Ein Experiment: Mit Phasen von Poesie & Prosa, Politisches & Philosophisches & Persönliches… Nach der Fiktion ist es Zeit für Realität … Ein Versuch für mehr Traum in der Realität.
Der alte IC rattert über die Schienen, die durch das spätherbstliche Land führen.
Er
hat die kalte metall-gläserne Welt der grauen Bankenmetropole hinter
sich gelassen. Nur noch die sich auflösenden leblosen Schleier der
Hochhäuser erinnern an eine Welt zwischen Himmel und Erde.
Während
vor mir die Landschaft wieder langsam grüner wird, zieht eine alte,
verfallende Fabrik träge an meinem Fenster vorbei. Neugierig blicke ich
zwischen die dunklen Schluchten der Türme, Maschinen und Stahlgerüste.
Ich überlege, was hier wohl mal produziert wurde. Suche nach einem
Schriftzug, der mir einen Hinweis gibt, kann es aber nicht ausmachen.
Eine Fabrik scheint fast wie jede andere.
Der
Zug zieht weiter und viele Bäume und Sträucher drängen sich in mein
Bild. Dabei fallen mir erst vereinzelt, dann immer mehr unterschiedlich
große Steine auf. Sorgsam angeordnet scheinen sie. Es sind Grabsteine.
Hier in dieser wenig lebensfreundlichen Welt ein Friedhof. Ich fixiere
die einzelnen Grabsteine, es sieht alles gepflegt aus und ich frage
mich, wer hier wohl liegen mag und wer sie besucht.
Ein kurzer Moment rauscht durch meinen Kopf, ein Leben lang in der Fabrik und mit dem Tod gleich auf ewig nebenan begraben.
Die
Fahrt geht weiter, die Landschaft wird immer schöner, entlang des
Rheins von Bingen bis Koblenz. Die Weinhänge erstrahlen zu dieser
Jahreszeit im schimmernden warmen Gelb, Orange, Braun und Rot.
Die
Durchsage, bald bin ich da. Ich schließe die Augen und genieße die
leichten Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die durch das große Fenster
fallen. Es scheint fast so, als könnte ich für einen kurzen Augenblick
in die Zukunft blicken, zeitenlos.
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, fast schon beiläufig, wie ein älterer Mann zwei kleine Figuren aus Ton auf meinen Nebensitz legt. Dazu hinterlässt er eine kleine gelbe Karte. Dann geht er weiter.
Ich
halte kurz inne, dann lese ich die Karte. Es ist eine Botschaft darauf
zu lesen. Der Mann ist gehörlos und bittet um Geld. Vier Euro und als
Gegenleistung erhält man eine dieser Tonfiguren. Wenn man mehr gibt,
wäre das sehr entgegenkommend. Mir fallen die organisierten
Bettlerbanden aus Rumänien und Bulgarien ein. Ebenfalls fällt mir auf,
wie anders sich der Mann gibt und wie er sich in der Öffentlichkeit
bewegt.
Ich
suche in meinem Geldbeutel, habe nur noch einen 20 Euro-Schein dabei,
mein letztes Bargeld. Daraufhin beschließe ich, den Mann zu fragen, ob
er wechseln kann. Aber mit welcher Geste mache ich das deutlich, frage
ich mich. Er kommt wieder an meinen Platz. Ich halte den Schein hoch und
deute an, dass ich wechseln möchte. Er nickt mir höflich zu und schaut
mich ruhig an, während ich mit meiner linken Hand 5 Euro zeige. Der Mann
beginnt in seiner Tasche zu kramen und überreicht mir das Wechselgeld,
während ich ihm meinen Schein gebe.
Dann
schaut er mich wieder ruhig und fragend an, lässt seinen Blick auf die
beiden Tonfiguren sinken. Beide blicken wir jetzt auf die Figuren herab.
Er fragt mich so, welche ich denn gerne möchte. Ich deute auf die grüne
Schildkröte und er überreicht mir diese, während er die andere flink
wieder in seiner Tasche verschwinden lässt, bevor er sich mit der
Gehörlosengeste für “danke” verabschiedet und im Zug verschwindet.
Ich
halte die grüne Schildkröte in meiner Handfläche und bemerke jetzt
erst, dass auf dem Rücken der großen Schildkröte eine kleinere
Schildkröte sitzt, die wiederum eine noch kleinere Schildkröte trägt.
