauen, die um ihr Zuhause kämpfen. Ein Kampf der Ukraine sich gegen die Übermacht Russlands zur Wehr zu setzen, den die Ukraine nicht erst seit dem 24.02.22 führt, sondern seit der Auflösung der ehemaligen Sowjetunion, indem es versucht, die selbst gewählte freie Demokratie gegen Russland zu verteidigen. Leider ohne besondere Hilfe der westlichen europäischen Staaten. Daneben sehe ich aber auch Menschen in Russland, die sich nicht blenden lassen von Propaganda und Putins Konstruktionen und tiefes Mitgefühl mit den Menschen empfinden, die jetzt in dieser Art Krieg leben müssen, indem man seinen Kindern unter Tränen Lebewohl sagen muss. Ich sehe zwei Völker, die aus ihrer Ursprünglichkeit der Rus eigentlich Brüder und Schwestern sein sollten. Ich sehe einen Angriff von Putin und seinen Befürwortern, die einfach schlechte Menschen sind, machthungrig und rücksichtslos die eigenen Interessen vertreten. Die von einem wiederauflebenden Großrussland träumen und denen weder Menschenleben im Ausland noch der eigenen Bevölkerung was wert sind. Doch Kein Volk sollte durch eine kleine Gruppe oder eine Person beherrscht werden. Es kann nur sich selbst beherrschen, nichts anderes ist Demokratie darum “stand for democracy stand for Ukraine”. 

Das ist nun drei Tage her, zwei Tage nachdem weltweit aber vor allem in Europa die Menschen auf die Straßen gegangen sind Berlin, Amsterdam, Prag, Madrid, Istanbul, Paris aber auch in vielen kleinen Orten, um zu zeigen, dass Krieg niemals eine Lösung sein darf und das sie vor allem bei und mit den Menschen in der Ukraine sind. Diese Solidarität ist das was jeder tun kann, es scheint klein und unbedeutend, ist es aber nicht. Es muss nicht immer jeder Einzelne über sich hinauswachsen, um Großes leisten zu können, es genügt, wenn jeder sein Möglichstes tut, denn erst zusammen, mit der Kraft der vielen, wachsen wir wahrhaftig über uns hinaus. Es ist die gemeinsame Idee, die so zu einer gemeinsamen Geschichte wird. Jeder wird so ein Teil davon, macht sie sich zu eigen. Und dann ist diese Geschichte nicht mehr egal und ganz weit weg, sondern bewusst und beeinflusst unser Handeln, wird weitererzählt und weitergetragen. Schafft Identität.  

So zeigt sich Europa in diesen Tagen als ein Kontinent der vielen Länder, die wenn es darauf ankommt, die eigene Freiheit und die Idee der Demokratie zu verteidigen, zusammenrücken. Das was es heißt, in Freiheit leben zu können, freier Zugang zu Informationen, freier Journalismus, freie Nutzung von Internet, freier Zugang zu Arbeit und Markt, größtmögliche Freiheit seinen Weg zu gehen, wie man es möchte und vor allem eine freie und starke Zivilgesellschaft. Sie organisiert Hilfen, sie unterstützt ehrenamtlich, sie entwickelt Ideen für Fortschritt und sie wird laut und kommt zusammen. Sie ist das Gewissen.  

Ich sehe heute ein Russland, das hart getroffen wird von den Sanktionen, ich sehe eine russische Bevölkerung, die sich schon auf karge und harte Zeiten vorbereitet, die Eltern und Großeltern erinnern sich noch, wie sowas aussehen kann, es ist Teil des russischen Volksgedächtnis. Ich sehe ein geschlossenes Europa. Ich sehe Menschen, die Spenden und Hilfen organisieren. Menschen, die an die ukrainische Grenze fahren, um dort Hilfsgüter abzugeben und flüchtende Menschen mitzunehmen. Frauen mit ihren Kindern und minderjährige Alleinreisende, die erschöpft und im Ungewissen in Bussen und Bahnen in Polen, Deutschland etc. ankommen. Leider muss ich auch feststellen, dass diese Solidarität anderen Menschen aus Gebieten des Nahen Ostens oder Afrika nicht entgegenkommt. Und frage mich warum.  

Ich sehe Putin, der mit seinem Atomwaffenarsenal droht. Ich sehe eine deutsche Regierung, die ihre Jahrzehnte lange Verteidigungspolitik von heute auf morgen um 180 Grad dreht. Ich sehe viele Menschen, die sich Frieden wünschen. Frieden und Freiheit, die heute mit Waffen verteidigt werden müssen wie so oft in unserer Geschichte.

Ich wünsche uns allen Frieden egal wo auf dieser Welt, ich wünsche uns Solidarität unter den Menschen weltweit, egal woher sie kommen und egal wohin sie wollen. Ich wünsche uns Erkenntnis und Besonnenheit. Ich wünsche uns Liebe. 