Wie passend denke ich mir, das Bild für Solidarität.
Wieder ertönt die Stimme des Zugkontrolleurs, nur noch ein paar Augenblicke und ich habe mein Ziel endlich erreicht.
Mit der Verhaftung der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete vor wenigen Wochen hat die Mittelmeerproblematik erneut einen tragischen Tiefpunkt erreicht. Mit der Spendenaktion von Klaas Heufer-Umlauf
und Jan Böhmermann und den zahlreichen von der Seebrücke initiierten
Demonstrationen in ganz Deutschland (Europa/New York), erreichte die
öffentliche Aufmerksamkeit einen Höhepunkt.
All
dies ist gut und wichtig, denn es sind Zeichen, Zeichen der
Gesellschaft an die politischen Verantwortlichen in ganz Europa, human
und vor allem aber menschenrechtskonform zu handeln. Denn das Recht auf
Leben ist ein Menschenrecht und die Wahrung bzw. Rettung dieses Lebens,
wie es die Seenotretter beständig leisten kein Verbrechen.
Für Ihren Einsatz wurde den Crewmitgliedern der Iuventa am 22.07.19 der Max-Dortu-Preis
für gelebte Demokratie und Zivilcourage der Stadt Potsdam verliehen.
Einer der Mitglieder gab zu bedenken, dass auch dieser Preis ein
wichtiges Zeichen ist, aber wie es auch Carola Rackete in ihrer Voice-Nachricht an die Demonstranten bereits betonte, müssen diesen Zeichen endlich Taten folgen.
Dieser
Aufruf richtet sich vor allem an die Politiker, aber auch an alle
anderen in der Gesellschaft nicht aufzuhören, für die Umsetzung bzw.
Einhaltung der geforderten Rechte (Recht auf Leben und Asylrecht)
einzustehen, also weiterhin die Stimmen zu erheben und die Helfer zu
unterstützen.
Längere
Zeit bevor die Seenotrettung in diesem Sommer erneut so viel
Aufmerksamkeit erlangte, gab es die wunderbare Kunst-Aktion
#Flaschenpost. Hierbei konnte man kleine Schiffchen basteln und diese an
unterschiedlichen Orten “zu Wasser lassen”, fotografieren und in den
sozialen Netzwerken teilen. Man konnte die Schiffchen aussetzen und mit
kleinen Botschaften versehen. Dadurch wurde eine breite Masse auf die Problematik aufmerksam.
Um
der Aktion mehr Bedeutung zukommen zu lassen, haben wir ein
Schiffchenvideo erstellt, um allen Beteiligten für ihren Einsatz zu
danken und gleichzeitig das Thema “Seenotrettung” in den Fokus zu
setzen. Denn wir meinen, es darf nicht sein, dass in einem
demokratischen Europa, seit Jahren tausende Menschen im Mittelmeer
ertrinken, weil ihnen die Rettung bzw. die sicheren Zugangswege verwehrt
werden.
Daher teilt das Schiffchenvideo auf euren Accounts mit den
#FlaschenPost
#Seenotrettung
#Seebrücke
#BinAnBord
und
sagt danke an alle Beteiligten und setzt damit ein klares Zeichen für
sichere Zugangswege und eine humane Flüchtlingspolitik.
Was sind deine Gedanken wenn du an das Meer denkst?
Ich möchte dir erzählen woran ich denke:
Es ist früh am Morgen.
Bevor ich es sehe, schmecke und rieche ich die salzige Luft die vom Meer ins Innere des Landes weht, erst viel später höre ich das Meer und denke, es ruft nach mir. Dann, wenn ich durch die hohen und langen Dünen gehe, erst dann können meine Augen das Meer sehen.
Die Zeit des Sonnenaufgangs.
Da liegt es vor mir, das Element ohne das ich nicht existieren kann.
Die Wellen sind an diesem Oktober Morgen besonders hoch. Ein starker Wind treibt sie an den Strand wo sie sich ganz weit auslaufen. Der Meeresschaum legt sich wie Schnee an den Strand. Hin und wieder stieben sie in der Dunkelheit einzeln weiter zu den Dünen als ob sie Schneeflocken wären.
Ich beuge mich nach unten und nehme eine Handvoll Schaum. Ich…
Gedacht: mitternacht Halb acht Aufgewacht gedanken gemacht Laut gelacht Wer hätte es gedacht gott hat die Menschen Nicht gemacht Weiter noch bedacht Auch die Zeiten Haben sich verkracht Es ist soweit heiterkeit Oder Wahnsinn Meinen Geist befreit grenzen allesamt dahin Hüpfe freudig vom Stein Zum Sein Alles heut und morgen Bleibt mir nicht verborgen. wasser fließt verwoben. Und verknüpft als Als Welten Wie Wasserspiegel Verschoben. Steht mir bis zum Hals. Zieht mich hinab, Nach oben. Am Fuß federleichter Ziegel, Fliegen - Jetzt - Weggeflogen.
Ananassi
Wenn dein Kopf sich immer weiter füllt, Tag für Tag mit dies und das, was alles unter sich begräbt. Es gibt dort etwas, dass sich nicht begraben lässt. Spätestens in dem Moment der Stille, in dem nichts mehr nachkommt, blitzt es auf, verstärkt sein Leuchten und du spürst irgendwann kannst du es nicht mehr halten. Das ist der Gedanke der dich leitet. Das Leben ist Theater, aber auch Theater ist Wirklichkeit. Ich erfahre mich durch dich und du siehst in mir dich selbst.
Auf was wir eigentlich warten, frag ich mich. Während manche an der Ampel stehen und auf das Signal warten, gehen andere über die Straße. Nun zumindest drücken wir noch auf den Knopf, so manch einer steht einfach nur an der Straßenseite und wartet auf was auch immer. Harrt still und mit gesenktem Kopf am Straßenrand. Mensch will man rufen drücke das Signal und du wirst sehen, es wird auch für dich grün werden. Hier ist das System absolut gleichberechtigend an der Straßenkreuzung. Kenne deine Möglichkeiten und nutze sie. Und dann die Momente in denen man scheinbar keine Zeit hat um den Knopf zu bedienen, man hastet auf die Straße zu, schnell rechts und links, dann, das schaff ich und spurtet über die Kreuzung. Es ist eine Entscheidung welche Regeln halte ich ein und welche nicht, wann kann ich das Risiko selbst überblicken, wann traue ich mir zu, dass ich auf das regelnde Sytem verzichte, mit der Konsequenz der vollen Risikotragung. Ein allgemeines stetig blindes Vertrauen führt wohl zu keiner befriedigenden Situation. Das immer verantwortungsvolle Überdenken und auch Hinterfragen, halte ich für entscheidend. Ein der Sicherheit dienendes System ermöglicht ein Zusammenleben vieler. Blindes Vertrauen in jede Regelung sollte daraus jedoch nicht erwachsen, wieviel System-Ungehorsam bestärkt das System und ab wann wird die Neu-Interpretation der System-Regeln gefährlich?
Aus der Kategorie: wenn dir… Zitronen… dann… Limonade…! Gerade wenn man denkt, man hätte seine Sachen einigermaßen im Griff, denkt sich irgendwer, nope!, das machen wir anders. Ist doch auch viel spannender und lehrreicher. Man will sich ja wieder mal so richtig spüren, leben! Echte Emotionen. Folgend also eine Momentaufnahme und ihre textlichen Folgen.
Pop. So heißt das neue Kabarett-Programm von M. Tretter und hatte am 16.02.19 Station in der Alten Mälze. Mit Pop mag man zunächst nur leicht verdauliche und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachte Musik im Stile von Lady Gaga bis Max Giesinger assoziieren. Schnell eingängig, gefällig, aber oft auch schnell langweilig.
Wenig eingängig und schnell ging es vor der Tür zu, begrüßt am heiligen Pult der Gästelisten und Tickets, gab es kein Vorbeikommen. Gästeliste? Ja schauen Sie doch mal, ich müsste draufstehen… Leider Nein! Deprimierendes Bild der Selbsterniedrigung kennt man ja aus dem Popiversum. Degradiert zum Ausharren und Abwarten vielleicht tut sich ja noch was, wie Teenies vorm Backstage auf einem Mark Forster Konzert.