Extra: 

Die Pandemie und auch dieser Krieg zeigen eindringlich, wie effektiv und schnell Dinge umgesetzt werden können. So wurde der EU-Beitritts-Antrag der Ukraine unbürokratisch auf den Weg gebracht, was jahrelang von der EU hinausgezögert wurde. Da kann man sich schon fragen, warum ist das jetzt möglich und damals nicht. Das liegt wohl am Wesen des Krieges, es ist ein Ausnahmezustand, der schnelles Handeln einfordert, da mit jedem Tag mehr Menschen sterben und mehr zerstört wird. Krieg stellt die unmittelbare Dringlichkeit in den Raum, die es in Friedenszeiten nicht gibt. Im Frieden wird alles abgewogen, ein Gefühl der ewigen Zeit, und wenn man alles haben kann, möchte man auch das vermeintlich Beste für sich herausholen. Zweifeln wird häufiger nachgegeben und Kompromisse oder Wagnisse haben seltener eine Chance. Das ist der 100 Prozent alles richtig gemacht Fall, der einem maximale Sicherheit verspricht. Und den es eigentlich gar nicht gibt. Bestes Gegenbeispiel, um zu zeigen, wie sich die Unmittelbarkeit einer Bedrohung auf, die daraus zu ziehenden Konsequenzen auswirkt, ist der Klimawandel, der sich nur allmählich steigert, bis wir den “point of no return” überschritten haben und es dann wohl ganz schnell sehr unangenehm werden kann. Spätestens dann haben wir auch die Rückkehr der Dringlichkeit.

Notizenordner

Aus den Notizen

Ich habe mal wieder in meinem Notizordner gestöbert und den Beginn einer Kurzgeschichte gefunden.

Schöne neue Wahrheit

Der Traum ist transformativ.

Unser Leben ist transformativ.

Die Wahrheit ist transformativ?

Aus der Forschung der Psychologie und Neurologie: „Wir träumen die ganze Zeit. Nur manchmal sind wir dabei im schlafenden und dann wieder im wachen Modus. Sind wir in einem bewussten Zustand, wird der Traum von den Reizen und Eindrücken der Umgebung beeinflusst.“ Sie ließ die Zeitung auf den dunklen glatten Holztisch vor sich sinken und starrte auf die Worte, die sie gerade gelesen hatte. Sie schienen, weiterzulaufen und sich zu vermischen mit der dunkelbraunen Maserung des Holzes unter dem Furnier neben der Zeitung. Wenn wir also immer träumen nur unter anderen Voraussetzungen, was bedeutet dies für die Wahrheit, für ihre Wahrheit? Sie wurde etwas nervös, ihr Bein wippte leicht auf und ab. Der Kaffeelöffel auf der Untertasse klapperte leicht. Irritiert blickte sie auf die anderen Besucher des kleinen altmodischen Cafés, als könnten diese ihre Gedanken lesen wie kleine Sprechblasen über ihrem Kopf. Sie war gerne hier in diesem Café. Wenn die Tür sich öffnete, konnte sie eine leichte Brise, die von der Alster her wehte, riechen. Ein bisschen Meer. Diese Gedanken sie fesselten sie immer wieder schon seit einiger Zeit, ihre Gedanken an diesen Mann. Die Person, die ihr so vertraut und gleichzeitig auch so fern ist. Scheiß Internet, fegte es durch ihren Kopf, nervös legte sie ihre Haare auf eine Seite der Schulter zusammen. Dann erhellte sich ein Fleck auf der Zeitung, das Iphone ertönte, der Ton, dieser Ton, der Trommelspieler ihres klopfenden Herzens…er ist es…Sie griff unter die Zeitung und sah die Push-Nachricht seiner Nachricht auf dem Bildschirm, übertrieben glücklich wischte sie die Nachricht auf. Wunderbares Internet!

#worldwide west

GRILLEN TÖTET!

Ich sitze hier am kleinen Küchentisch in einer kleinen aber warmen Wohnung und denke nach.

Im Jemen sitzt eine Frau mit ihren vier Kindern in einer Hütte mit nur einem Zimmer und macht sich darüber Gedanken, woher sie das Geld für das Essen der Kinder auftreiben kann.

Während ich meine Gedanken in das Programm meines IPhones tippe, brennt ein wirtschaftlicher Wettlauf auf Rohstoffe wie seltene Erden.

Ich sitze hier alleine, es wurde schließlich allgemein für richtig angesehen, jetzt Menschenkontakte zu meiden. Währenddessen sitzen am anderen Ende der Welt Millionen Menschen in Slums in Zimmern zu zehnt. Teilen sich eine Toilette, sauberes Wasser eine Seltenheit.

Und gar nicht so weit von mir entfernt vegetieren Menschen wieder in Lagern auf Inseln auf europäischem Boden.

Ich denke an die griechische Antike mit ihrer Mythologie, die Geburtsstunde der heutigen Zivilisation.

Während Menschen im Nahen Osten immer noch im Namen Gottes gefoltert und getötet werden.

Ich lebe in einem Land, in dem es keine Todesstrafe mehr gibt, und doch Menschen offen fordern, Juden, Moslems, Flüchtlinge, Politiker und linksgrün versiffte an den Baum zu hängen wie Judas.

Ich überlege welche Möglichkeiten ich habe, nun in dieser Ausnahmesituation den Lebensunterhalt zu sichern, Job, Hilfen, Kredit. Ich werde nicht verhungern. Dagegen lebten Tagelöhner in Indien von der Hand in den Mund und leben jetzt vielleicht gar nicht mehr.

Alles ist offen.

Während ich die Blumen-Arrangements für die Beerdigung meiner Oma im Blumenladen bestelle, überlegen sich die dominantesten Technologiekonzerne wie Tesla und Google, wie sie eine ewig lebende hyperintelligente KI realisieren.

Während ich diese und auch alle meine anderen Gedanken frei und ohne Konsequenzen äußern darf, gibt es in China eine Zensur des Internets, der Medien, werden Menschen verfolgt und mundtot gemacht.

Politik und Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch.

Demokratische Politik braucht Pressefreiheit. Denn ohne freie Presse sind wir am Arsch!