Hastig wird eine Email ins Handy getippt. Was passiert nun mit all meinen gedanklichen Fragen zu Pop, wie wird der Kleinkunstpreisträger Tretter wohl den Polit-Pop zuspitzen? Aufhänger gäbe es genügend, von Christian Lindner und seiner dominat geführten Außendarstellung, erinnert stark an Instagram-Sternchen oder der kabarettistischen Blaupause Donald Trump. Bis hin zu den Gassenhauern der Polit-Parolen wie „Fake News“/ „Lügenpresse“, „Systempartei“ und „Deutschland den Deutschen“, durch ständige Wiederholung ins Hirn geschliffen und hängengeblieben.
Da wünscht man sich die Vinyl zurück, die endete wenigstens irgendwann. Aber auch die blieb mal hängen, drehte sich in Dauerschleife bis die Toleranzschwelle des Ertragbaren überschritten wurde und sich endlich einer erhob, um dem Kasten einen Tritt zu verpassen. Wie tritt Tretter nach? Lässt der studierte Germanist Tretter diese Parolen wie einen Refrain eines Popsongs in seinem Programm aufpoppen wie kleine Giftpilze, um sie dann genüsslich im Publikum abzuernten? Welche Dosis an psychoaktiven Sprachmitteln lässt er zu, um sein Publikum zu berauschen, doch noch viel wichtiger, womit holt er sie wieder zurück in die Realität?
An diesem Abend werde ich die möglichen satirischen Sternstunden des Pop-Sternchens nicht mehr erleben. Der Meister des Hauses hat gesprochen, keine Besucherritze mehr frei, auch nicht für den Pressefritzen. Und Tschüß, zurück in die sternenklare Nacht. Klare Kante, ein bisschen unangenehm und ohne erlösende Pointe für mich, so also verwandelt sich Pop in Punk. Wer M. Tretter selbst einmal in seinem „Pop“-Universum erleben möchte, kann dies deutschlandweit bis in den Dezember 2019 hinein. Für noch mehr Tretter wird in der WDR5 Radiosendung Politikum seine Kolumne veröffentlicht.
Manchmal da ist es einfacher einfach mal den Mund zu halten und die Worte aufzuschreiben. Und dann steht es auf dem Papier, wo ich dann die Worte sortier. Wie Gedanken, es bleibt dann liegen die Gedanken und das Papier, so reihen sie sich ein und streunen nicht mehr konfus im Kopf herum. Und bei einem erneuten Blick auf das Geschriebene eine kurze Zeit später, hat sich der Blick darauf schon wieder etwas verändert. Gedanken, sie sind flexibel und an die Zeit gebunden.
Daher für zwischendurch etwas geschriebene Gedanken:
In einer Welt in der immer mehr Möglichkeiten erwachsen, fühlen sich viele gehetzt, abgehängt oder ohnmächtig. Aus alles ist möglich wird für viele schnell alles MUSS möglich sein. Mehr Erfolg, mehr Spaß, mehr Highlights, mehr Klicks, mehr Perfektion… doch halt all dies kehrt sich irgendwann ins Gegenteil, Depression und Angst sind in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Daher wäre ein erster Schritt, der Schritt zurück, etwas die Distanz zu den Dingen gewinnen. Etwas Gelassenheit und Zuversicht.
Als müssten wir...
Als müssten wir uns schützen. In Köln einmal im Jahr jeden Fremden bützen. Als müssten wir uns wehren. In Bayern schießen sie Hasen, Wölfe, Bären mit Gewehren. Als müssten wir hier unser Hab und Gut verstecken. In München jeden Sommer lecker Vegan-Eis schlecken. Als müssten wir die anderen bespitzeln. In Berlin-Mitte jeden Abend die Kinder kitzeln. Als müssten wir uns gegen andere entscheiden. In Sachsen da feiern jeden Sonntag nur die Heiden. Als müssten wir was gegen Fremde tun. Und was macht eigentlich Max von Thun? Als müssten wir ständig der Angst recht geben. In Karlsruhe wird dem Kind der Segen gegeben. Als wüssten wir, wir wüssten, was ist das Beste. In Chemnitz essen sie heute Abend noch die Reste. Als wüssten Die, Der und Du was richtig ist. Ich sag dir was wirklich wichtig ist. Der kleine Funke, der nicht in Hass überspringt. Die Gelassenheit, die Zuversicht, die dich runterbringt. Und dann... In Rostock sich langsam der Adler in den Himmel schwingt.
Größtmögliche Freiheit für die Kunst, es folgt ein Gastbeitrag von peach.
(Foto von Anja Sontheim/@goldheim)
Kunst Der Probenraum der Realität und größtmögliche Freiheit
Kunst, als allgemeines Gut der Kultur, ist ein elemtarer Ausdruck der Gesellschaft. Die Kunst ist autonom und aufgrund dessen eine Grundlage für eine offene Gesellschaft.
Worin liegt das Potenzial der satirischen Kunst für die Reflexion einer gesellschaftlichen Stimmung? Es stellt sich die Frage: Was soll und kann Kunst leisten?
Satire ist per definitionem eine Kunstgattung, in der Form von Literatur, Karikatur und Film, die versucht durch Übertreibung, Ironie, und beißenden Spott an Personen und Ereignissen Kritik zu üben, indem sie diese der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, sie mit Scherz und Witz geißelt. Synonyme sind das Spottgedicht, Spottlied, die Parodie, Persiflage. Kunst ist schützenswert - aber warum ist dieser Schutz so bedeutend?
Die Kunst kann sich nicht selbst schützen, sie ist aber ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Verarbeitung der soziologischen, politischen, historischen, vielmehr aller Strömungen der menschlichen Natur. Sie stellt die Plattform, das Instrument der Interaktion, Präsentation etc. Nur hier kann alles auf den Tisch kommen, zensurfrei, übertrieben und ohne schnelles Urteil. Kunst als maximales Ausleben der von den Grundrechten geschützten Freiheit.
Kunst ist schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit Mitteln der Sprache, des Tons in Auseinandersetzung mit der Natur und der Welt. Es kann ein einzelnes Werk, Gesamtheit der Werke eines Künstlers, einer Epoche, künstlerischen Schaffens sein. Was soll und kann Kunst leisten? Kunst ist so mannigfalitig wie der Mensch selbst. Sie ist Teil der Kultur, das bezeichnenste Merkmal der menschlichen Natur. Kultur kann in ihrem weitesten Sinn als Ausdruck des menschlichen Zusammenlebens verstanden werden und bildet – so der britische Kulturtheoretiker Terry Eagleton - das soziale Unbewusste unserer Gesellschaft. Die Künste wirken in das soziale Unbewusste hinein und reflektieren es.* (Dr. jur. Christine Fuchs/aviso 2|2018)
Die Autonomie: Die Kunst hat in unserer Gesellschaft einen per Grundgesetz – Artikel 5 III, „Kunst… sind frei“ - geschützen freien Status, sie ist selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung, sie existiert um ihrer selbst willen. Sie ist daher autonom und findet ihren Sinn und Zweck in sich selbst. Aus dieser Autonomie und Zweckfreiheit erwächst eine gesellschaftspolitische Relevanz der Künste – aus großer Freiheit folgt großes Potenzial. So kann die Verwirklichung der künstlerischen Freiheiten und das Ausloten von dessen Grenzen dazu beitragen, dass die Freiheitsrechte des Grundgesetzes ausgestaltet werden. So sind Satiren und neue Kunstformen dazu in der Lage, die Meinungsfreiheit und Demokratie zu stärken.* *(Dr. jur. Christine Fuchs/ aviso|02-2018)
Die Satire kann somit aufgrund ihrer Autonomie aufzeigen, was laut aktuell geltendem Recht nicht geht. Indem sie sich übertrieben – angreifend - beleidigend – exemplarisch zeigt. Dabei sind sehr ausschweifende Mittel zulässig und nötig. Daneben greift sie gesellschaftliche Tendenzen hinsichtlich Moral und Wertevorstellung auf, stellt diese in ein Spannungsverhältnis und löst so beim Konsumenten eine Irritation aus, dies wiederum kann bewirken, dass der Konsument über das Thema, den Inhalt reflektiert. Der Satiriker reflektiert das soziale Unbewusste der Geselleschaft und wirkt darauf ein. Auf diese Weise gelangt es in das Bewusstsein und kann in Folge dessen in den gesellschaftlichen Diskurs gelangen.
Kunst für eine offene Gesellschaft: Durch ihre unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen, wirkt Kunst auf die Imagination und kann die kreativen Fähigkeiten entwickeln. Über Form, Farbe, Inhalt berührt sie, löst etwas in uns aus. Sie kann somit ein intensiv sinnliches Erlebnis sein. Durch diese Möglichkeit der unterschiedlichsten Darstellungen werden neue Sichtweisen produziert und dies ermöglicht es, dass die Offenheit einer Gesellschaft aktiviert wird. Dadurch kann das Individuum dazu in die Lage versetzt werden, sich selbst zu orientieren, die eigene Stellung, seine Identität innerhalb einer Gesellschaft auszuloten, mit all deren sozialen Gefügen und Wertvorstellung. Und nicht zuletzt dessen Deutung für die Welt. Durch das tiefere Erleben bildet es eine Grundlage für Empathie als Mitgefühl, ein tieferes Verständnis von sich selbst und anderen.*( Dr. Rita Maria De Muynck)
Der Gegenpol: In geschlossenen autoritären Gesellschaften, verharren Menschen in Angst. Durch ihre Hilflosigkeit ziehen sie sich zurück und diese Ohnmacht, die eigene Lage nicht beeinflussen zu können, führt zu Wut und Abwehr, zu Feindbildern, Rassismus, Migrantenhass.*(Dr. Rita Maria De Muynck) Allzu oft mündet dies in Führersuche, was immer wieder nur ein Universalrezept propagiert „Fremde für schuldig zu erklären und zu vernichten“.
Das Ansprechen negativer Emotionen ist einfacher als die kognitive Ebene zu erreichen. Vieles Plakativ und pathetisch, wie man es bei den unzähligen Populisten weltweit mitverfolgen kann. Auch hier bietet die Kunst eine Projektionsfläche für negative Emotionen, hier können diese erlebt und in einen Kontext gestellt werden. Auf diese Weise können Ängste definiert werden. Und durch den Rahmen der künstlerischen Aufarbeitung in ihrem Erleben gefärbt und kombiniert werden mit kognitiven Mitteln. So besteht die Möglichkeit ein besseres Verständnis für sich selbst und die Gesellschaft zu gewinnen. In Folge von diktatorischen Umwälzungen einer Gesellschaft, werden immer auch die freien Stimmen der Kunst und sie selbst beseitigt, sofern sie nicht den eigenen Anschauungen entspricht.
Fazit, Kunst ist schützenswert. Der Rückzug einer Gesellschaft, das Sich-schließen, kann viele Aspekte haben und muss nicht immer nur in rein diktatorischen Strukturen vorliegen, meist vollzieht sich dies in einem Prozess. Auch in Teilen einer an sich demokratischen offenen Gesellschaft kann sich ein Segment abtrennen und verschließen. Dies mag unterschiedliche Gründe haben, geringer Selbstwert als Teil einer Nation aufgrund von geringer Wertschätzung „Ländermobbing“, die diktatorische Vergangenheit – und dem Erleben, dass der Staat übermächtig war und sich in Folge dessen nur wenig Bürgerinitiative gefestigt hatte, wie sie es ein freier demokratischer Staat aber benötigt. Es wird wohl ein Zusammenspiel aller Ebenen sein.
Umso wichtiger ist es, dass eine offene Gesellschaft die demokratischen Strukturen, die humanen Wertvorstellung und die kulturelle Identität bewahrt und sich dabei weiterentwickelt. Kunst kann daher ein wichtiger Faktor sein die Problemfelder bewusst zu machen, da sie die Gesellschaft vorführt aber dabei gleichzietig warnt, indem sie radikal die Wunden seziert und ihre Konsequenzen aufzeigt. Es aber auch die erstrebenswerte Utopie, oder zumindest einen Bruchteil davon serviert, propagiert. Kunst ist eine Essenz des menschlichen Empfindens und schöpft aus allen Quellen. Eine gesunde und starke demokratische Gesellschaft hält es aus, der Kunst und somit auch der Satire die größtmögliche Freiheit zu gewähren, denn es ist zum Glück ja nur Satire und keine Realität, oder?
Und nicht zu vergessen, jemand der seine Zeit mit Kunst egal welcher Art verbringt, hat diese Zeit schon mal micht mehr um sich zu radikalisieren oder Hass zu verbreiten.